Zwischen Hoffnung und Verderben – Rezension und Interview zu Jekyll & Hyde der Musical Inc.

23.08.2026
Campus-News, Freizeit
Sarah Kia & Laura Müller

"Jekyll & Hyde" von Frank Wildhorn und Leslie Bricusse ist ein Stück voller Zwiespalt, Tragik und der Frage nach dem Guten und Bösen im Menschen. Unsere Redakteurinnen Laura und Sarah haben sich die Inszenierung angesehen. Sie konnten mit Erik Aepfelbach (Regie/Dr. Henry Jekyll & Edward Hyde) ein Interview über das Stück und die Produktion führen.

 

Darum geht's

Das Musical Jekyll & Hyde, basierend auf dem bekannten Roman von Robert Louis Stevenson, spielt im London des späten 19. Jahrhunderts und handelt vom Wissenschaftler Dr. Henry Jekyll, der mit seiner Forschung das Gute vom Bösen im Menschen trennen möchte. Als er vom Krankenhaus keine Erlaubnis erhält, sein Elixier an einem Menschen zu testen, entscheidet er sich, es selbst einzunehmen. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Prostituierte Lucy Harris und seine Verlobte Lisa Carew.  

Rezension

Die Musical Inc. begeisterte mit ihren 14 Aufführungen von Jekyll & Hyde auf ganzer Linie. Das detailreiche Bühnenbild führt ins 19. Jahrhundert ein und man wird in die Gedanken und Gefühle der Figuren entführt. Zwei gesangsstarke Ensembles begeisterten mit ihrem Gesang und Schauspiel die Zuschauenden, wovon viel Applaus und gute Stimmung zeugten. Zahlreiche Tanzeinlagen sorgten für einen tiefgreifenden Einblick in die Gefühlswelt der Figuren. Darüber hinaus erzeugte das Live-Orchester eine wunderbare Atmosphäre. Ein beeindruckender Musical-Abend, der Lust auf mehr Inszenierungen des Vereins Musical Inc. macht. 

Interview mit Erik Aepfelbach

Warum hat sich die Musical Inc. Für Jekyll & Hyde entschieden?

Dieses Jahr haben wir uns vorgenommen, ein bisschen ,,klassischeres” Theater zu machen und dafür ist Jekyll & Hyde einfach ideal. Das kann man natürlich auch abstrakt inszenieren. Aber wir haben da ein bisschen Wert darauf gelegt, dass wir uns auf ein klassisches, haptisches Bühnenbild und hartes Schauspiel fokussieren. Das war mein Ansatz als Regie, dass ich im Vergleich zum letzten Stück etwas Historisches, Haptisches, Hartes inszenieren möchte.

Was unterscheidet eure Inszenierung von anderen? 

Da Jekyll & Hyde ein altes Stück ist und es schon so oft inszeniert wurde, muss man natürlich aufpassen, dass man nicht einfach exakt dasselbe noch mal aufführt. Man muss seinen eigenen Weg finden und das war die Schwierigkeit, da es bereits schon so viele Ideen gibt. Man versucht trotzdem, etwas Neues zu entwickeln, um dem Publikum etwas anderes bieten zu können. Das kommt auch oft organisch mit Problemen, die auftauchen und für die man kreative Lösungen finden muss, um das auf die Bühne zu bringen. Unsere Inszenierung zeichnet sich durch ein sehr starkes Ensemble aus und wir legen immer großen Wert auf Szenen mit dem ganzen Ensemble. Das Textbuch bietet oftmals sehr wenige Rollen, die wir verteilen können. Wir versuchen immer unser Möglichstes, noch Rollen dazu zu schreiben oder Texte umzuverteilen, sodass wirklich jeder seinen Moment bekommt. Deswegen ist uns auch wichtig, dass die Hauptrollen, wenn sie nicht spielen, im Ensemble sind, einfach weil es auch zum Vereinsleben dazugehört. Eine starke Ensemble-Präsenz.

Gab es während der Produktion Probleme, die schwer zu lösen waren und wie habt ihr sie überwunden?

Da fallen mir zwei Beispiele ein; das ist einmal die Zugszene. Man brauchte diesen Zug wirklich nur für diese Minute Szene. Wir haben überlegt – Bauen wir wirklich einen Zug? Da brauchst du dann viele Köpfe, die Ideen haben und es war dann eine lichttechnische Lösung: einfach hinten Lampen zu machen, die dann, wenn der Ton vom Zug herannaht, immer heller werden. Dieser Zugsound kommt vom Band. Und das dann ordentlich zu timen mit dem Licht zusammen mit den Reaktionen der Darstellenden, das war viel, viel, viel, viel Arbeit.

Was noch eine Schwierigkeit war, war das Bühnenbild. Die Idee für dieses Bühnenbild mit zwei Ebenen entstand schon sehr früh. Was mir dann als Regie wichtig war, ist diese Wendeltreppe, weil wir ursprünglich eine normale Treppe hatten, die sehr schmal und hoch war. Ich wollte aber unbedingt diese Wendeltreppe, weil ich finde, die hat sich sehr gut in die Kulisse eingefügt. Und wäre die Kulisse einfach nur wirklich gerade gewesen, durchgezogen, dann hätte das nicht funktioniert, weil wir noch eine gewisse Breite brauchten. Unsere Kulissenleitung kam dann auf die Idee: Wie wäre es, wenn wir aus dieser Kulisse einfach ein Stück raus cutten? Dann könnten wir es ein bisschen nach hinten schieben und direkter abschließen. 

Gibt es eine Szene, die dir besonders Spaß gemacht hat, zu spielen? 

Da ist die Szene vor dem Stück ,,Der Weg zurück”. Mein Lieblingspart im Song ist, wo Hyde sich zurück in Jekyll verwandelt, sich an den Tisch lehnt und ihm die Waffe in die Hand fällt. Da einfach die Verzweiflung spielen. Ich spiele extrem gerne verzweifelte Charaktere. Dann, wenn man selber merkt, wie nah Jekyll jetzt gerade wirklich an Hyde dran ist und man spielt ja auch viel mit dem mit der Frisur, dem Zopf. Im zweiten Akt hat er ja wirklich kaum noch den Zopf, sondern hat wirklich die ganze Zeit die Haare im Gesicht. Genau hier die Verzweiflung zu spielen und immer mehr ungewollt zu Hyde werden. Das macht extrem viel Spaß.

Gibt es einen Lieblingsmoment, den du hattest? Während der Erarbeitung oder auf der Bühne?

Ich bin immer ein sehr, sehr großer Fan von mehrstimmigen Sachen. Es gibt ja das Quartett beispielsweise. Und wenn das das erste Mal funktioniert, wenn die Töne sitzen und man das erste Mal einen kompletten Durchlauf macht, das ist unbeschreiblich. Das ist wirklich so ein tolles Gefühl.

Das Tanzduett ist mit Abstand die schwierigste Szene, bis auf „Mörder, Mörder“, weil das eine Montageszene ist. Wir haben das in zehn Teile geteilt. Das ist ein Choreo- Schauspiel. Und die ganze Zeit läuft eine Musik darüber. Das alles zusammenzusetzen war viel Arbeit.

Abseits davon ist „Gefährliches Spiel“, also das Tanzduett, bombenschwer gewesen, allein aus der inszenatorischen Idee. Der Song handelt von sexual harassment Hyde Lucy gegenüber. Das darf nicht plakativ geschehen. Genauso ist es, was unten auf der Bühne passiert, ein extrem sinnlicher Tanz. Aber sinnlich darf es oben nicht dargestellt werden. Wir haben dann versucht, ein paar Tanzelemente mit dahin zu bringen, was die Darstellenden oben machen.

In dem Stück spielen die Themen Gewalt und sexuelle Gewalt eine Rolle. Wie seid ihr damit umgegangen?

Die Beziehung zwischen Hyde und Lucy darzustellen, ist super schwierig. Das Textbuch sagt einfach nur plump: Ja, sie hat eine nicht erklärbare animalische sexuelle Anziehung ihm gegenüber. Und das irgendwie darzustellen, ohne das zu dulden als Inszenierung, als Verein, das war extrem schwierig. Dass wir es nicht zu: „Er ist einfach grob zu ihr und sie findet es total toll“ darstellen. Das darf nicht passieren, auch wenn das Textbuch das hergibt – ist natürlich auch Interpretationssache. Aber im Prinzip steht da, dass sie eine Anziehung hat, weil sie in ihm so ein bisschen – natürlich – Jekyll sieht. Wen wundert's? Er ist eigentlich Jekyll. Spoiler. Im Prinzip weiß sie es auch nicht. Und das so darzustellen, war extrem schwierig. Und dass das Thema trotzdem angesprochen wird und ernst genommen wird. Aber man muss es trotzdem auf die Bühne bringen, diesen Missstand. Und deswegen haben wir uns auch dafür entschieden, die Spenden bspw. an das Frauenhaus Mainz zu geben, weil das glaube ich die beste Lösung ist. 

Du spielst in der Produktion Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Wenn du dir einen anderen Charakter aussuchen könntest, welcher wäre das und warum?

Ich glaube, ich würde John Utterson spielen, den besten Freund von Jekyll, weil sie eine gewisse Tragik in sich trägt, diese Rolle. Er ist ein bisschen stocksteifer - er ist Rechtsanwalt und er hat diese bedingungslose Loyalität Jekyll gegenüber. Das zu spielen, obwohl man innerlich mit sich hadert, gerade nach „Hyde verwandelt sich zurück in Jekyll“. Utterson erfährt das erste Mal: „Ah okay, das sind ein und dieselbe Person, Mist.“ Trotzdem noch die Loyalität ihm gegenüber. Diese innige Freundschaft und dieses innere mit sich hadern: Wie weit kann Loyalität in diesem Fall gehen? Ich glaube, das würde mir auch extrem viel Spaß machen. 

Wenn einen jetzt das Musical-Fieber gepackt hat: Wie kann man Teil von Musical Inc. werden? 

Man kann immer jeglichen Produktionsbeteiligten oder -beteiligte anschreiben, sie kann man fragen, man kann sich die Newsletter der Inc. abonnieren, um an Castings teilzunehmen. Man kann uns auf Social Media folgen. Da wird eigentlich immer geschrieben, wenn beispielsweise das neue Team gesucht wird, dann kann man sich einbringen. Zur nächsten Produktion, die nächstes Jahr stattfinden wird, wird dann natürlich ein neues Team gesucht. Es wird eine Regie gesucht, Choreografie wird gesucht, Bühnenbild, Ausstattung, Kostüm, Technik. Es gibt auch Infotage, also d. h. man kann sich das mal anschauen, die Leute kennen lernen. Viele, die jetzt ein Ressort leiten, sind einfach mal interessenshalber hin. Man ist nicht allein und fuchst sich da rein. Das ist das Gute an dem Verein, dass es extrem viele Menschen gibt mit einem Erfahrungsschatz, aus dem man schöpfen kann. Man kann sich da einfach überall einbringen. Ein Platz findet sich auf jeden Fall für Menschen.