"Reifs unreife Reifeleistung"

19.09.2017
Gastbeitrag von Henrik Rampe, Jimmy Both und Jonas Fritz

Ein Nebensatz lässt das Institut für Publizistik (IfP) aufschrecken. Er wisse nicht, was mit seiner angefangenen Doktorarbeit passiert sei, hoffe aber, jemand habe sie noch vollendet, erklärte Marcel Reif beiläufig im Interview.

Der Titel der Arbeit: "Das Deutschlandbild in den deutschen Massenmedien nach 1949." Doktormutter: Institutsgründerin Elisabeth Noelle-Neumann, alle weiteren Details: nebulös.

In einer Investigativ-Recherche setzt die Publizissimus-Redaktion IfP-Insider auf Reifs unvollendete Doktorarbeit an. Schnell bildet sich ein Recherche-Netzwerk aus Yvonne Dunkel (hat mehr Doktorarbeitstitel im Kopf abgespeichert als jede Amiga-Diskette) und Erich Lamp (kennt Frau Noelle-Neumann noch aus Schreibmaschinen-Tagen).

Die Erkenntnisse des unermüdlichen Aktenwälzens: Marcel Reif besuchte Ende der 60er-Jahre das Praxis-Werkstatt-Seminar von Frau Noelle-Neumann, wertete in schier endlos langen Sitzungen Ergebnisse von Bevölkerungsbefragungen aus, um anschließend inhaltsanalytisch zu ergründen, ob sich der Verfall des Nationalstolzes in der Medienberichterstattung wiederfindet.

Während seine Doktormutter 1977 unter dem Titel "Die stille Revolution. Wandlungen im Bewußtsein der deutschen Bevölkerung" Inhalte aus dem gemeinsamen Seminar publizierte, erblickten Reifs Ausführungen nie das Licht der Wissenschaftswelt. In keinem Institutsregister ist seine Arbeit zu finden, kein Professor hat die Fragmente seiner Doktorarbeit gelesen oder kommentiert. Stattdessen kommentierte Reif von nun an selbst. Mehr als 1.000 Fußballspiele sollten auf die ewig unvollendete Doktorarbeit folgen.