Um 23 Uhr sei Hannah* in die Bar des Studierendenwohnheims Hechtsheim gegangen, habe ein paar Shots getrunken und sich mit einigen Leuten unterhalten. Was ab halb eins passiert ist, daran erinnere sie sich nicht mehr. „Um sieben Uhr bin ich dann in meinem Zimmer aufgewacht. Nackt, neben einem fremden Mann“, sagt sie. Hannah vermutet, in der Bar mit K.-o.-Tropfen betäubt worden zu sein.
Anders kann sich die 20-Jährige nicht erklären, warum ihr mehrere Stunden Erinnerung vollständig fehlen. „Ich kenne mein Alkohol-Limit und trinke ab und zu mal etwas. Ich weiß, dass ich an dem Abend nicht so viel getrunken habe. Außerdem hatte ich keinen Kater“, erzählt sie.
Erinnerungslücken seien typische Symptome von Substanzen, die unter dem Begriff K.-o.-Tropfen zusammengefasst werden, ordnet Stefan Tönnes ein. Er ist forensischer Toxikologe und Leiter der Forensischen Toxikologie am Klinikum der Goethe-Universität in Frankfurt. Weitere Symptome können Schwindel, Übelkeit sowie Bewusst- und Willenlosigkeit sein.
Ob Hannah tatsächlich K.-o.-Tropfen bekommen hat, kann sie nicht mehr beweisen. Die Substanzen sind nur sehr kurz nachweisbar. „Ich bin erst am Sonntag danach zur Polizei gegangen“, berichtet sie. In der Bar war sie am Dienstag. „Ich habe so lange gebraucht, um es zu melden, weil ich einfach nicht wahrhaben wollte, dass das wirklich passiert ist. Es ist viel einfacher, sich zu belügen und zu sagen ‚Ich hab wohl zu viel getrunken und hatte einen schlechten One-Night-Stand, meine Schuld‘ als sich einzugestehen, dass jemand eine Straftat an mir begangen hat“, sagt sie.
Dass sie trotzdem zur Polizei gegangen ist, erleichtere sie. „Selbst wenn bei der Anzeige nichts herauskommt, bin ich froh, es für mich getan zu haben“, sagt sie. Ihre Sorgen, bei der Aussage nicht ernst genommen zu werden, seien unberechtigt gewesen. Eine speziell ausgebildete Polizistin habe ihre Aussage sensibel aufgenommen. Derzeit laufe ein Ermittlungsverfahren in ihrem Fall. Ihr Appell an Betroffene: „Wenn ihr nicht sicher seid, was euch passiert ist, geht trotzdem zur Polizei oder ins Krankenhaus, um mögliche Spuren zu sichern. Lasst euch helfen!“
Auch ihr weiteres Umfeld habe verständnisvoll reagiert: Weil Hannah nicht mehr in ihrem Wohnheimszimmer bleiben wollte, kündigte das Studierendenwerk ihren Mietvertrag vorzeitig. Nun wohnt sie in einem anderen Wohnheim.
Auf Anfrage teilt das Studierendenwerk mit: „Wir nehmen Hinweise auf sexualisierte Gewalt sehr ernst. Wir setzen auf niedrigschwellige Melde- und Ansprechwege, Unterstützung bei akutem Schutzbedarf, z. B. Umzug im Rahmen der Möglichkeiten, sowie Verweis an spezialisierte Beratungsangebote.“
Um nach Hannahs Fall zum Schutz anderer Bewohner:innen wohnrechtliche Schritte prüfen zu können, hätte das Studierendenwerk um den Namen und die Zimmernummer der beschuldigten Person gebeten. Das Studierendenwerk stehe auch im Austausch mit den zuständigen Ermittlungsbehörden.
Zu konkreten bestehenden oder neuen Schutzmaßnahmen in der Bar äußert sich das Studierendenwerk auf Anfrage nicht. Die Bars in den Wohnheimen werden von ehrenamtlichen Bewohner:innen betrieben. Hannahs Fall werde derzeit jedoch nicht mit der studentischen Hausvertretung besprochen.
„Grundsätzlich stehen das Studierendenwerk Mainz und die Heimvertretungen im regelmäßigen Austausch zu Themen des Wohnheimalltags und des Zusammenlebens in den Wohnheimen“, so das Studierendenwerk. Details zu konkreten Vorfällen könnten jedoch aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht weitergegeben werden.
Hannah berichtet, nicht damit gerechnet zu haben, in ihrem Wohnheim mutmaßlich Opfer von K.-o.-Tropfen zu werden. „Ich würde niemals alleine in eine Bar gehen, aber das war eben die Wohnheimsbar. Ich dachte, ich wäre dort sicher“, sagt sie.
Die ehrenamtliche Barleitung erläutert auf Anfrage der Redaktion: "Uns war der Vorfall nicht bekannt. Unser Ziel ist es, dass das Wohnheim ein Ort ist, an dem sich alle Bewohnenden sicher und wohl fühlen können. Dafür setzen wir uns weiterhin mit großem Engagement ein." Die ehrenamtlichen Mitglieder hinter der Bar achteten auf ein respektvolles Miteinander und unterstützten Personen, die sich unwohl fühlen oder Hilfe benötigen. Das Barpersonal verfüge aufgrund des Hausrechts über die Möglichkeit, Personen aus der Bar zu verweisen oder bei schwerwiegendem Fehlverhalten Hausverbote auszusprechen.
Um sich vor K.-o.-Tropfen zu schützen, gibt es mehrere grundsätzliche Empfehlungen: Gläser und Flaschen nicht unbeaufsichtigt stehen lassen oder abdecken und nicht alleine unterwegs sein. Stefan Tönnes warnt jedoch, dass es nie wirkliche Sicherheit gäbe: „Ich habe schon Substanzen in originalverschlossenen Flaschen gefunden“, sagt er. Auch Selbsttest wie Armbänder und Nagellack würden nicht alle Substanzen anzeigen, die möglicherweise im Getränk sind.
Hannah versucht nun, die Erlebnisse zu verarbeiten. Auch Wochen nach der mutmaßlichen Tat könne sie sich nicht auf Aufgaben konzentrieren. Sie müsse sich ablenken, um nicht ständig daran zu denken. Trotzdem wolle sie kein Urlaubssemester einlegen: „Ich glaube, so würde ich noch mehr in ein Loch fallen. Ich versuche, so gut es geht, mein Leben weiterzuleben“, sagt sie. Immer wieder denke sie darüber nach, dass sie durch die Substanzen auch hätte gar nicht mehr aufwachen können. Auch die Angst vor einer Schwangerschaft oder sexuell übertragbaren Krankheiten beschäftigten sie.
Nach der Nacht habe sie drei Wochen Zuhause bei ihrer Familie verbracht. Jetzt, zurück in der Uni, habe sie ihre Stunden reduziert und lasse zwei Vorlesungen ausfallen. „Ich habe unglaublich viel positive Resonanz erlebt“, erzählt sie. Ihre Freund:innen und Kommiliton:innen in der Uni und auch ihre Dozierenden unterstützten sie sehr.
Ihr Studium verlängert sie voraussichtlich um ein Semester, weil sie viel Stoff nachholen müsse. „Diese Nacht hat mich aus dem Alltag gerissen. Ich bin erst vor ein paar Wochen für mein erstes Semester nach Mainz gezogen, bevor mir das passiert ist“, erzählt sie. Hannah möchte trotz allem in Mainz bleiben und ihr Studium an der JGU fortführen. „Warum sollte ich diesem Menschen, der mir das angetan hat, noch mehr Macht über den Ausgang meines Lebens geben?“, sagt sie.
*Name zum Schutz der Privatsphäre geändert, der Name ist der Redaktion bekannt.
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