Es ist ein Montagabend an der JGU Mainz. Im Eingangsbereich des Haus ReWi II sitzen etwa 15 Studierende an einem langen Tisch. Auf ihm steht ein kleines Buffet mit Snacks und Getränken. Es wird sich ausgetauscht, E-Mails werden durchgesehen, Instagram-Beiträge besprochen und neue Aktionen geplant. Eine Person leitet die Sitzung, eine andere Person schreibt Protokoll. Was auf den ersten Blick wie ein lockeres Uni-Treffen wirkt, ist die Mainzer Gruppe von „ArbeiterKind.de“. Das ist eine Gemeinschaft, die Erstakademiker:innen, auch Arbeiterkinder genannt, unterstützt und ermutigt, ihren eigenen Weg im Studium zu gehen.
Wie es der Name vermuten lässt, sind Erstakademiker:innen Personen, die als Erste in ihrer Familie studieren. Das heißt, dass niemand in der Familie ein Studium abgeschlossen hat. Die Eltern haben in der Regel eine abgeschlossene Berufsausbildung, sind also „Arbeiter“, weswegen ihre Kinder von der Initiative „Arbeiterkinder“ genannt werden.
„Wir sind ein bisschen wie eine Selbsthilfegruppe für Erstakademiker:innen“, sagt ein Mitglied humorvoll. „ArbeiterKind.de“ möchte Gemeinschaft und Orientierung für alle schaffen, die als Erste in ihrer Familie studieren. Die Mitglieder der Initiative wollen Vorbilder sein und Studierenden helfen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, wie sie selbst als Studienanfänger:innen. Im Mittelpunkt stehe das sogenannte Mutmacher-Konzept: Mitglieder gehen an Schulen, erzählen ihre eigenen Geschichten und zeigen, dass ein Studium auch ohne akademischen Familienhintergrund möglich ist.
Eine Studie von 2014 zeigt: Von 100 Grundschulschüler:innen aus Akademikerhaushalten nehmen 74 ein Studium auf. Davon promovieren 10 Personen. Im Gegensatz dazu nehmen von 100 Grundschüler:innen aus Nicht-Akademikerhaushalten 21 ein Studium auf und nur eine Person promoviert. Das liegt unter anderem daran, dass Studierende aus Nicht-Akademikerhaushalten tendenziell weniger Hilfe und Unterstützung innerhalb ihrer Familie bekommen, da die Familienmitglieder selbst nicht studiert haben.
Viele Herausforderungen im Uni-Alltag erscheinen trivial. Für Erstakademiker:innen ist das jedoch oft nicht der Fall: „Ich bin einmal zu einem Blockseminar gegangen, das gar nicht stattfand, weil niemand erklärt hatte, dass sonntags keine Uni-Veranstaltungen sind“, erzählt ein Mitglied. Auch Begriffe wie „Immatrikulation“ oder „Kommilitone“ sind für viele anfangs Begriffe, die ihnen noch nie im Leben begegnet sind.
Fehlende Netzwerke, finanzielle Belastungen und Unsicherheiten im akademischen Umfeld machen es nicht leicht. Besonders an einer großen Uni wie der JGU, mit teilweise sehr komplexen Hilfestrukturen, kann man sich schnell verloren fühlen. Genau hier setzt „ArbeiterKind.de“ an: Als Anlaufstelle und Übersetzungs-Tool für all die unausgesprochenen Regeln der Hochschule.
Und doch gibt es auch Vorteile als Erstakademiker:in, wie ein Mitglied erklärt: „Viele Arbeiterkinder bringen neue Perspektiven in den akademischen Diskurs, sind anpassungsfähig und können zwischen verschiedenen Lebenswelten wechseln.“ Das Mitglied bezeichnet dieses Phänomen als das sogenannte „Code-Switching“. Herausforderungen, an denen andere vielleicht scheitern würden, werden hier zu Antrieb und Stärke.
Jede Erstakademiker:in könne sich der Gruppe anschließen. Studiengang, Hintergrund oder Leistung spielen dabei keine Rollen, nur Zeit und Motivation. „Man muss eigentlich nur sich selbst mitbringen“, heißt es in der Gruppe.
Ob bei Treffen, Workshops oder Schulbesuchen: Jede:r könne sich so einbringen, wie es gerade passt. Auch Social Media und Vernetzungsarbeit gehören dazu. Das Team betreut beispielsweise den Instagram-Account, besucht Messen und hilft, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Auf dem Instagram-Account finden sich auch alle Ankündigungen zu den offenen Treffen, die in der Regel jeden ersten Dienstag im Monat stattfinden. Das nächste Treffen findet am 02.12.2025 um 18:30 in der Infobox des Uni Campus statt.
Das Mainzer Team hat sich in kurzer Zeit neu aufgebaut, „von 0 auf 100“, wie ein Mitglied stolz erzählt. Die Gruppe plane regelmäßig Veranstaltungen für Erstsemester, etwa Hilfe bei der Stundenplanerstellung oder Kennenlernabende. Auch Ideen wie ein Film- oder Wii-Abend stehen im Raum, um neue Mitglieder willkommen zu heißen. Bei dem Treffen wurde außerdem über die Einführung einer Sprechstunde diskutiert, um Studierenden einen festen Anlaufpunkt zu bieten.
ArbeiterKind.de sei ein deutschlandweites Netzwerk, erzählt ein Mitglied. Über Social Media, sowie über eine interne Plattform und regelmäßige Treffen sind alle Gruppen bundesweit miteinander verbunden. Denn am Ende geht es immer um das gleiche Ziel: niemand soll sich im Studium allein fühlen.