Ein ständiger Begleiter. In der Hosentasche, in der Jackentasche, meistens auch direkt in der Hand. Im Schnitt schauen wir 53 Mal am Tag drauf. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass wir alle 18 Minuten unsere Tätigkeiten unterbrechen, um unsere Aufmerksamkeit dem ständigen Begleiter zu widmen. Egal wann, egal wo. Ob in der Vorlesung, beim Serien schauen, im Café mit Freunden, im Bett vor dem Schlafen oder direkt nach dem Aufstehen. Immer ist es dabei, unser Handy.
Diesen Text schreibe ich nicht mit erhobenem Zeigefinger. Auch ich erkenne mich in manchen Muster wieder und genau deswegen möchte ich mehr darüber lernen und mein Wissen teilen.
Wir leben in einem neuen Zeitalter. Noch nie zuvor hat sich unsere Technik in so kurzer Zeit, so schnell entwickelt. Wir wurden mehr oder weniger ins kalte Wasser geschmissen. Es gibt keine Langzeit-Studien über Handy und Social Media-Konsum und die Auswirkung dessen auf unser Gehirn. Dennoch lassen sich schon kurzfristige Entwicklungen erkennen und die sind alles andere als positiv.
Forscher:innen haben bereits einige Zusammenhänge zwischen Handykonsum und verminderter Gehirnleistung feststellen können. Verminderte Konzentrationsfähigkeit ist eine der Nebenwirkungen. Forscher:innen der Universität Paderborn berichten, dass bereits die Anwesenheit eines Smartphones, die Aufmerksamsleistung verringert, auch wenn dieses nicht aktiv benutzt wird. Von leichten Aufmerksamkeitsproblem hinzu psychischer Unzufriedenheit und exzessivem Suchtverhalten. Auf einem Abschnitt dieser Skala lässt sich mit Sicherheit fast jeder von uns wiederfinden.
Wann beginnt eine Sucht? Was sind die Anzeichen und wie lässt sie sich bekämpfen?
Laut dem Bundesministerium für Gesundheit kann eine übermäßige Nutzung digitaler Medien mit psychischen Belastungen wie Kontrollverlust, innerer Unruhe und erhöhter Reizbarkeit einhergehen.
Grundsätzlich kann es schwer sein, Grenzen zwischen sinnvoller und übermäßiger Handy und Internetnutzung zu ziehen. Häufig geht Suchtverhalten mit einem Kontrollverlust einher. Etwa wenn man selbst nicht mehr wirklich kontrollieren kann, wann man ans Handy geht, sondern sich dabei ertappt, das Gerät immer wieder in die Hand zu nehmen und zu nutzen, auch wenn man es rational nicht unbedingt möchte. Ohne Ziel scrollen, nicht aufhören und das Handy nicht weglegen können gilt als übermäßige Handynutzung. Diese stört unsere Konzentration, unsere Aufmerksamkeit und unser Schlaf. Auch können Selbstzweifel auftauchen, wenn wir uns mit anderen aus dem Internet vergleichen.
Wenn du manchmal das Gefühl hast, dass du am Handy bist, ohne ein Ziel zu haben und es wirklich zu wollen und deine Tätigkeiten im Alltag häufig unterbrichst, um ans Handy zu gehen, kann das ein Anzeichen für problematische Handynutzung sein.
Es ist wichtig anzumerken, dass die übermäßige Handynutzung noch nicht als anerkannte, psychische Erkrankung gilt, da noch keine klaren Kriterien gefunden wurden, an denen sich exzessive Smartphone-Nutzung messen lasse.
Ich glaube nicht, dass wir dafür gemacht sind, jeden Tag zu jeder Zeit mit perfekten Menschen, Gesichtern oder Körpern konfrontiert zu werden. Ich glaube nicht, dass der Mensch dafür gemacht ist, sich einer solch immensen Informationsflut auszusetzen. Informationen von denen wir gar nicht unterschieden können, ob sie wahr oder falsch sind. Ob echte Menschen abgebildet sind oder eine KI zu uns spricht. Auch unsere Welt ist nicht dafür gemacht. Ein Planet mit endlichen Ressourcen ist nicht darauf ausgelegt unendliche und nie endende Trends zu produzieren und unserem Konsum nachzukommen.
Wir zahlen im Internet schon lange mit einer neuen Währung, ohne es wirklich bemerkt zu haben. Wir zahlen mit unserer Aufmerksamkeit. Social Media Konzerne und Online-Games haben vor allem ein Ziel. Unsere Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen. Denn dann konsumieren wir Inhalte, interagieren und sorgen somit indirekt für wirtschaftliche Gewinne der Creator und Unternehmer. Handynutzung ist also lange nicht mehr persönlich, es hängen wirtschaftliche Unternehmen an deiner Bildschirmzeit und Aufmerksamkeit.
Bei dem negativen Ton muss trotz allem erwähnt werden, dass die Technik uns viele Vorteile bieten kann, uns das Leben erleichtern und unsere zwischenmenschlichen Kontakte verbessern kann. Es kommt auf unsere Handhabung an. Wie gehen wir mit diesen neuen Phänomenen um, wo setzen wir Grenzen? Wir müssen uns die Kontrolle zurücknehmen, über unsere Zeit, über unsere Aufmerksamkeit, über unser Handy.
Im Internet lassen sich viele Tipps zur Einschränkung von Handykonsum finden. (ironischerweise googeln wir diese dann meistens auf unserem Handy). Auch bei Campus Mainz News haben wir schon einige Tipps zum besseren Umgang mit dem Smartphone veröffentlicht.
Ich würde gerne noch einige persönliche Ansätze hinzufügen, die ich mir in meinem Umgang mit meinem Handy stelle.
1.Was will ich eigentlich?
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich auf Social Media scrolle, ohne Ziel. Dann frage ich mich, was ich eigentlich suche. Wenn ich keine Antwort darauf habe, lege ich das Handy weg. Wenn ich ursprünglich nach etwas bestimmten Suchen wollte, suche ich gezielt nach dem Inhalt.
2.Von außen betrachten?
Manchmal hilft es auch, sich von außen zu betrachten, um zu merken, wie banal es eigentlich ist, dass man in einer Situation am Handy ist. Das hilft beim Weglegen.
3. Back tot he 70s
Ob früher wirklich alles besser war, darüber lässt sich streiten. Manchmal habe ich aber eine kleine Challenge mit mir selbst. „Back to the 70s“, dann stelle ich mir die Frage wie eine Situation oder mein Leben aussehen würde, wenn ich in den 1970ern gelebt hätte. Musik statt Podcast beim Kochen, Anrufe statt WhatsApp und Lesen statt TikTok. Nicht ganz ohne Handy, aber ich versuche es anders zu Nutzen. Probiere es mal aus, ich bin mir sicher, dass dich so eine kleine Challenge zu Ruhe bringen wird.
4. Konfrontation
Einsicht ist der erste Schritt zu Besserung heißt es doch so schön. Konfrontiere dich mit den Auswirkungen von Handynutzung und Social Media. Wenn wir verstehen, welche Mechanismen uns fesseln, können wir uns leichter von ihnen befreien. Bilde dich weiter, lese, schaue Dokumentationen und Reportagen. Mein persönlicher Tipp: „Die Dopamin-Falle“ von Arte.
Wir Leben im digitalen Zeitalter, daran können wir nichts ändern. Das Handy ist Teil unsere Arbeit, Gesellschaft, unseres Lebens. Wir können versuchen unseren Umgang und unsere Einstellungen zu ändern. Unseren Konsum zu reflektieren und achtsam mit uns und unserer Zeit umzugehen. Wir können daran arbeiten, das Handy wieder als Nutzgerät zu handhaben und nicht die Kontrolle zu verlieren.