Im Gleichschritt nach rechts – Kommentar zu Burschenschaften

17.12.2025
Campus-News, Studium
Tamara Jonientz

Unsere Redakteurin Tamara hat sich intensiv und ausführlich mit dem aktuellen Thema Studentenverbindungen und Burschenschaften beschäftigt. Hier präsentiert sie ihre Recherche – von der historischen Entstehung, über ein Gespräch mit einem ehemaligen Mitglied zur Diskussion, wie journalistische Berichterstattung über das Thema heute aussehen kann und sollte.

 

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen einordnenden Kommentar. Er verbindet durch Quellen belegte Tatsachenbehauptungen mit subjektiven Einschätzungen der Autorin.

Burschenschaften – woher kommen sie, was wollen sie?

Deutsche Burschenschaften stehen schon seit Jahren in der Kritik, dennoch werden sie geduldet, werben an Schulen für ihre Sache und haben Verbindungen bis in die rechten Ränder der Politik. Ich habe mich etwas genauer mit dem Phänomen der deutschen Burschenschaften beschäftigt. Mit ihrer Geschichte, Tradition, woher sie kommen und wofür sie stehen.

Lange Tradition in Deutschland

Die Geschichte der Studentenverbindungen reicht bis ins deutsche Kaiserreich und noch weiter zurück. Sie begannen als praktische Verbindungen für Studenten, die weit weg von zu Hause waren und auf der Suche nach billigem Wohnraum und Gemeinschaft Studentenverbindungen gründeten. Die Urburschenschaft gründete sich 1815 in Jena.

Junge Männer in den Urburschenschaften waren zunächst fasziniert von liberalen Gedanken. Glanzstunde der Burschenschafen wahr wohl ihr Auftreten auf dem Hambacher Fest oder Wartburgfest im 19. Jahrhundert. Auch in der Revolution von 1848/49 trugen sie eine wichtige Rolle. All diese historischen Ereignisse waren mit Forderungen nach einem einheitlichen Deutschland, einer Verfassung und bürgerlichen Freiheitsrechten verbunden.

Doch später wird den Burschenschaften die nationale Einheit wichtiger als liberale Errungenschaften. 1920 legen die Burschenschaften fest, dass keine Juden ihrer Sache beitreten dürfen und Burschen keine jüdischen Frauen heiraten dürfen. Die Nationalsozialisten gliedern die Burschenschaften in den nationalsozialistischen Studentenbund ein. Nazi-Größen wie Himmler oder Kaltenbrunner waren selbst Burschenschaftler. Nach dem zweiten Weltkrieg werden sie zunächst verboten, doch alte Mitglieder der Burschenschaften kaufen die Vereinshäuser auf und gründen neue Vereine. 1950 formieren sich neue Verbindungen in Form von zwei Strömungen, der konservativen und der völkischen Strömung.

Auf Grund von immer größer werdenden Unstimmigkeiten zwischen den beiden Strömungen gründet sich 1996 der Neue Burschenschaftsverband NDB als konservative Gegenströmung zu völkischen Verbindungen.

Studentenverbindungen – einheitlich aber nicht gleich

Es gibt viele verschiedenen Studentenverbindungen deutschlandweit. Diese sind nicht einheitlich und äußern sich in verschiedenen Formen, wie etwa Landsmannschaften, Crops, Burschenschaften und vielen weiteren. Sie basieren auf Gemeinschaft, Tradition und deutscher Geschichte. Es ist wichtig vorab zu betonen, dass die meisten Studentenverbindungen, durchaus konservativ, aber keineswegs rechtsextrem einzustufen sind. Die meisten Studentenverbindungen verstehen sich als unpolitische Organisationen.

Ein ehemaliges Mitglied erzählt

Zur Vorbereitung für diesen Text habe ich mit einem ehemaligen Mitglied einer Studentenverbindung gesprochen. Dieses möchte anonym bleiben. Die Person hat mir berichtet, dass die Verbindungsszene an sich eher konservativ geprägt ist, aber trotzdem Raum für Diskurs biete. Viele Mitglieder hätten diverse politische Einstellungen und alle können an einem Tisch sitzen und sich unterhalten. Es gäbe auch gemischte Verbindungen, in denen Frauen willkommen seien. Das ganze politische Spektrum sei vertreten, mit einem konservativen Hang. Es ist also wichtig, nicht zu pauschalisieren.

Organisation und Spaltung

Die meisten dieser Verbindungen sind wiederrum unter Dachverbänden organisiert. Eine Verbindung muss aber nicht unbedingt auch Teil eines Dachverbandes sein. In Deutschland gibt es, zwei große dieser Dachverbände für Burschenschaften, die Deutsche Burschenschaft (DB) und den Verband der Neuen Deutschen Burschenschaften (NDB).

Patriotische Feierlichkeiten

Der Dachverband der Deutschen Burschenschaften lädt jährlich zum Treffen auf der Wartburg, ins thüringische Eisenach ein. Dort gedenken die Burschenschaften den gefallenen Deutschen des Krieges mit einem Fackelzug und dem Lied der Deutschen, wobei traditionell die erste Strophe angeklungen wird. Bei dem Treffen sind häufig Bekanntheiten des rechtsextremen Randes anwesend, wie 2012 auch der NDP-Politiker Patrick Wieschke.

Auch ein Jahr zuvor, 2011 wurde ein solches Treffen abgehalten. Die Folge: der Ausschluss einiger Burschenschaften aus dem Dachverband der Deutschen Burschenschaften (DB).

Arier Nachweis & Rassenvorschriften

Grund dafür war der Diskurs über den vorgeschlagenen Arier Nachweis. Der ehemalige Dachverband (DB) positionierte sich für die Rassenvorschriften, welche die Mitglieder der Burschenschaften erbringen sollten. Ein Mitglied der Verbindung Hansia zu Mannheim habe „asiatische Gesichtszüge“, seine Eltern kämen aus China. Er selbst sei den Wehrdienst angetreten und sei ein genauso vollwertiges Mitglied, mit demselben Traditionsbewusstsein wie seinen Kumpanen, so äußert sich seine Studentenverbindung. Der DB forderte dennoch den Ausschluss des betroffenen Burschenschaftlers.

Aus diesem Konflikt heraus spalteten sich einige der Burschenschaften des Dachverbands DB ab. Bis heute bleibt der DB mit über 4.500 Mitgliedern aber der größte Dachverband deutscher Burschenschaften. Einige ausgetretenen Burschenschaften äußerten sich im Nachhinein, dass die verteidigten Positionen des DB nicht mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung des deutschen Staates vereinbar seien.

Schmaler Grad zwischen Traditionsbewusstsein und Extremismus?

Burschenschaften sind ein kleiner Teil von vielen Studentenverbindungen. So sind nicht alle Studentenverbindungen über einen Kamm zu scheren. Viele Studentenverbindungen sind rational konservativ, aber nicht rechtsextremistisch. Dennoch lassen sind die einzelnen, extremistischen Strömungen nicht zu übersehen. Manchen von ihnen kann völkisches Gedankengut unterstellt werden. Das ist keine Vermutung oder Annahme, diese bestimmten Burschenschaften treiben kein Versteckspiel, sie teilen offen ihre Denkweise und standen dafür auch schon öfter in der Kritik.

Die Burschenschaft „Germania Halle zu Mainz“

Eine von ihnen, Germania Halle zu Mainz. Du bist Student, männlich, deutsch? Dann bist du qualifiziert.  Auf ihrer Website wirbt die Burschenschaft Germania Halle zu Mainz damit, dass man sich bei ihnen „frei von politischer Korrektheit und linken Denkverboten“ entfalten könne.

Freiheit und Gehorsam, das hat noch nie zusammengepasst. Auf Instagram postet die Gruppe Bilder von ihren Fechtstunden. Der rechte Arm ist gehoben. Warum wird noch so getan, als ob solche Gruppen und Haltungen sich zurücknehmen müssen, wenn sie doch schon längst salonfähig geworden sind? Diese spezifische Verbindung wurde vom Verfassungsschutz als Beobachtungsobjekt eingestuft und beobachtet, die Burschenschaft selbst klagt gegen dieses Urteil. Es gibt wohl einige Studentenverbindungen in Mainz, die ein Kontaktverbot zu Germania Halle zu Mainz erklärt haben und somit klare Position gegen ihre Haltungen beziehen.

Schulterschluss mit dem rechten Rand

Die Burschenschaft Germania Halle zu Mainz steht schon länger in der Kritik. 2015 veranstaltete die Gruppe eine Kundgebung, zu dieser war Tatjana Festerling eingeladen. Sie gilt als ehemalige, führende Persönlichkeit der PEGIDA Demonstrationen. Doch das Archiv reicht noch weiter zurück, zu finden: nationalsozialistische Größen. 1981 war Hans Filbinger zu Gast bei einem „feierlichen Marsch“ organisiert von Germania Halle zu Mainz. Hans Filbinger gilt als ehemalige NS-Figur. Er habe als Richter noch kurz vor dem 8. Mai 1945 Todesurteile gefällt. Seine Stellungnahme zu den Vorwürfen beinhaltete den Satz: „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“. Doch zwischen Recht und Gesetzen und moralischer Richtigkeit und Gerechtigkeit liegt ein tiefer Graben.

Was von der Recherche bleibt

Wohin führen diese Verbindungen in einer Welt, in der extremistisches Gedankengut immer passabler wird? In einer Gesellschaft, in der die Spaltung der Politik nun auch im Privaten angekommen ist? Verstärkt das Konzept der Burschenschaften die Kluft zwischen jungen Frauen, die tendenziell immer liberaler zu verorten sind, und jungen Männern, die sich vergleichsweiße immer rechter auf dem politischen Spektrum einordnen lassen?

Bei meiner Recherche ist mir der Ton aufgefallen, in welchem über diese spezifischen Verbindungen berichtet wurde. Ich bin der Meinung, dass früher klarer Haltung bezogen wurde und sich gegen extremistisches Gedankengut ausgesprochen wurde. In der Berichterstattung der letzten fünf Jahre scheint der Ton weicher zu werden. Führt die Angst in der Berichterstattung, als subjektiv und unprofessionell wahrgenommen zu werden dazu, dass Autor:innen Angst haben Haltung, zu zeigen und Position zu beziehen?

Ich finde, die erste Aufgabe der Medien ist es, unsere Demokratie zu schützen und zu fördern. Dazu gehört natürlich, die Meinungsvielfalt der Gesellschaft abzubilden, in jeglicher Hinsicht. Aber es gehört eben auch dazu, sich für unsere demokratische Grundordnung, für unser Grundgesetz und für unsere Demokratie stark zu machen und keine Angst zu haben, das zu zeigen.

Die Burschenschaften mit extremistischen Haltungen zeichnen für mich ein Bild von Männern, die auf der Suche nach Gemeinschaft und Einheit zu tieferer Spaltung unserer Gesellschaft beitragen.

Richtigstellung (29.12.2025)

Im Kommentar "Im Gleichschritt nach rechts" vom 29.12.2025 haben wir folgendes berichtet „Deutsche Burschenschaften stehen schon seit Jahren in der Kritik, dennoch werden sie geduldet, werben an Grundschulen für ihre Sache und haben Verbindungen bis in die rechten Ränder der Politik.". 

Diese Behauptung ist, was wir hiermit richtigstellen wollen, unwahr. Es handelte sich bei den betroffenen Schulen nicht um Grundschulen, sondern ein Gymnasium und eine Berufsschule.

Wir entschuldigen uns vielmals für diesen Fehler. Wir möchten stets daran arbeiten die Qualität der Informationen, die wir publizieren, zu garantieren. 
 

Redaktion von Campus Mainz