„Ich kann nicht sagen, heute war ein guter Tag“– Teil 5

30.09.2026
Campus-News, Studium
Johanna Schönberner

Felicitas*, Studentin an der JGU, hat eine mittelgradige depressive Störung und immer wieder Panikattacken. Sie erzählt im Interview, wie sich die Störungen auf ihr Studium auswirken. Das ist der 5. Teil unserer Reihe „Studieren mit psychischen Störungen“.

“Morgen breche ich mein Studium ab“, fast jeder wird diesen Satz schon mal gedacht oder gesagt haben. Studieren birgt einige Herausforderungen. Doch wie geht es denen, die zusätzlich noch mit psychischen Problemen oder anderen Belastungen zu kämpfen haben? Das erfahrt ihr in dieser neuen Artikel-Reihe der Campus Mainz Redaktion.

Wenn ihr selbst betroffen seid, findet ihr hier einen Artikel zu Hilfsmöglichkeiten an der JGU.
Am Ende des Artikels erfahrt ihr mehr zum Hintergrund der psychischen Störung, über die im Interview gesprochen wird.

Wie würdest du die Depression beschreiben?

Kurz gesagt: Ich schmeiße mich in meine Arbeit, sehe keine Leute mehr und habe oft Panik.

Was macht die Depression aus?

Ich bin oft antriebslos. Das widerspricht sich ein bisschen mit dem, dass ich gerade so viel mache. Antriebslos also im Sinne, dass ich das mache, was ich machen muss, aber eigentlich keine Lust darauf habe. Ich mache es dann nur, weil ich so unter Druck stehe. Es begleitet mich auch eine generelle Niedergeschlagenheit durch den Tag. Das passiert vor allem, wenn ich gerade von einem Termin zum anderen gehe. Oft holt es mich auch abends ein. Dann fange ich an zu weinen und kann nicht mehr aufhören. Dann bin ich wieder müde am nächsten Tag. Und dann geht es wieder von vorne los.

Wie äußern sich die Symptome in deinem Alltag?

Ich kann nicht sagen, heute war ein guter Tag. Wenn, kann ich sagen: der und der Moment war gut. Auch wenn etwas eigentlich schön ist, ist immer ein Filter darüber. Dann muss ich daran denken, dass es doch nicht so schön ist.
Ich kann mich außerdem nicht konzentrieren. Also ich schweife ab und alles, was ich mache, dauert sehr lange, wodurch ich dann natürlich auch sehr viel weniger schaffe.

Wie wirkt sich die Depression auf dein Studium aus?

Vor allem kann ich nicht gut lernen. Ich kann mir einfach nichts merken. Das heißt, ich habe diesmal schon angefangen zu lernen, bevor die Vorlesungen angefangen haben, weil es einfach so lange dauert, bis ich mir alles merken kann. Ich brauche teilweise vier Tage für das Lernen einer Vorlesung. Ich sitze auch oft vor dem Laptop und bin überfordert mit den ganzen Aufgaben, die man händeln muss. Es ist dann einfach alles zu viel gleichzeitig.

Wann zeigen sich die Panikattacken?

Sie zeigen sich eher, wenn ich alleine bin. Oft wenn ich morgens sehe, was am Tag gemacht werden muss, habe ich das Gefühl, das wird nichts, das schaffe ich nicht. Sie treten aber eher öfter auf, wenn ich abends zum Beispiel von der Uni nach Hause gehe. Dann denke ich wieder: scheiße, das hast du wieder alles nicht geschafft. Und dann ist es oft so, dass ich am Bahnhof oder im Zug richtig Panik bekomme.

Wie gehst du mit den Schwierigkeiten um? 

Ich fange an mir noch mehr Aufgaben zu suchen. Ich habe noch einen Job und mache ein studienbegleitendes Praktikum. Vor einem halben Jahr hatte ich zum Beispiel noch keinen Job. Damals habe ich mir dann mehr Gedanken darum gemacht, dass es mir schlecht geht. Jetzt habe ich keine Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, dass es mir schlecht geht, weil ich zu viele Sachen zu tun habe. Ich habe eigentlich gar keine Zeit mehr, die ich verschwenden kann, weil ich quasi jede Stunde nutzen muss. Dadurch stehe ich jetzt noch mehr unter Druck, aber irgendwie ist es dadurch tatsächlich effektiver geworden, weil ich weiß, ich habe jetzt zwei Stunden zum Lernen und dann muss ich fertig sein. Ob das so gut ist, glaube ich eher nicht. Aber gerade hilft mir das, weil ich dann nicht nur im Bett liege und nichts mache.

Hast du von der Uni aus Hilfen in Anspruch genommen?

Ja, ich war mehrmals bei einer Studienberatung. Ich war beim Career Service und bei der psychologischen Beratungsstelle. Die haben mir dann auch eine Therapie vermittelt.

Wie lief es bei der Psychotherapeutischen Beratungsstelle?

Die Frau am Telefon meinte zu mir, dass das sehr akut klingt. Darum haben sie versucht mich vorzuziehen und nach so drei Wochen hatte ich den ersten Termin, dann sechs Wochen später den nächsten. Nach ein paar Terminen haben sie mich dann weitervermittelt für eine Therapie.

Wie hat die Karriereberatung geholfen?

Ich bin dahin gegangen, weil ich Angst hatte, niemals einen Job zu finden. Ich habe mir auch oft Gedanken darüber gemacht, ob ich das hätte studieren sollen. Als ich da rausgegangen bin, hatte ich das Gefühl, dass es mir schon geholfen hat. Jetzt gerade, wo das schon ein bisschen her ist, zweifle ich wieder an dem ganzen Studium. Aber das hat ja mit der Beratungsstelle nichts zu tun, sondern das sind auch Symptome der Depression.

Wie offen gehst du mit den psychischen Störungen im universitären Kontext um?

In Bezug auf Dozenten: zum Beispiel bei einem Sprechstunden-Termin für eine Hausarbeit letzte Woche habe ich denen nicht gesagt, was genau ich habe. Es war dann eher, dass ich klargemacht habe, dass ich psychisch nicht ganz auf der Höhe bin.

Hat sich die Depression auch auf dein außeruniversitäres Leben ausgewirkt?

Ja, also da kommt jetzt noch hinzu, dass sich mein Freund nach sehr vielen Jahren von mir getrennt hat. Mir ging es vorher schon nicht so gut, aber dadurch ist es dann so richtig ausgebrochen. Wir hatten auch ähnliche Freunde. Die sehe ich jetzt eigentlich gar nicht mehr. Unter anderem, weil es ein blödes Gefühl ist, wenn sie meinen Ex-Freund sehen können und ich nicht. Zusätzlich fange ich auch immer an, mich mit ihnen zu vergleichen. Zum Beispiel, dass sie schon mit dem Master angefangen haben und ich noch nicht. 

Triffst du dich mit anderen Freunden?

Ja, wir machen zusammen Sport oder wir gehen zusammen in die Bücherei. Ich treffe sie jetzt gerade nicht außerhalb von diesem Kontext. Seit ich die Depression habe, ist es auch weniger geworden, dass ich mich mit ihnen außerhalb treffe.

Was würdest du anderen Betroffenen zum Studienbeginn mitgeben wollen?

Ich habe mich am Studienverlaufsplan orientiert. Das hat geholfen und ich finde, vom Arbeitsaufwand ist es tatsächlich völlig machbar. Ich würde auch als Tipp geben, dass man schon während des Studiums Erfahrungen sammelt in dem Bereich, in dem man später arbeiten möchte. Das hilft später, einen Job zu finden oder ein Praktikum.

Vielen Dank an Felicitas* für das Interview!

Was ist eine Depression und wo erfahrt ihr Hilfe? Das erfahrt ihr im folgenden Abschnitt.

Was ist eine Depression?
Eine depressive Störung (Major Depression) zeigt sich, laut dem DSM-5, durch niedergeschlagene Stimmung und/oder Interessen- und Freudlosigkeit. Diese Symptome treten über mindestens zwei Wochen auf. Zusätzlich liegen weitere Symptome vor, wie z. B. Antriebsmangel, Konzentrationsschwierigkeiten, körperliche Unruhe, Schuldgefühle, Suizidgedanken, Schlafstörungen und veränderter Appetit.

Psychische Störungen sind zwischen Personen nicht gleich. Das bedeutet, dass z.B. auch die Ausprägung der Depression von Person zu Person unterschiedlich ist. Diese Unterschiede zeigen sich unter anderem in der Symptomkonstellation und -intensität. 

Hilfsangebote – Hier kannst du Unterstützung finden

Wenn du das Gefühl hast, schnell Hilfe für dich oder andere zu benötigen und mit jemandem darüber sprechen möchtest, kannst du dich an die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800 1110111 wenden. Dir geht es nicht gut und du suchst nach einer psychologischen Beratung oder Kursen z. B. zu Emotionsregulation oder Prüfungsangst? Dann kann dir die Psychotherapeutische Beratungsstelle (PBS) der JGU weiterhelfen.
Auf der Suche nach einem Therapieplatz kann der Patientenservice unter der Nummer 116 117 helfen.

*Name geändert

Hier findet ihr den 1. Teil der Reihe.
Hier findet ihr den 2. Teil der Reihe.
Hier findet ihr den 3. Teil der Reihe.