“Ich studiere mit einem Rucksack voller Steine auf dem Rücken” – Teil 1

19.05.2026
Campus-News, Studium
Johanna Schönberner

Nele*, Studentin an der JGU, hat eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS). Sie erzählt im Interview, wie sich die Störung auf ihr Studium auswirkt. Was hilft ihr? Und was würde sie anderen Betroffenen raten? Das ist der 1. Teil unserer neuen Reihe „Studieren mit psychischer Störung“.

„Morgen breche ich mein Studium ab“, fast jeder wird diesen Satz schon mal gedacht oder gesagt haben. Studieren birgt einige Herausforderungen. Doch wie geht es denen, die zusätzlich noch mit psychischen Problemen oder anderen Belastungen zu kämpfen haben? Das erfahrt ihr in dieser neuen Artikel-Reihe der Campus Mainz Redaktion.

Wenn ihr selbst betroffen seid, findet ihr hier einen Artikel zu Hilfsmöglichkeiten an der JGU.
Am Ende des Artikels erfahrt ihr mehr zu den Hintergründen der psychischen Störungen, über die im Interview gesprochen wird.

Welche psychische Störung hast du?

Eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS), die unter anderem depressive Episoden mit sich zieht. Deshalb entwickelte sich in der Vergangenheit ebenfalls eine Essstörung, die ich heute weitestgehend überwunden habe. Mit einer komplexen Traumafolgestörung ist man gefühlt nie wirklich "geheilt", die Dämonen schlummern nur irgendwo in einer Ecke des Bewusstseins. Manchmal  habe ich zum Beispiel immer noch Angst, dass meine Bulimie zurückkommt.

Welche Symptome wirken sich am stärksten auf das Studium aus? 

Am schlimmsten sind die depressiven Episoden, die Schlafstörungen und die Ängste. Ich bin immer müde, habe wenig Motivation und muss jeden Tag darum kämpfen, um zu funktionieren. Da lässt es sich natürlich nicht so easy studieren.

Wie wirken sich die psychischen Störungen noch auf dein Studium aus?

Wenn man dauerhaft im survival mode ist, bleibt wenig Raum und Energie für hirnlastige Dinge wie selbstständiges Lernen, konzentriertes Lesen, aktiv und wach an Seminaren teilnehmen oder Hausarbeiten schreiben. Es ist unglaublich frustrierend. Ich möchte endlich meinen Abschluss machen, aber brauche viel mehr Zeit als andere, erlebe oft Rückschläge und ich bin traurig darüber, dass meine Mitstudierenden ihre Bachelor und Master durchziehen, während ich mich krankheitsbedingt seit Jahren von Semester zu Semester hangele. Ich weiß auch, dass Vergleichen natürlich blöd ist, denn jede Person geht ihren eigenen Weg, aber manchmal klopfen diese Gedanken trotzdem an die Tür. 

Wie äußern sich die Symptome in deinem Alltag?

Ich brauche viel Zeit für mich. Meine Energie ist schnell alle und ich muss sehr auf meine innere Batterie aufpassen. Mein Kopf ist quasi ständig am Rattern. Manchmal überfallen mich aus dem Nichts Panikattacken und ich bin dauerhaft auf der Hut vor Triggern. 

Wie offen gehst du mit den psychischen Störungen im universitären Kontext um?

Nur so offen ich muss. Meine Dozierenden und das Studienbüro wissen lose Bescheid, weil ich wegen der PTBS und phasenweise verschlimmerter Symptomatik einige Prüfungen verschieben musste.

Wie gehst du mit Hürden/Schwierigkeiten im Studium um?

Ich war schon oft verzweifelt und habe überlegt, abzubrechen. Aber dann spreche ich mit meinen liebsten friends, nehme die Hürde an und versuche, mir Unterstützung zu holen. Niemand muss da alleine durch.

Würdest du rückblickend sagen, dass es Lernerfahrungen gab, die andere nicht in der Form machen? 

Man lernt gezwungenermaßen, wie man nach Hilfe fragt und wo man sie bekommt. Ich bin Expertin in Sachen Supportmöglichkeiten! Aber ganz ehrlich: Ich möchte das nicht romantisieren. Es ist ziemlich scheiße mit psychischer Störung durchs Studium zu gehen und auch wenn man dadurch eine gewisse Tiefe kennenlernt und Dinge mehr wertschätzt, würde ich diese unfreiwillig erlernten Skills lieber gegen mehr Sorglosigkeit eintauschen. 

Was würdest du Betroffenen zum Studienbeginn mitgeben wollen?

Seid nicht zu hart zu euch selbst! Für Menschen ohne jegliche Erkrankung ist so ein Studium schon eine herausfordernde Sache – für Personen mit komplexen und chronischen Erkrankungen ist es quasi ein Marathon mit kleinen Steinen in den Schuhen, mittelgroßen Steinen in den Hosentaschen und einem Rucksack voller riesiger Steine auf dem Rücken.

Was würde dir das Studieren erleichtern?

Mehr Zeit, weniger Kosten, mehr Verständnis von außen, leichterer Zugang zu Therapie, weniger Druck, weniger Bürokratie.

Wie können dir andere Studierende helfen?

Manchmal wünsche ich mir, dass man öfter die funktionierende Fassade beiseite schiebt und anderen offen zeigt, dass man struggelt. Viele Betroffene fühlen sich unendlich allein, weil sie denken, alle anderen hätten alles im Griff und sie würden als einzige "versagen" Dabei gibt es da draußen leider mehr Leidensgenoss:innen, als man denkt. Reach out to one another :)

Vielen Dank an Nele* für das Interview!

Wie sind die psychischen Störungen von denen Nele* berichtet definiert? Das erfahrt ihr im folgenden Abschnitt.

Was ist eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS)?

Eine kPTBS kann sich nach schweren oder wiederholten Traumata entwickeln (International Classification of Diseases 11th Revision (ICD-11)). Die Betroffenen erleben in der Folge des Traumas/der Traumata Intrusionen. Das bedeutet, sie erleben das Trauma innerlich immer wieder, z. B. durch Flashbacks. Sie sind zudem oft dauerhaft angespannt und haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Auch verlieren sie häufig ihre Lebensfreude und ziehen sich von ihrem sozialen Umfeld zurück. Neben den Symptomen einer PTBS treten bei einer kPTBS Schwierigkeiten in der Emotionsregulation auf. Auch weisen Betroffene ein negatives Selbstkonzept und Veränderungen in der Beziehungsgestaltung auf.

Was ist eine Depression?
Eine depressive Störung (Major Depression) zeigt sich, laut dem Diagnostischen und statistischen Manual psychischer Störungen (DSM-5), durch niedergeschlagene Stimmung und/oder Interessen- und Freudlosigkeit. Diese Symptome treten über mindestens zwei Wochen auf. Zusätzlich liegen weitere Symptome vor, wie z. B. Antriebsmangel, Konzentrationsschwierigkeiten, körperliche Unruhe, Schuldgefühle, Suizidgedanken, Schlafstörungen und veränderter Appetit.

Psychische Störungen sind zwischen Personen nicht gleich. Das bedeutet, dass z.B. auch die Ausprägung der Depression oder kPTBS von Person zu Person unterschiedlich ist. Diese Unterschiede zeigen sich unter anderem in der Symptomkonstellation und -intensität. 

Hilfsangebote – Hier kannst du Unterstützung finden

Wenn du das Gefühl hast, schnell Hilfe für dich oder andere zu benötigen und mit jemandem darüber sprechen möchtest, kannst du dich an die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800 1110111 wenden. Dir geht es nicht gut und du suchst nach einer psychologischen Beratung oder Kursen z. B. zu Emotionsregulation oder Prüfungsangst? Dann kann dir die Psychotherapeutische Beratungsstelle (PBS) der JGU weiterhelfen.
Auf der Suche nach einem Therapieplatz kann der Patientenservice unter der Nummer 116 117 helfen.

*Name geändert

Hier findet ihr den 2. Teil der Reihe.