Der Film „She Said“ wurde im Rahmen einer Kooperation des Muschelkinos, der Stabsstelle Gleichstellung und Diversität der JGU und des Frauennotrufs Mainz e.V. anlässlich des internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November 2024 gezeigt. Zudem war die Vorstellung Teil der interdisziplinären Vorlesungsreihe „Lunch Lectures – FOOD FOR THOUGHT“. Anwesend waren circa 110 Personen. Das sei fast doppelt so viel, wie sie erwartet hatten, sagt Franziska Vaessen, Mitarbeiterin der Stabsstelle Gleichstellung und Diversität, dort zuständig für die Projektkoordination für Gleichstellungsmaßnahmen am Fachbereich 05.
Der Spielfilm „She Said“ thematisiert, wie zwei Journalistinnen der New York Times (Jody Kantor und Megan Twohey) nach monatelanger Recherche einen Artikel über Harvey Weinstein und seinen jahrzehntelangen Machtmissbrauch in Hollywood veröffentlichten. Der Film basiert auf wahren Begebenheiten. Der veröffentlichte Artikel führte zu der #metoo-Bewegung, bei der immer mehr Frauen sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz öffentlich machten.
Im Anschluss an den Film gab es ein Gespräch zwischen Mitarbeiterinnen der Stabsstelle Gleichstellung und Diversität und des Frauennotrufs Mainz e.V. Zu Beginn des Gesprächs wurden Assoziationen zum Film genannt. Anette Diehl, die seit 37 Jahren beim Frauennotruf tätig ist, hob hervor, dass durch die dargestellte Zeitungsfirma ein „System gezeigt wurde, was die Opfer stärkt“. Dem messe sie eine große Bedeutung bei. „Das Thema ist relevant, weil einfach so furchtbar viele Menschen betroffen sind“, sagt sie.
„Positiv ist, dass die Betroffenenperspektive dargestellt wurde ohne, dass Szenen von direkter sexualisierter Gewalt gezeigt wurden“, sagt Sabine Wollstädter, auch Mitarbeiterin des Frauennotrufs. Zudem sei Solidarität gezeigt worden, die sowohl unter Betroffenen wichtig sei, als auch von Außenstehenden, denen die Geschichten anvertraut werden.
Der Film zeige auch eine Form der sogenannten sekundären Traumatisierung, wenn sich z.B. ein Gefühl der Ohnmacht auf das Umfeld überträgt, sagt Diehl. Dies würden sie beim Frauennotruf auch immer wieder erleben.
Nach Diehls Erfahrungen sind es „immer Betroffene, die eine Welle ausgelöst haben“. Eine vermehrte Berichterstattung zu dem Thema habe oft eine vermehrte Beratungsanfrage zur Folge. „Berichterstattung hat zwei Seiten. Einerseits können Betroffene dadurch getriggert werden. Andererseits macht es vielen Betroffenen Mut, auch darüber zu sprechen.“
Die #MeToo-Debatte habe auch an der JGU die Aufmerksamkeit auf das Themenfeld der sexualisierten Diskriminierung und Gewalt erhöht sagt Stefanie Schmidberger, stellvertretende Leitung der Stabsstelle Gleichstellung und Diversität. Auch sie berichtet von einem Anstieg an Nachfrage an Beratung in diesem Kontext bei der Stabsstelle Gleichstellung und Diversität nach der Veröffentlichung des Artikels im Jahr 2017.
Diehl berichtet, dass zu Beginn der Bewegung viele Projekte unterstützt wurden. Mittlerweile würde die Unterstützung wieder stagnieren. Wollstädter empfinde aktuell Frust, wenn sie sich z.B. die Fälle rund um Rammstein anschaue. „Ich finde es ganz wichtig unabhängig davon, was juristisch entschieden wird, seinem moralischen Kompass zu folgen. Ich finde der Film hat sehr gut gezeigt, dass die Perspektive von Betroffenen allein reicht, um ihnen zu glauben“. Nach diesem Ansatz würden sie auch beim Frauennotruf handeln.
„Ich denke als Bezugsperson ist es sehr wichtig, einfach erstmal zuzuhören und den Betroffenen einen Rahmen zu geben, in dem sie sich äußern können. Es ist wichtig, Empathie mitzubringen, das Ganze erstmal nicht zu bewerten, nicht zu kommentieren“, sagt Wollstädter.
Man könne auch zusammen nach externen Hilfestellen suchen, bei denen sowohl Betroffene als auch Bezugspersonen Unterstützung bekommen könnten. „Oft ist man zunächst überrumpellt. Das ist ganz normal. Deshalb sollte man auch gucken, was man als Bezugsperson braucht, um damit umgehen zu können.“
Diehl erzählt aus ihrer Erfahrung, dass die größte Angst der Betroffenen oft sei, andere mit ihrem Leid zu belasten, aber sie oftmals schon das Bedürfnis haben über das Erlebte zu sprechen. Deshalb sei es wichtig, eigene Grenzen zu benennen, um diese Angst zu nehmen. Wenn man einen Verdacht habe, dass einer nahestehenden Person etwas passiert ist, sollte man dies ansprechen. Ist man sich unsicher, könne man sich auch beim Frauennotruf beraten lassen.
Der Frauennotruf Mainz e.V. und die Stabsstelle Gleichstellung und Diversität haben seit längerem eine Kooperation. Beispielweise arbeiten sie bei konkreten Fällen zusammen, wenn Betroffene sich an die Stabsstelle wenden und noch mehr Unterstützung benötigen.
Zudem entstand in diesem Zusammenhang der Podcast „Hinschauen!“. Darin geht es darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Führungs- oder betreuungshandelnde Personen, Personen, die von sexualisierter Belästigung und Gewalt betroffen sind, unterstützen können.
Schmidberger: „An Hochschulen haben wir Strukturen, die einen gewissen Machtmissbrauch fördern können. Zu sexualisierter Belästigung als eine Form des Machtmissbrauchs existiert bereits seit 2013 eine Senatsrichtlinie. Als Stabsstelle für Gleichstellung und Diversität möchten wir dafür sensibilisieren, solche Situationen zu erkennen.“ Betroffene Personen können sich dorthin wenden, um Unterstützung zu erfahren. Auf Wunsch auch anonym.
Schmidberger nennt Beispiele aus unterschiedlichen möglichen Beratungssettings. Ein beschriebenes Szenario: „eine Doktorand*innen-Gruppe ist innerhalb einer Chat-Gruppe vernetzt und die vorgesetzte Person verschickt über diese zu nächtlicher Stunde an eine einzelne Person Arbeitsaufträge verbunden mit der Bitte, sich morgens in der Früh zu zweit im Labor zu treffen." Ein weiteres Beispiel ist, dass es zu ungewünschten Berührungen komme durch Aussagen wie „ich helfe dir in den Laborkittel, aus dem Laborkittel und so weiter.“ Unerwünschte körperliche Annährungen stellen gemäß der Richtlinie des Senats zum Schutz vor sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt an der JGU eine Form sexueller Belästigung dar.
Wollstädter verweist darauf, dass es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gibt. Dort sei benannt, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz jedes sexuell bestimmte unerwünschte Verhalten sei, das bezwecke oder bewirke, dass die Würde der betroffenen Person verletzt wird.
Der Film zeige auch deutlich, wie wichtig es sei, dass die Führungsetagen Verantwortung übernehmen. Diehl und Wollstädter geben Fortbildungen für ganze Betriebe, um für das Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu sensibilisieren. Sie stellen fest, dass ganz viel von der Einstellung der Führungsetage abhängt.