Für diesen Artikel sprechen wir eine Triggerwarnung zum Thema sexualisierte Gewalt aus.
Ein Krieg beginnt nicht erst mit militärischer Gewalt, sondern mit dem gezielten Angriff auf Erinnerung. Mit der Unterdrückung von Sprache, der Verdrängung von Kultur und der Umschreibung von Geschichte. In “Putins Krieg gegen die Frauen“ zeigt Sofi Oksanen, wie die Zerstörung kollektiver Erinnerung zur Strategie wird und wie Gewalt gegen Frauen dabei zur Kriegsmethode wird.
Sie beschreibt, wie Soldaten zu Kriegsverbrechern gemacht werden, nicht zufällig, sondern durch ein System, das Brutalität belohnt und Menschlichkeit abstraft. Wie Mütter durch staatliche Propaganda ihre Söhne nicht nur in den Krieg schicken, sondern ihn innerlich mittragen und wie sexualisierte Gewalt zur Waffe wird, um die Ukraine als Nation auszulöschen.
Oksanens Essay legt offen, was viele nicht sehen wollen: Dieser Krieg wird nicht nur auf den Schlachtfeldern geführt, sondern er trifft ebenfalls Identitäten, Werte und das Fundament einer Gesellschaft.
Sofi Oksanen wurde 1977 als Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters geboren. Bekannt wurde sie unter anderem durch ihren erfolgreichen Roman “Fegefeuer“, der monatelang Nummer eins der finnischen Bestsellerliste war und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Dieser Durchbruch machte Oksanen auch in Deutschland zu einer wichtigen Vertreterin der internationalen Literatur.
Seitdem Oksanen schreibt, warnt die Autorin vor Wladimir Putin und seiner Herrschaft. Doch ihre Affinität zu diesem Thema kommt nicht von ungefähr. Oksanens Familiengeschichte spielt in ihren Veröffentlichungen eine wesentliche Rolle. In ihrem Essay “Putins Krieg gegen die Frauen“ schreibt sie:
“Meine Großtante wurde nicht als Stumme geboren. Zu Beginn der zweiten Besatzung Estlands durch die Sowjetunion wurde sie von zu Hause abgeholt zu Verhören, die die ganze Nacht andauerten, und danach hat sie aufgehört zu sprechen.“
In ihre Werke lässt die finnische Autorin immer auch Teile ihrer eigenen Biografie einfließen
Oksanen erzählt in ihrem Essay über ein Familienfoto, das erst Anfang der 1990er Jahre, nachdem Estland wieder selbstständig geworden war, zu ihrer Familie nach Finnland gelangt sei. Vorher, zu sowjetischer Zeit, habe das Foto als Schmuggelware gegolten und hätte bei der Grenzkontrolle zu vielen Fragen geführt. Die Konsequenz: Das Foto wäre weggenommen worden.
Im Krieg Russlands gegen die Ukraine komme es zu ähnlichen Ereignissen. Oksanen schildert den Fall von Illja, einem 23-jährigen Ukrainer, der versuchte, aus Kramatorsk zu fliehen, als Russland begann, den Bahnhof voller Zivilisten zu bombardieren. Ein Kontrollposten habe ihn und seine Familie gefunden:
„Die Soldaten fanden in Illjas Handy ein Foto, auf dem er den Unabhängigkeitstag der Ukraine feiert und die Flagge der Ukraine hält. Illja wurde Opfer sexueller Gewalt von acht Soldaten der russischen Armee. Die Soldaten fotografierten ihre Tat. Illja wurde von dieser wochenlangen Folter erst durch die ukrainische Armee befreit. Sein einziges Verbrechen war, dass er in seinem Telefon eine Erinnerung an sich selbst aufbewahrte.“
Oksanen erklärt, die Vernichtung von Fotos, und damit von Erinnerungen an die ukrainische Gesellschaft, gelinge nicht so wie zu sowjetischen Zeiten, dennoch könne der Besitz von Fotos der “falschen“ Art ein Risiko oder eine Bedrohung darstellen.
Aber nicht nur die Vernichtung des Gedächtnisses eines Volkes werde im Krieg eingesetzt:
“Im Frühjahr 2022 rief der 27-jährige russische Soldat Roman Bykowski an der Front seine Frau Olga Bykowskaja an. Aus dem mitgeschnittenen Telefongespräch geht hervor, dass die Frau ihrem Mann erlaubte ukrainische Frauen zu vergewaltigen, wenn er nur ein Kondom benutzte.“
Oksanen beschreibt sexualisierte Gewalt als System. Sie diene der Entmenschlichung, der Zerstörung von Gemeinschaft und der Demütigung ganzer Völker. Der Fall des Soldaten Bykowski sei kein Einzelfall. In ihrem Essay erinnert die Autorin immer wieder daran, welche Kriegsmethoden russische Soldaten in der Ukraine einsetzten.
Die finnische Autorin erklärt, ohne die Unterstützung durch die Heimatfront, durch die jeweiligen Ehefrauen, Freundinnen oder Mütter zu Hause, seien solche Kriegsverbrechen nicht möglich. Die Soldaten müssten sich sicher sein, dass sie zu Hause wieder willkommen sind.
Wer verstehen will, wie Kriege nicht nur Körper, sondern auch Seelen zerstören, wie politisch Erinnerung sein kann und wie systematische Gewalt gegen Frauen die Fundamente ganzer Gesellschaften untergräbt, findet in diesem Buch eine klare Analyse. Dabei berichtet Oksanen schonungslos und mit eindringlichen Details, die das Ausmaß der Gewalt und ihre Folgen unmissverständlich deutlich machen.
Tipp: “Putins Krieg gegen die Frauen“ ist in der Zentralbibliothek der Universität Mainz verfügbar.