Trashlinguistik – Trash-TV als Wissenschaft?

09.07.2026
Campus-News, Studium
Anika Lauer

Die meisten kennen Trash-TV-Formate wie “Prominent getrennt” oder “Temptation Island”.

Sprachwissenschaftler Paul Reszke forscht unter dem Begriff “Trashlinguistik” dazu. Wir haben ihn gefragt, warum gerade diese Formate wissenschaftlich so interessant sind und ob er eigentlich selbst Trash-TV schaut.

 

Herr Reszke, starten wir erstmal mit der Frage, was Trashlinguistik überhaupt ist.

Das Witzige ist natürlich, dass wir erst dabei sind zu entwickeln, was Trashlinguistik überhaupt ist. Es gibt dazu riesige Diskussionen: Was heißt trashig? Ist es noch trashig, wenn es wieder aufgewertet ist? Es gibt auch Trashfilme, die total gut und teuer gemacht wurden, damit sie trashig sind. Eigentlich müssten wir Sprachwissenschaftler uns nicht auf diese Diskussion einlassen und einfach schauen, worauf Leute zeigen, wenn sie Begriffe wie „Trash-TV“ oder „trashig“ benutzen. Es gibt noch nicht diese eine Definition, aber vielleicht kommen wir da noch hin. 

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Vor einem Jahr habe ich ein Seminar zum Thema Gesprächsanalyse gegeben. Und ich bin durch meinen eigenen Trash-TV-Konsum auf die Idee gekommen, die Sendung „Love is Blind“ dafür zu nutzen. 

Dann habe ich das mit den Studierenden gemacht, das gefiel ihnen und es waren sogar Leute nur zum Spaß da. Ich habe auch von den Studierenden gelernt, dass sie zum Beispiel einordnende Videos zu Trash-TV-Formaten auf YouTube oder Social Media schauen und dies gleichzeitig auch selbst kommentieren und auch etwas über toxische Beziehungen lernen. Das hat ja eine krasse Lebensrelevanz, obwohl das primäre Produkt, was ja die ganze Kommunikation auslöst, gar nicht geschaut wird. Und dennoch bilden sich Communities anhand von so YouTube-Kanälen und es wird darüber gesprochen und das ist für Linguisten ja ein super interessantes Vorgehen. 

Gleichzeitig bin ich mit Rita Finkbeiner, die zu Klatschmagazinen und deren Schlagzeilen forscht, ins Gespräch gekommen und das ist ja auch ein trashiges Thema. Wir haben so darüber geredet und eine Spaßidee gehabt und gesagt: „Tja, dann machen wir ja offensichtlich Trashlinguistik“. Wir beide meinten, dass das eigentlich gut klingt und wir vielleicht was dazu machen könnten. 

Meinen Sie also, daraus kann sich ein größeres Forschungsfeld entwickeln? 

Ja voll. Also die Idee ist ja, dass wir die Studierenden in der Forschung stärker beteiligen – also auf Augenhöhe. Durch unsere Seminare haben wir gemerkt, dass das Leute interessant finden. Jetzt versuchen wir, das linguistisch zu schärfen. Das ist auch ein Erstversuch: wir versuchen, das zu entwickeln, vielleicht entstehen daraus auch bei einigen Studierenden Hausarbeiten oder Abschlussarbeiten. 

Was finden Sie an Trashlinguistik besonders interessant? 

Ich habe mich früher damit beschäftigt, wie Menschen über Kunst sprechen. Also was sind kommunikative Funktionen solcher Gespräche und gerade, wenn Menschen über Kunst sprechen, kann man das im Alltag zusammenfassen als „Menschen neu kennenlernen“. 

Das hat also eine soziale Funktion – es werden auch bestimmte Werte ausgehandelt. Das machen wir letztlich auf einem anderen Level, wenn wir über Trash-TV sprechen, wenn wir zum Beispiel sagen, dass Aleks Petrovic unmöglich ist. Sprechen wir medial verstärkt über solche Dinge, bilden wir Wertegemeinschaften und versuchen, unsere eigene Medienlandschaft zu reflektieren, indem wir uns fragen: „Ist Reality-TV vielleicht Ausbeutung?“. 

Wir entdecken problematische Muster wie Frauen, die total misogyn behandelt werden, und das sind ja Muster, die wir in der Gesellschaft auch haben, die aber unsichtbar bleiben. Man kann sagen: „Gut, dass das sichtbar wird“, oder auch: „Schlimm, dass das sichtbar wird.“ 

Diese Debatten sind total interessante Wertedebatten. Letztendlich finde ich genau diesen Gedanken toll, wie sich so eine Gesellschaft oder in unserer jetzigen Zeit auch Mikrogesellschaften ausbilden, die bestimmte Werte teilen. Gerade bei Trash-TV finde ich solche Debatten auf Social Media spannend, dass sich Leute darüber austauschen können.

Genau das interessiert mich, wie bei den Gesprächen über Kunst und auch bei Gesprächen über Trash-TV sich letztlich doch gemeinsam über Werte und über Handlungsnormen ausgetauscht wird. 

Abschließend, Herr Reszke, wenn Sie Studierende neugierig machen wollen, warum sollte man sich mit Trashlinguistik beschäftigen? 

Also im Prinzip möchte ich erstmal das Bewusstsein dafür schaffen, dass Sprache deshalb so interessant ist, weil sie einerseits sowas wie Grammatik, Sprachgeschichte, Genitive, Adjektive hat, also die formale Seite.

Und daran knüpft ja die inhaltliche Seite an, zum Beispiel, wenn man Ironie erlernt oder wenn Leute manipulativ sprechen oder lügen. Verhält sich jemand in hohem Maße unmoralisch, generiert das Einschaltquoten, das heißt, wir haben in Trash-Kontexten einen hohen Anteil von Menschen, die das tun. Durch Trash-TV haben wir total interessante Beobachtungsmöglichkeiten: Wir sehen, welche Skills in der Kommunikation da sind, die man mit Bereichen der Linguistik wie der Semantik und Pragmatik ganz gut abdecken kann. Trashlinguistik ist ein Bereich, an dem man das total gut anwenden kann und selbst interessante Daten von Formaten, die man auch privat verfolgt, sammeln kann. Wir können hier auch frei schöpfen und viele Studierende daran beteiligen. Das ist das Schöne daran.

Lehrveranstaltungen zum Thema "Trashlinguistik"

Paul Reszke forscht nicht nur zum Thema “Trashlinguistik”, sondern hat in diesem Sommersemester erstmals auch eine Veranstaltung dazu gegeben. Gemeinsam mit den Professorinnen Anja Müller und Rita Finkbeiner leitete er das Projekt „Von ironischer Rezeption zu medienkompetenter Reflexion: Forschendes Lernen in Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik am Anwendungsbeispiel Trashkultur“.

Das Projekt mit dem Titel „Von ironischer Rezeption zu medienkompetenter Reflexion: Forschendes Lernen in Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik am Anwendungsbeispiel Trashkultur“, oder kurz „Trashlinguistik“, wird dieses Semester erstmals in der Lehre angeboten. Das vom Gutenberg Lehrkolleg geförderte Projekt umfasst Lehrangebote zu Trash-TV, Klatschmagazine oder Schlagerkultur.