Zwischen Militärvergangenheit und grüner Zukunft: Unser Campus im Fokus

23.02.2026
Campus-News, Freizeit
Emma Aude & Katharina Dietz

Bauzaun links, Altbau rechts, das Muschelgebäude irgendwo in der Mitte – wer über den Campus der JGU Mainz läuft, sieht eine architektonische Patchwork-Decke. Zufall? Mehr erfahrt ihr im Artikel.

Der Campus der JGU ist einer der ersten Universitätscampus Deutschlands und gleichzeitig ein architektonisches Experimentierfeld, das heute vor einer neuen Entwicklungsphase steht. In einem Interview haben Univ.-Prof. Dr. Matthias Müller und Jennifer Konrad vom Institut für Kunstgeschichte erzählt, warum der Campus Mainz so einzigartig ist und auf welche Entwicklungen sich die Studierenden in Zukunft freuen dürfen.

Ein Mosaikcampus entsteht

Vom funktionalen Naturwissenschaftstrakt über die charakteristische Mensa bis hin zur offenen Architektur des Georg-Forster-Gebäudes, scheint unser Campus auf den ersten Blick wie eine zufällige Mischung. Er ist jedoch ein bewusst gestaltetes architektonisches Mosaik. „Es ist die Heterogenität, die die Architektur des Mainzer Campus auszeichnet. Diese Vielfalt ist nicht willkürlich entstanden”, betont Jennifer Konrad im Gespräch. Die Architektur spiegelt vielmehr historische Brüche, politische Kontexte und wechselnde Bedürfnisse wider. 

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg förderte die französische Besatzungsmacht die Universität als Prestigeprojekt und nutzte die Räume einer ehemaligen Flakkaserne, die noch heute den Eingang zum Campus bildet. Das heutige Forum beinhaltete damals nicht nur die ersten Fachbereiche und die Bibliothek, sondern auch die Mensa, weswegen das Gebäude heute immer noch als “alte Mensa” bezeichnet wird.

Der Einfluss der Politik zeigte sich bereits bei den frühen Bauwerken der 1960er Jahre. Der Naturwissenschaftstrakt („NatFak“) orientierte sich architektonisch an amerikanischen Vorbildern – ein Zeichen für internationale Öffnung und wissenschaftlichen Fortschritt. Die Muschel setzte gleichzeitig ein Zeichen für den Aufbruch in die Moderne.

Um Platz für mehr Studierende zu schaffen, erweiterte man den Campus Richtung Westen. In den 70er Jahren wurden weitere naturwissenschaftliche Gebäude und die Zentralmensa errichtet. Diese sollte ein Treffpunkt für alle sein, der Anonymisierung entgegenwirken und soziale Kontakte fördern.

Die neue Mitte

Aktuell befindet sich der Campus in einer spannenden Umbruchphase. Im Zuge von Sanierungen und Abrissen entsteht erstmals Raum für eine „neue Mitte“ – zwischen dem Philosophicum und dem NatFak-Gebäude. Dafür sollen die ehemaligen Baracken vor dem GFG-Gebäude abgerissen werden. Das letzte Hindernis ist die alte Kernchemie, ein kontaminiertes Gebäude, das bis Ende 2030 abgebaut werden soll. Diese Öffnung ermöglicht eine Neuausrichtung des Campus. Mit dem geplanten Neubau der Zentralbibliothek an dieser Stelle soll es eine neue Campusmitte geben. Einen ersten Anfang machen die Beachvolleyballplätze mit der Beachbar, wo sich seit der Eröffnung viele Studierende tummeln.

Forschung und Funktion

Der Campus lässt sich in verschiedene Quartiere einteilen. Die Geistes- und Naturwissenschaften wurden dabei getrennt angelegt, um Zugehörigkeiten zu schaffen und die Architektur auf die spezifischen Bedürfnisse auszurichten. Die im internationalen Stil gebauten Gebäude der Naturwissenschaften zeichnen sich durch einen hierarchischen Riegelbau, also eine langgestreckte, blockartige Bauform, aus, während die geisteswissenschaftlichen Flachbauten mit vielen Innenhöfen ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen sollen.

In den Anfangsjahren war die Architektur auf dem Campus ein Statement – heute ist sie zunehmend auf Funktionalität und Forschung ausgerichtet. Neubauten wie die Biozentren sind Zwillingsgebäude mit offener Struktur, ausgelegt für interdisziplinäre Nutzung, multimediale Lehre und Kooperationen. Der Fokus liegt auf Nachhaltigkeit und Flexibilität.

Die Zukunft ist grün

Zukünftig wünscht sich Jennifer Konrad, dass Gebäude nicht nur aufgrund ihres Denkmalschutzes erhalten werden, sondern ihren historischen Charakter behalten dürfen. Die Devise „Sanierung statt Abriss” steht dabei auch im Fokus der Nachhaltigkeit.

Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für die Qualität der Räume im Freien: Nicht nur Arbeitsplätze, auch Orte der Erholung, des Austauschs und der Begegnung sollen geschaffen werden. Matthias Müller spricht sich besonders für eine intensivere Nutzung dieser Freiflächen aus. Grüne Innenhöfe, öffentliche Plätze und Aufenthaltsbereiche sollen das Leben auf dem Campus fördern. Das betrifft zum Beispiel auch den Innenhof des Forum Universitatis, der langfristig begrünt werden könnte. 

Jubiläumsausstellung 2021: Vergangenheit bewahren, Zukunft gestalten

Die Gebäude auf dem Campus sind nicht nur funktional – sie sind auch Zeugnisse ihrer Zeit. Viele von ihnen stehen heute unter Denkmalschutz, weil sie architektonisch bedeutend sind. Sichtbar wurde das besonders durch die große Jubiläumsausstellung zum 75-jährigen Bestehen der JGU, die 2021 entstand.

Die multimediale Ausstellung über die Baugeschichte des Campus zeigte, wie stark Architektur mit Identität verknüpft ist und wie sehr sie das Selbstverständnis einer Universität prägt. „Überhaupt ist Architektur das Medium, was am stärksten auf den Menschen in seinen sozialen Vernetzungen und Freizeit- und Arbeitsleben einwirkt.“, so Matthias Müller. Architektur hätte für ihn immer etwas Unmittelbares, dem man sich nicht entziehen könne. Die Ausstellung hätte bei den Studierenden Interesse für ihren Campus entfacht und Raum für die Auseinandersetzung mit Architektur geschaffen.

Informiert euch

Die Architektur des Campus erzählt Geschichte – und sie schreibt gerade ein neues Kapitel. Studierende können sich mithilfe folgender Links aktiv informieren, wie die JGU in Zukunft aussehen wird:

  • Der Content und ein Film der Ausstellung ist hier online frei zugänglich.
  • Campusführungen geben lebendige Einblicke, meldet euch dafür bei Jennifer Konrad oder unter wissenschafftraum@uni-mainz.de.
  • Informiert euch auch über die Kunst am Campus: Hier oder über die QR Codes an den jeweiligen Kunstwerken.

„Kunst und Architektur bieten ein unwahrscheinlich großes Potenzial, um aufmerksamer mit der Umgebung umzugehen, die Augen aufzumachen und dadurch vielleicht das eigene Wohlbefinden und die Produktivität und das Verständnis für diesen Campus zu erhöhen.“ (Jennifer Konrad)