„Ich merke schon jetzt im Alltag, dass es besser wird“ – Teil 4

08.07.2026
Mental Health, Studium
Johanna Schönberner

Kyra*, Studentin an der JGU, hat eine Emetophobie, also eine übersteigerte Angst vor dem Erbrechen. Wie wirkt sich die Angst auf ihr Verhalten aus? Wie lässt sie sich behandeln? Das ist der 4. Teil unserer neuen Reihe „Studieren mit psychischen Störungen.“

„Morgen breche ich mein Studium ab“, fast jeder wird diesen Satz schon mal gedacht oder gesagt haben. Studieren birgt einige Herausforderungen. Doch wie geht es denen, die zusätzlich noch mit psychischen Problemen oder anderen Belastungen zu kämpfen haben? Das erfahrt ihr in dieser neuen Artikel-Reihe der Campus Mainz Redaktion.

Wenn ihr selbst betroffen seid, findet ihr hier einen Artikel zu Hilfsmöglichkeiten an der JGU.

Welche psychische Störung hast du?

Ich habe die Diagnose Emetophobie. Das ist die übersteigerte Angst vor dem Erbrechen, also eine spezifische Angststörung.

Wie würdest du die Emetophobie beschreiben?

Emetophobie heißt, sehr starke Angst vor dem Erbrechen zu haben. Ich habe die Erkrankung, seit ich mit acht Jahren eine heftige Magen-Darm-Grippe hatte, bei der ich mich sehr häufig und unkontrolliert übergeben musste. Seitdem lebe ich mit der Emetophobie, die sich über die Jahre immer mal wieder unterschiedlich stark und mit verschiedenen Symptomen geäußert hat.

Wie äußern sich die Symptome in deinem Alltag?

Ich denke ständig daran, wie ich eine Ansteckung mit Magen-Darm-Viren verhindern kann. Konkret bedeutet das: Ich esse sehr selten etwas mit den Händen und wenn, dann wasche ich sie sehr gründlich. Zuhause achte ich deshalb stark auf Hygiene bei Lebensmitteln. Außerdem bin ich in Bus, Bahn und Zug gestresst, weil ich dort nicht einfach raus kann und es entweder keine oder eine verschmutzte Toilette gibt.
Grundsätzlich habe ich Angst vor dem unkontrollierten Würgereiz und davor, etwas zu beschmutzen, falls ich mich wirklich übergeben müsste. Wann ich mich das letzte Mal tatsächlich übergeben habe, weiß ich nicht mehr.
Die größte Belastung sind vor allem die Gedankenspiralen, die ich mir darüber mache, ob ich mich angesteckt haben könnte.

Wie offen gehst du mit der Emetophobie im universitären Kontext um?

Enge Freund:innen wissen von meiner Emetophobie. Generell erzähle ich gegenüber Außenstehenden aber zurückhaltend. Ich versuche, mein Sicherheitsverhalten möglichst unauffällig zu machen. Im Zweifel lehne ich Dinge ab, statt offen darüber zu sprechen, warum ich sie nicht essen möchte, z. B. wenn mir eine Person etwas anbietet, das sie mit den Händen angefasst hat.

Wie wirkt sich die Emetophobie auf dein Studium aus?

Wenn ich in Seminaren und Vorlesungen sitze, kreisen meine Gedanken sehr oft darum, ob ich mich gleich übergeben muss und ich dann rechtzeitig den Raum verlassen kann. Deshalb sitze in Vorlesungen sehr ungerne in der Mitte der Reihe, weil ich dort nicht schnell wegkann. In Seminaren überlege ich, wie schnell ich zur Toilette könnte oder ob ein Mülleimer in der Nähe steht.
Auch in der Mensa erlebe ich Stress: Ich frage mich, ob alles hygienisch zubereitet wurde, nehme Besteck möglichst von unten und esse nichts mit den Händen. Ich nehme sehr selten etwas aus den offenen Gebäckauslagen – und wenn ich sehe, dass Leute Brötchen etc. ohne Zange aus der Auslage nehmen, stresst mich das sehr.

Wie gehst du mit Hürden im Studium um?

Ich würde nicht sagen, dass mich die Emetophobie zwar im Studium belastet, mich aber nicht von meinen Zielen abhält. Grundsätzlich kann ich mit ihr leben, weil ich mir über die Jahre bestimmtes Verhalten angewöhnt habe, um der Angst möglichst aus dem Weg zu gehen. Auf Dauer ist das aber sehr anstrengend, deshalb mache ich aktuell auch eine Therapie, um das Problem endlich zu lösen und wieder normal leben zu können.

Welche Hilfen hast du in Anspruch genommen?

Ich mache aktuell meine zweite Therapie. Die erste Therapie habe ich während des Abis gemacht. Damals ging es vor allem um die Bewältigung von Panikattacken, nachts und in Situationen, aus denen ich nicht schnell fliehen kann. Die Therapie hat mir zwar geholfen, mit spezifischen Angstsituationen umzugehen, hat das Problem aber nicht nachhaltig gelöst.
Die jetzige Therapie ist eine Verhaltenstherapie mit dem Ziel, langfristig keine Emetophobie mehr zu haben. Meine Therapeutin und ich machen gerade Expositionen, d. h., ich mache bewusst Dinge, vor denen ich Angst habe. Beispielsweise habe ich mit ihr in der letzten Sitzung Paprika gegessen. Vorher habe ich die Türklinke und mein Smartphone angefasst und sie hat die Stücke ebenfalls berührt, bevor ich sie gegessen habe. Das ist eine seltsame Situation, die für Nicht-Betroffene bestimmt absurd einfach klingt – für mich war und ist es aber eine enorme Herausforderung.

Welche Erfahrungen nimmst du aus der Behandlung der Störung mit?

Das Gefühl nach dieser ersten Exposition fand ich überraschend: Statt großer Angst vor einer Ansteckung mit Magen-Darm-Viren habe ich vor allem Erleichterung gespürt. Es ist, als könnte ich dadurch einfach jahrelanges Sicherheitsverhalten ablegen und endlich loslassen. Nicht mehr alles kontrollieren zu müssen, weil mich die Angst dazu zwingt, ist unglaublich befreiend.
Ich merke schon jetzt im Alltag, dass es besser wird – ich vermeide weniger Dinge und habe insgesamt das Gefühl, tatsächlich langfristig aus der Angststörung entkommen zu können. Trotzdem bin ich noch nicht vollständig geheilt und habe noch einen Weg vor mir.

Was würdest du Betroffenen zum Studienbeginn mitgeben wollen?

Ich empfehle auf jeden Fall eine Therapie. Zumindest in meinem Fall weiß ich einfach, dass die Emetophobie nicht mehr von alleine weggeht. Ich leide schon seit über zehn Jahren darunter und ich möchte nicht, dass die Krankheit mir noch mehr Zeit und Energie raubt. Ich kann es selbst immer noch nicht richtig glauben, aber viele sagen über Angststörungen, dass sie gut behandelbar sind. Sich professionelle Hilfe zu suchen, ist, denke ich, der beste Weg.

Was würde dir das Studieren erleichtern?

Ich muss das Problem bei mir lösen, um mir selbst das Studieren wieder leichter zu machen.

 

Vielen Dank an Kyra* für das Interview!

Wo ihr Hilfe findet, wenn ihr selbst betroffen seid, erfahrt ihr im folgenden Abschnitt.

Hilfsangebote – Hier kannst du Unterstützung finden

Wenn du das Gefühl hast, schnell Hilfe für dich oder andere zu benötigen und mit jemandem darüber sprechen möchtest, kannst du dich an die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800 1110111 wenden. Dir geht es nicht gut und du suchst nach einer psychologischen Beratung oder Kursen z. B. zu Emotionsregulation oder Prüfungsangst? Dann kann dir die Psychotherapeutische Beratungsstelle (PBS) der JGU weiterhelfen.
Auf der Suche nach einem Therapieplatz kann der Patientenservice unter der Nummer 116 117 helfen.

*Name geändert

Hier findet ihr den 1. Teil der Reihe.

Hier findet ihr den 2. Teil der Reihe.

Hier findet ihr den 3. Teil der Reihe.