„Psychotherapie kämpft ums Überleben“ – Kundgebung am Bahnhofsvorplatz

14.07.2026
Campus-News, Arbeit
Johanna Schönberner

Zwei Psychologie-Studentinnen organisierten Kundgebung „Psychotherapie kämpft ums Überleben“. Auslöser war die umstrittenen Reform der Gesetzlichen Krankenkasse, die auch zu Auswirkungen auf die Psychotherapeutische Versorgung führen würde. Unsere Redakteurin Johanna war vor Ort, um mit den Organisatorinnen zu sprechen und die Forderungen zu beleuchten.

„Psychotherapie kämpf ums Überleben“ – diesem Aufruf waren am Freitag, 10. Juli, viele Menschen gefolgt und versammelten sich zu einer Kundgebung am Mainzer Bahnhofsvorplatz. Initiiert worden war sie von Sandra Munro und Ofra Deiglmayr (Studentinnen im Psychotherapiemaster in Mainz). Der Anlass: eine Reform der gesetzlichen Krankenkassen, der der Bundestag am Morgen zugestimmt hatte. Darin enthalten sind auch weitreichende Veränderungen in der Abrechnung von Psychotherapien – zu ungunsten von Patient:innen und Psychotherapeut:innen. Von unterschiedlichen Seiten wurde die Reform stark kritisiert.

Was beinhaltet die Reform? 

Konkret bedeutet das, dass Therapeut:innen deutlich weniger gesetzlich krankenversicherte Patient:innen aufnehmen können als bisher. Zudem „soll die Mindestvergütung von Psychotherapeut:innen abgeschafft werden“, berichtet Deiglmayr. Dies habe zur Folge, dass durch die Abschaffung die Grenze was das Gehalt angeht nach unten offen ist.

Als Folge ist anzunehmen, dass die Wartezeiten für Therapieplätze sich noch stärker verlängern werden und einige Therapeut:innen ihre Lebensgrundlage verlieren. Hintergrund der Reform sei eine Finanzierungslücke von bis zu 40 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030.

Wie kam es zur Kundgebung?

Deiglmayr habe von den Änderungen erfahren und sei sehr wütend gewesen. Dann „habe ich am Mittwochabend geschaut, ob es eine Demo gibt. Ich war traurig und verwirrt, dass das nicht der Fall war. Donnerstag konnte ich mich dann kaum aufs Lernen konzentrieren. Ich habe nächsten Mittwoch eine Prüfung zum Thema Psychotherapie. Ich war wütend, weil ich wusste es bringt nichts wenn ich das hier lerne, wenn es bald eh keine Psychotherapie mehr gibt“. Die beiden Studentinnen hätten sich beide darüber unterhalten, dass sie gerne demonstrieren würden und dann beschlossen es umzusetzen.

Wie wurde die Kundgebung organisiert?

Zu Beginn seien sie unsicher gewesen welche Maßnahmen zu treffen seien. Dann habe sie von unterschiedlichen Personen Informationen und Unterstützung erhalten. Ihr Fazit: „Im Grunde braucht man nur ein Mikro und muss beim Ordnungsamt anrufen." Zusätzlich haben sie einen Instagram-Account erstellt, um Reichweite zu generieren.

Wie lief die Kundgebung ab?

30 Stunden später hätten sich dann laut den Student:innen 300 Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt um auf die Folgen der Reform aufmerksam zu machen. Die Polizei bestätigte die Zahl. Gerechnet hätten sie zu Beginn mit 20 bis 50 Personen, so Deiglmayr. „Das zeigt einfach, dass die Wut groß ist und die Menschen nicht bereit kampflos aufzugeben“, findet sie. Auf Schildern der Teilnehmenden war zu lesen: „Psychotherapie rettet(e) (mein) Leben“, „Investieren statt Chronifizieren“ und „Wartezeit kann tödlich sein."

Wer waren die Redner:innen?

Während der Kundgebung sprachen unterschiedliche Redner:innen. Zudem gab es einen Musikalischen Beitrag von Maja Haumann (Studentin im Psychotherapiemaster in Mainz), die für diesen Anlass extra ein Lied geschrieben hatte. Zu Beginn sprachen die beiden Initiator:innen. Darauf folgten Reden von Katharina Epstein (Vertreterin der Psychotherapeut:innen in Ausbildung Rheinland-Pfalz) sowie einer betroffenen Patientin, einem Vertreter der Gruppe "Sozialistische Organisation Solidarität" und einem Vertreter der Gruppe "Kritische Psychologie". Alle machten ihr Unverständnis darüber deutlich wie man Kürzungen an Psychotherapie als Kosteneinsparung verkaufen kann obwohl die Folgekosten fehlender Therapie nachweislich deutlich höher seien.

Was fordern die Organisator:innen konkret?

„Wir wollen ein Ende der Kürzungen und, dass die Mindestvergütung erhalten bleibt. Wir wollen mehr Psychotherapie-Plätze und mehr Kassensitze. Wir wollen, dass die Weiterbildung finanziert wird“, sagte Deiglmayr. „Wir werden es nicht ohne Mucks hinnehmen“, kündigt sie an, „Das hier war ein Anstoß und zeigt, dass die Leute Bock haben sich zu vernetzen und zu organisieren. Das kann der Anfang von etwas Neuem sein.“

 

Reihe zum Thema "Studieren mit psychischer Störung"

Unsere Redakteurin Johanna schreibt zum Thema Studieren mit psychischen Störungen eine Artikelreihe, in der sie Betroffene interviewt. Bisher sind vier Teile veröffentlich worden.

Hier findet ihr den 1. Teil der Reihe zum Thema komplexe Posttraumatische Belastungsstörung.

Hier findet ihr den 2. Teil der Reihe zum Thema Depression.

Hier findet ihr den 3. Teil der Reihe zum Thema Posttraumatische Belastungsstörung und rezidivierende Depression.

Hier findet ihr den 4. Teil der Reihe zum Thema Emetophobie.