„Tribute von Panem“ oder unumgänglich? Mainzer Studis zum Wehrdienst

20.11.2025
Campus-News, Studium
Michel Jänsch (Gastautor)

Die Debatte um eine mögliche Wehrpflicht oder ein Losverfahren beherrscht seit Wochen die Nachrichten. Doch wie ist die Stimmung unter jungen Menschen auf dem Campus?

Internationale Konflikte verschärfen sich, der deutsche Luftraum wird zunehmend unsicherer, in Ost-Europa herrscht seit über drei Jahren Krieg. Die Antwort der Bundesregierung: Deutschland müsse sich wieder verteidigen können – und das könnte auch für Student:innen der JGU in Zukunft eine Einberufung zum Wehrdienst bedeuten.

Klare Worte aus Jugendverbänden

Bereits vor über einem Monat formulierte ein Zusammenschluss aus Jusos, links jugend [`solid], Grüner Jugend und insgesamt sieben weiteren Jugendorganisationen eine unmissverständliche Stellungnahme. In der zugehörigen Pressemitteilung ist die Rede von einem „erhebliche[n] Eingriff in die Freiheit und Selbstbestimmung“ sowie von einer vermeintlichen „Militarisierung der Gesellschaft“.

Alternativ plädieren die Sprecher:innen des Zusammenschlusses für Diplomatie als Lösung für internationale Konflikte. Ebenso solle das Modell des Freiwilligendienstes in vielerlei Hinsichten gestärkt werden; die Aufgabe der Bundesregierung sei es hier, Anreize zu schaffen.

Was meint „Bedarfswehrpflicht“?

Seit dem 13. November haben sich die Vorhaben der Regierung konkretisiert: Wie es das Modernisierungsgesetz bereits vorgesehen hatte, sollen alle jungen Menschen, die ab dem 01. Januar 2008 geboren wurden, Anfang 2026 zunächst einen Fragebogen über ihre Motivation und Einstellung einem Wehrdienst gegenüber ausfüllen. Verpflichtend ist dieser nur für jene mit männlichem Geschlechtseintrag. Ergibt sich aus den Antworten eine zu geringe Zahl an Freiwilligen, so hält sich die Regierung die Möglichkeit eines Losverfahrens offen; eine Pflicht würde also nur bei „Bedarf“ greifen.

Die Zukunft eine Dystopie?

Hört man sich auf dem Campus um, so erinnert das Modernisierungsgesetz mehrfach an die berühmte, dystopische „Tribute von Panem“-Buchreihe: Das Vorgehen sei „schwachsinnig“ und „unfair“ und benachteilige zudem (wie im Buch) Menschen aus ärmeren Verhältnissen, da die Bundeswehr auch mit finanziellen Anreizen locke, welche diese Menschen dringender benötigen.

Doch auch Stimmen, die das Gegenteil nahelegen, sind zu hören. Trotz potenziell betroffener jüngerer Geschwister sehen manche im Wehrdienst die Möglichkeit, Disziplin und Ordnung zu lernen oder benennen zumindest einen Mangel an Alternativen, da Rekrut:innen langfristig zur Verteidigung nötig seien.

Weitaus mehr Übereinstimmung herrscht jedoch in einem Punkt: Um die wahren Ziele einer Aufrüstungspolitik erreichen zu wollen, müssen Politiker:innen auf die Bedenken junger Menschen eingehen und die Bundeswehr attraktiver machen; auf diese Weise halten viele auch eine ausreichende Aufstockung durch Freiwilligkeit für möglich.

Männer im Nachteil?

Da nur Männer verpflichtend einen Fragebogen ausfüllen müssen, ist zu vermuten, dass auch ein verpflichtendes Losverfahren nur Männer treffen würde. Manche Befragte sehen darin die Gefahr einer Festigung des problematischen „starken, sich aufopfernden“ Männer-Bildes; andere befürchten eine Erschwerung der Gleichstellung der Geschlechter, wenn auf dem Weg dorthin neue Ungleichheiten etabliert würden.

Dennoch finden auch Verweise auf physikalische Aspekte Anklang wie etwa die biologisch veranlagte, durchschnittliche Überlegenheit in Kraft und Ausdauer bei Männern, die Frauen in eine unfaire Situation bringe.

Im nächsten Jahr wird der Optimismus des Verteidigungsministeriums bezüglich einer ausreichenden Aufstockung durch Freiwilligkeit auf die Probe gestellt werden. In jedem Fall bleibt das Thema des Wehrdienstes eines, das junge Menschen zu politischem Diskurs anregt – auch in Mainz auf dem Campus.