Suizide waren laut statistischem Bundesamt 2024 die häufigste Todesursache bei unter 25-Jährigen. Unterstützung in Krisen bieten die ehrenamtlichen Peer-Berater:innen von U25, einem kostenlosen Online-Beratungsangebot für Jugendliche. Seit September 2025 gibt es auch in Mainz einen Standort, der von Marius Rathke geleitet wird. Julina (24) studiert an der JGU Psychologie und war Teil der ersten Ausbildungsreihe in Mainz. Wir haben mit ihr und Rathke darüber gesprochen, warum man sich für das Ehrenamt entscheidet, was es dafür braucht und wie es mit dem Studium vereinbar ist. Im Oktober startet ein neuer Ausbildungsjahrgang. Aktuell kann man sich dafür bewerben.
U25 sei ein „Zusatzangebot, weil wir wissen, dass das Hilfesystem gerade seine Schwächen hat. Wir möchten einen niederschwelligen Zugang bieten“, berichtet Rathke. Die Kontaktaufnahme funktioniert anonym über eine verschlüsselte Plattform der Caritas. Die Beratung erfolgt durch Peer Berater:innen. Dies sind junge Ehrenamtliche zwischen 16 und 28 Jahren.
Deutschlandweit gibt es 14 Standorte. Dort werden die Peer Berater:innen ausgebildet und betreut.
Die meisten Beratungsanfragen kämen von Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren. Viele Ratsuchende berichten von Suizidgedanken. Häufige Belastungen seien auch Einsamkeit, psychische Störungen, Leistungsdruck, Selbstverletzung und Traumaerfahrungen. „Wir sind da, um Wege aufzuzeigen und zu begleiten“, erklärt Rathke.
Der Bedarf sei groß: Seit einigen Jahren würden die Anfragen immer weiter steigen. Aktuell würden sie auch die Kapazitäten übersteigen. Im letzten Jahr seien 2300 Jugendliche von Peer-Beraterinnen beraten worden. Die Beratungen würden in der Regel zwischen drei Wochen und drei Jahren dauern.
Seit April 2026 engagiert sich Julina ehrenamtlich mit fünf anderen am Mainzer Standort als Peer-Beraterin. Sie sei auf der Suche nach einem Ehrenamt gewesen. Durch Zufall sei sie auf U25 aufmerksam geworden und habe „sofort gewusst, dass das genau das ist, was ich machen möchte.“ Selbst habe sie auch mit psychischen Erkrankungen gekämpft und in ihrem nahen Umfeld schon viele (suizidale) Krisen miterlebt. Ihre Motivation: „Ich möchte ein offenes Ohr für junge Menschen haben, die niemanden zum Reden haben oder sich woanders nicht verstanden fühlen.“ Dabei gehe es oft „auch einfach darum, in seinem Leid gesehen zu werden und nicht allein zu sein. Das hätte ich mir früher selbst in vielen Momenten gewünscht.
Rathke berichtet den Ablauf einer Beratung: Nach Anmeldung auf der Website erhalten die Jugendlichen zunächst eine automatische Nachricht mit Informationen zu Hilfsmöglichkeiten. Danach bekommen sie eine Nachricht von ihm. Bei sehr konkreten Suizidandrohungen übernehme er die Fälle. Sonst suche er eine ehrenamtliche Berater:in. Im weiteren Verlauf würden diese innerhalb von einer Woche bearbeitet. Ein ähnliches Kontaktverhältnis wie bei Präsenzberatungsstellen auch.
„Jede neue Nachricht löst in mir ein ‘wow, danke, dass du mir so vertraust und mir schreibst, wenn es dir schlecht geht’ aus, berichtet Julina. Überrascht habe sie, dass sich viele nach der ersten Nachrichten nicht mehr melden und man dadurch auch nicht erfährt, wie es ihnen ergangen ist.
Das Ehrenamt sei sehr gut mit dem Studium vereinbar. „Da alles von zuhause passiert, kann man sich das flexibel einteilen.” Die Anzahl der Beratungen, die man übernimmt könne man selber bestimmen. „Je nach Länge, Komplexität und Übung ist der Zeitaufwand dann zwischen ein paar Minuten und einer Stunde in der Woche. Dazu kommen 1,5 Stunden Teamsupervision alle zwei Wochen. Aktuell engagieren sich in Mainz ausschließlich Studierende unter anderem aus Informatik, sozialer Arbeit und der Psychologie. Langfristig soll das Team auf 25 Ehrenamtliche anwachsen.
Wie kommt Julina mit der Belastung zurecht? Einerseits fühle sie zwar mit den Ratsuchenden mit. Gleichzeitig wahre sie eine professionelle Distanz. Dafür sei auch die Anonymität hilfreich. Ihre Rolle beschreibt sie so: Sie höre zu und unterstütze “Ichbin keine Retterin oder Problemlöserin.“
Auch mit schwierigen Themen werden die Ehrenamtlichen nicht alleingelassen. Sie stehen in engem Kontakt zu den Hauptamtlichen und haben regelmäßig Teamsupervision.
Bevor man seine erste Beratung übernehmen kann, absolviert man eine Ausbildung, die einen auf die Beratungen vorbereitet. Dabei werden typische Beratungssituationen besprochen und verschiedene Themen behandelt. Man setze sich auch mit eigenen Themen und Einstellungen auseinander. Sie habe sich immer auf die Termine gefreut, denn “es geht auch viel um Teamwork und Gemeinschaft.“ Die Ausbildung habe sie so gut vorbereitet, dass sie „kaum Angst vor der ersten Beratung hatte. Ein bisschen Respekt vor der Aufgabe und der Verantwortung gehört aber natürlich dazu.“
Im Oktober startet eine neue Ausbildung, die 10 Termine umfasst.
„Wer Lust hat beraten zu lernen, für Menschen in Krisen da zu sein und vor allem empathisch ist, der ist bei U25 richtig“, sagt Julina. Wichtig seien auch „Offenheit, Neugier und ein bisschen Mut.“ Psychologische Vorkenntnisse seien dafür nicht nötig, so Rathke. Wichtig sei vor allem auch, dass Interessierte aktuell psychisch stabil sind.
Wichtig sei es, miteinander in Kontakt zu kommen und das Gegenüber ernst zu nehmen. „Das Thema sollte in der Bevölkerung nicht mehr tabuisiert werden“, so Rathke. Wenn man selbst betroffen ist, sei es wichtig, sich jemandem anzuvertrauen. „Man muss nicht gleich eine Lösung finden, sondern erstmal ins Gespräch kommen“, verdeutlicht Rathke. Wichtig sei es auch, sich rechtzeitig professionelle Hilfe zu suchen.