Morgens, direkt nach dem Aufstehen, der Blick aufs Handy: Die Bahn fällt aus. Ob es nun an fehlendem Personal, technischen Störungen oder kurzfristiger Erkrankung liegt, ist mir mittlerweile fast egal. Schon werden aus den üblichen 40 Minuten, die ich eigentlich für meine Anreise benötige, mindestens 90. Und das auch nur, wenn alles perfekt läuft, jeder Bus pünktlich ist und die drei Minuten Umstiegszeit genügen, um den nächsten Bus an einer anderen Haltestelle zu erwischen.
Nachdem mir der anschließende Bus natürlich vor der Nase weggefahren ist, stehe ich also in der prallen Hitze an der nächsten Bushaltestelle und hoffe, dass ich es noch pünktlich zu meiner Vorlesung schaffe. Die Tatsache, dass meine Reise nun genauso lange dauert wie die einzige Veranstaltung des Tages, führt fast dazu, dass ich kehrtmache und den Tag doch lieber ganz entspannt zu Hause verbringe.
„Könnt ihr mir einen Platz freihalten?“, schreibe ich meinen Freundinnen, die die gleiche Vorlesung besuchen. „Wieder die Bahn?“, kommt prompt die Antwort. Selbst meine Freundinnen aus Mainz, die oft nur wenige Stationen mit der Straßenbahn fahren müssen, kennen diese Probleme. Ständig scheint eine neue Baustelle aus dem Nichts aufzutauchen, die die Abfahrtszeiten beeinflusst und wochenlang zu Verspätungen, Umleitungen und Ausfällen führt.
Eigentlich könnte es so perfekt sein: Mit dem Zug bin ich normalerweise in wenigen Haltestellen in Mainz und kann dann mit dem Bus direkt weiter bis zur Uni fahren. Leider kann ich die Male, in denen dieses Semester alles reibungslos funktioniert hat, an einer Hand abzählen. Wie es bei Freundinnen aussieht, die teilweise zwei oder drei Stunden nach Mainz pendeln müssen, möchte ich mir gar nicht vorstellen.
Die zahlreichen Ausfälle und Verspätungen wären meiner Ansicht nach auch viel erträglicher, wenn wenigstens die verschiedenen Öffi-Apps zuverlässig funktionieren würden. Wie oft bin ich schon genau der Bahn hinterhergerannt, die laut App eigentlich schon längst abgefahren war. Auch der generelle Straßenverkehr in Mainz erschwert die An- und Abreise. Schon häufig habe ich meine Bahn verpasst und musste eine halbe Stunde am Bahnhof warten, weil mein Bus mal wieder auf der Brücke im Stau stand und wir nur im Schneckentempo vorankamen, während wir sogar von Fußgänger:innen überholt wurden.
Da meine Ankunft in Mainz nur über den Bahnhof in Mainz-Kastel möglich ist, möchte ich an dieser Stelle gerne all denen einen Einblick gewähren, die bisher noch nicht die Freude hatten, diesen Bahnhof näher kennenzulernen. Die Unterführung des Bahnhofs begrüßt Reisende zu jeder Tages- und Nachtzeit mit dem durchdringenden Geruch von Urin. Für die Sitzgelegenheiten am Gleis bin ich zwar jedes Mal sehr dankbar, wenn ich eine halbe Stunde lang auf die nächste Bahn warten darf, was ich aber beim besten Willen nicht nachvollziehen kann ist die Tatsache, dass die Bänke keine Überdachung haben. Hitze? Regen? Schnee? Hagel? Man darf sich jeweils entscheiden zwischen Sitzen im Unwetter oder Stehen ohne Ende. Meiner Meinung nach kann beides sehr unbequem werden.
Wer wenigstens einen Aufzug erwartet, hofft vergebens. Die Gleise 2 und 3 sind ausschließlich über zwei Treppen erreichbar, somit sind sie mit dem Rollstuhl oder Rollator überhaupt nicht zugänglich und auch Reisenden, die ein Fahrrad oder mehr als einen Koffer transportieren, wird der Gleiswechsel erheblich erschwert. Ändern soll sich das laut der Stadt Wiesbaden erst im Jahr 2029.
Eine große Empfehlung für alle, die aufgrund der ständigen Ausfälle gestrandet sind, ist Arkadas, der Dönerladen direkt am Bahnhof. Schon mehrere Male konnte ich mich immerhin mit knusprigen Pommes oder einem erfrischenden Getränk über die entfallene Bahn hinwegtrösten und die kleine Ewigkeit bis zum nächsten Zug überbrücken. Und hey, immerhin parken immer etwa zehn Taxis direkt neben dem Bahnhof und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass auch Uber-Fahrer:innen oft schneller und zuverlässiger sind als jede Bahn.
Was würde meiner Meinung nach also die Reise nach Mainz etwas erträglicher machen? Klare, frühzeitige und vor allem akkurate Kommunikation von Verspätungen in der App meines Vertrauens. Reibungslos funktionierender Ersatzverkehr. Eine öffentliche Toilette in der Nähe des Bahnhofs. Überdachte Sitzgelegenheiten. Ein Aufzug. Zwei Aufzüge. Und wenn ich schon dabei bin, vielleicht kostenlose Snacks und Getränke in allen S-Bahnen, denn man wird ja wohl noch träumen dürfen.