„Dann blockiert mein Kopf und ich komme gar nicht klar“ – Teil 3

15.06.2026
Campus-News, Studium
Johanna Schönberner

Lena*, Studentin an der JGU, hat eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und eine rezidivierende Depression. Sie erzählt im Interview, wie sich die Störungen auf ihr Studium auswirken. Wie offen geht sie mit den Störungen im universitären Kontext um? Das ist der 3. Teil unserer neuen Reihe „Studieren mit psychischen Störungen“.

„Morgen breche ich mein Studium ab“, fast jeder wird diesen Satz schon mal gedacht oder gesagt haben. Studieren birgt einige Herausforderungen. Doch wie geht es denen, die zusätzlich noch mit psychischen Problemen oder anderen Belastungen zu kämpfen haben? Das erfahrt ihr in dieser neuen Artikel-Reihe der Campus Mainz Redaktion.

Wenn ihr selbst betroffen seid, findet ihr hier einen Artikel zu Hilfsmöglichkeiten an der JGU.
Am Ende des Artikels erfahrt ihr mehr zu den Hintergründen der psychischen Störungen, über die im Interview gesprochen wird.

Welche psychische Störung hast du?

Ich habe seit 2019 eine rezidivierende Depression. Aufgrund eines Autounfalls vor zwei Jahren hatte ich dann zusätzlich noch eine PTBS. Davon habe ich aber gerade keine akuten Symptome. Außerdem bin ich bei einer ADHS-Diagnostik knapp an einer Diagnose vorbeigeschrammt.

Was studierst du?

Ich studiere Germanistik im Master. Mit dem Studium angefangen habe ich vor 11 Jahren. Ich wollte eigentlich schon vor zwei Jahren mit dem Studium fertig sein. Das war mental aber einfach nicht drin.

Wie äußern sich die Symptome in deinem Alltag?

Die Depression kickt bei mir häufig zum Zyklusbeginn. Da habe ich weniger Antrieb, komme nicht aus dem Bett oder kann mich nicht in die Uni aufraffen. Auch der Haushalt leidet dadurch manchmal ein bisschen. Meine Mitbewohnerinnen haben auch Depressionen. Das ist ganz lustig, wenn wir es dann alle irgendwie nicht geschissen kriegen, die Wohnung aufzuräumen.

Wie wirkt sich die Störung auf dein Studium aus? 

Die erste Episode hatte ich während der Bachelorarbeit. Es war einfach alles zu viel auf einmal, weil auch noch private Ereignisse dazu kamen. Ich bin auch generell ein bisschen perfektionistisch veranlagt. Vor Prüfungen oder Hausarbeiten bin ich dann arg in Stresssituationen gekommen. Dann blockierte teilweise mein Kopf und ich kam gar nicht klar. Das hat dann auch die Depression wieder verstärkt und sich gegenseitig hochgeschaukelt. Sodass ich dann teilweise hier in der Uni gesessen und geheult habe, weil ich gerade überhaupt nicht mehr klarkam. Das hat auch dazu geführt, dass ich dann Hausarbeiten und Prüfungen aufschieben und Seminare wiederholen musste.

Welche Hilfen hast du in Anspruch genommen?

In den Therapien hat das Thema Uni auch immer eine ganz große Rolle gespielt. Die Therapeuten haben mich ein bisschen an die Hand genommen, wenn ich wieder in Stresssituationen reingeraten bin und mit mir Strategien entwickelt, den Stress zu reduzieren.
Außerdem habe ich drei Kurse bei der PBS besucht: Aufmerksamkeits- und Konzentrationstraining, Depressionen vorbeugen und Zeitplanung und Aufschieben vermeiden. Das hat mich teilweise eher gestresst, weil ich noch einen zusätzlichen Termin hatte. Aber es hat dann schon irgendwie geholfen.

Hast du mit Dozierenden über deine psychischen Störungen gesprochen?

Mit ein paar Dozierenden habe ich darüber gesprochen und jetzt auch mit meinem Masterarbeitsbetreuer. Dann ist mehr Verständnis da, warum man irgendwas nicht geschafft hat, und man muss sich nicht irgendwelche Ausreden überlegen. Früher konnte ich das nicht so gut, aber inzwischen kommuniziere ich das einfach. Gerade bei meinem Dozenten, der meine Masterarbeit betreut, bin ich da schon sehr offen und er fragt auch immer, wie es mir geht. Das ist denke ich auch nicht bei allen Dozierenden gegeben.

Wie bist du mit Hürden oder Schwierigkeiten im Studium umgegangen?

Letztes Jahr habe ich viel mit Wochenplänen gearbeitet. Dann hat man einen Anker und weiß, was man am Tag machen muss.
Und was Prüfungen angeht, habe ich mir Zeitpläne gemacht und immer meine Therapeutin im Ohr gehabt: ‚Hauptsache, Sie machen ein bisschen was. Das, was sie gemacht haben, haben sie schon gemacht und müssen es nicht kurz vor Schluss noch machen.‘ Wenn ich zum Beispiel fünf Stunden in der Bib gesessen habe und davon eine effektiv gearbeitet habe, war das dann schon gut. Und ich hatte einen Nachteilsausgleich. Dadurch habe ich extra Schreibzeit für Hausarbeiten und schriftliche Prüfungen bekommen.

Was würdest du Betroffenen zum Studiumsbeginn mitgeben wollen?

Möglichst wenig aufschieben, sich nicht zu sehr fertig machen, wenn mal irgendwas nicht so klappt, wie man will. Einfach auf den Körper und auf die Psyche hören und die auf jeden Fall vorne anstellen. Es bringt nichts, wenn man sich kaputt husselt um schnell fertig zu werden.
Und Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn man ein gutes Verhältnis zu den Dozenten hat, mit denen sprechen. Und sich mit Vertrauenspersonen austauschen. Oder Leute suchen, denen es ähnlich geht.

Gibt es etwas, was du aus der Therapie für die Zukunft mitnimmst?

Ich höre mehr auf meine Bedürfnisse und weiß meine Prioritäten besser zu setzen. Wenn ich merke, dass ich zwei Tage brauche, wo ich nichts mache für die Uni, dann nehme ich mir die auch. Und ich habe gelernt, Nein zu sagen. Am Anfang wollte ich allen gerecht werden und habe mich oft übernommen. Ich spreche jetzt auch viel mit Freunden darüber. Ich habe das Glück, dass ich in einem sehr verständnisvollen Umfeld bin.

Gibt es generell noch etwas, was du sagen möchtest? 

In meiner ersten akuten Episode ist es mir schwer gefallen, überhaupt Hilfe zu suchen. Ich komme aus einer relativ konservativen Gegend. Bei uns hat keiner Therapie gemacht. Deswegen war das für mich so: Nee, ich mache jetzt keine Therapie, weil so schlecht geht es mir jetzt ja auch nicht. Oder wenn ich Therapie mache, gestehe ich mir ein, dass es mir super schlecht geht. Ein Freund, der schon mal eine Therapie gemacht hat, hat mir dann empfohlen, zur PBS zu gehen und einfach mal nachzufragen. Hilfesuchen kann wirklich ein Gamechanger sein. Und wenn es nur irgendwie ein Beratungsgespräch ist. Ich glaube, die Generation, die jetzt anfängt zu studieren, ist da auch schon offener, was Therapie angeht.

Vielen Dank an Lena* für das Interview!

Wie sind die psychischen Störungen von der Lena* berichtet, definiert? Das erfahrt ihr im folgenden Abschnitt.

Was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)?

Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann in Folge eines traumatischen Ereignisses entstehen. Das Diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen (DSM-5) benennt unterschiedliche Kriterien, die eine PTBS ausmachen. Dazu zählen unter anderem Intrusionen. Das bedeutet, betroffene Personen erleben das Trauma innerlich immer wieder z.B. durch Flashbacks. Desweiteren vermeiden sie Orte und Reize, die mit dem Trauma in Verbindung stehen. Häufig erleben Betroffene einen Interessen- und Freudverlust und ziehen sich von ihrem sozialen Umfeld zurück. Auch Schlafstörungen, eine hohe Anspannung und Konzentrationsschwierigkeiten gehen mit einer PTBS einher.  

Was ist eine (rezidivierende) Depression?
Eine depressive Störung (Major Depression) zeigt sich, laut dem DSM-5, durch niedergeschlagene Stimmung und/oder Interessen- und Freudlosigkeit. Diese Symptome treten über mindestens zwei Wochen auf. Zusätzlich liegen weitere Symptome vor, wie z. B. Antriebsmangel, Konzentrationsschwierigkeiten, körperliche Unruhe, Schuldgefühle, Suizidgedanken, Schlafstörungen und veränderter Appetit. Von einer rezidivierenden Depression spricht man, wenn die Person in ihrem Leben schon mindestens zwei depressive Episoden erlebt hat. 

Psychische Störungen sind zwischen Personen nicht gleich. Das bedeutet, dass z.B. auch die Ausprägung der Depression oder kPTBS von Person zu Person unterschiedlich ist. Diese Unterschiede zeigen sich unter anderem in der Symptomkonstellation und -intensität. 

Hilfsangebote – Hier kannst du Unterstützung finden

Wenn du das Gefühl hast, schnell Hilfe für dich oder andere zu benötigen und mit jemandem darüber sprechen möchtest, kannst du dich an die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800 1110111 wenden. Dir geht es nicht gut und du suchst nach einer psychologischen Beratung oder Kursen z. B. zu Emotionsregulation oder Prüfungsangst? Dann kann dir die Psychotherapeutische Beratungsstelle (PBS) der JGU weiterhelfen.
Auf der Suche nach einem Therapieplatz kann der Patientenservice unter der Nummer 116 117 helfen.

*Name geändert

Hier findet ihr den 1. Teil der Reihe.

Hier findet ihr den 2. Teil der Reihe.

Hier findet ihr den 4. Teil der Reihe.