Zum Ende des Inter1 | Konisch – praktisch – legendär

27.03.2015
Campus-News, Wohnen
Dr. Matthias Dietz-Lenssen

Blick über den Reaktorteich zum Inter1 - in den 1960ern noch ohne Inter2.

Die Außenfassade des Inter1 im Jahr 1966.

Das zu Füßen des Inter1 gelegene InterII bestehend aus mehreren fünf- bis siebengeschossigen Häusern entstand Mitte der 1970er Jahre.

Die Tage des Internationalen Studentenwohnheims I sind gezählt. Fast 50 Jahre lang lebten hier am Rande von Campus und Stadt insgesamt weit über 5.000 Studierende in exponierter Lage. Einer von ihnen war der Mainzer Historiker Matthias Dietz-Lenssen. Er lässt einige Aspekte und persönliche Erlebnisse aus der Geschichte des Hauses noch einmal Revue passieren.

Jedes Mainzer Haus hat seine Geschichte. Es trägt mit Form und Funktion zum Gesamtbild unserer Stadt bei. Darunter sind „schöne“ Häuser, die bei keiner Besichtigung fehlen dürfen und in jedem Reiseführer aufgelistet und beschrieben sind, unscheinbare Gebäude, die man beim Besuch der erstgenannten passiert, ohne sie bewusst wahrzunehmen, und markante Gebilde – über deren „Innenleben“ man oft sehr wenig weiß.

Zu letzteren zählt das hier beschriebene Studentenwohnheim. Gesehen hat es fast jeder schon einmal, das alte „Inter I“ an der Saarstraße. Es bildete mit dem ihm quasi gegenüber liegenden „Bundeswehrhochhaus“ im Münchfeld jahrzehntelang den westlichen „Eingang“ von Mainz. „Schön“ fanden es nur die wenigsten Betrachter – aber den Mainzerinnen und Mainzern wird ja eh ein etwas gespaltenes Verhältnis zur Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgesagt (siehe: Rathaus, Allianzhaus etc.).

Jetzt ist die Zeit für einen Abschied, einen Rückblick gekommen: Zwar schwebt keine Abbruchbirne (bzw. Abriss-Zange) – wie bei den Schwesternwohnheimen in der Oberstadt – über dem Hochhaus: Entkernung ist angesagt. Aus dem ehemaligen Zweitwohnsitz zahlreicher Studierender (nach einer Schätzung des Autors dürften es über 5.000 gewesen sein) soll das neue Medienzentrum von Universität und Fachhochschule werden. Oder, wie es eine Mainzer Tageszeitung ausdrückte: „Das angejahrte Campus-Wahrzeichen wird zum universitären Film- und Fernsehturm aufgepeppt.“

Eigentlich wurde bereits 2012 mit dem Beginn der Bauarbeiten gerechnet – doch erst jetzt vergibt das Studierendenwerk keine Mietverträge mehr. Die letzten Verträge laufen zum 31.3.2015 aus. Begehrt waren die Plätze im inzwischen preisgünstigsten Mainzer Wohnheim bis zuletzt – auch wenn das „Inter I“ schon lange nicht mehr renoviert wurde.

Nun scheint das Projekt Medienhaus nach Aussage von Ministerien und der Liegenschafts- und Baubetreuung des Landes Rheinland-Pfalz aus der jahrelangen Warteschleife geholt zu werden. Ab September 2015 sollen die Bauarbeiten beginnen. –

Wer darf wo? – Aus den frühen Jahre

Als ich 1973 nach Mainz kam, war das „Inter“ schon bald meine Wunschwohnstätte. Ein Hochhaus am Rande des Campus. Das bedeutete: Kürzeste Wege zu den Hörsälen und Instituten, was wiederum gleichbedeutend mit längerem Schlafen am Morgen war. Zwei Semester Frühaufstehen in einem Rüsselsheimer Vorort hatten mich geprägt. Außerdem boten die höher gelegenen Zimmer eine einmalige Aussicht: Skyline-Feeling für den jungen Studenten aus einer rheinland-pfälzischen Kleinstadt. Im folgenden Jahr zog ich ein: 10. Stock, Zimmer 1009, Blick über die Stadt. Es wurden acht unvergessene Semester.

„Wie kann man nur!“, war allerdings der entsetzte Aufschrei vieler Kommilitonen – hatte das Wohnheim in gewissen Kreisen doch einen ganz besonderen Ruf: Im „Inter-Puff“ lebten Männlein und Weiblein schließlich auf gemischten Fluren (in den siebziger Jahren noch keine Selbstverständlichkeit). Das war zwar ursprünglich nicht so geplant – aber das Denken der Achtundsechziger war bis nach Mainz vorgedrungen und die Verwaltung gab entsprechenden Forderungen der Wohnheimvertretung schließlich nach. Nur die Urinale auf den ehemaligen „Männerfluren“ mussten deaktiviert, sprich abgeklebt, werden. Einer endgültigen Demontage stimmte die Verwaltung nicht zu: Was wäre, wenn der Wunsch zur Geschlechtertrennung wieder aufkommen würde? Weitere Probleme technischer Art gab es nicht. Zweibettzimmer wurden natürlich weiterhin „gleichgeschlechtlich“ belegt.

Erst als Doppelzimmer keinen Absatz mehr fanden, ermöglichte der wirtschaftliche Druck zunächst deren Umwidmung in Einzelzimmer – und schließlich sogar die Abgabe an verheiratete „Pärchen“.

Andere Bekannte wiesen entsetzt auf den Umstand hin, dass die längste Feuerwehrleiter der Stadt nur „gerade so“ bis zur 9. Etage reichen würde und Rettungshubschrauber wegen der extremen Thermik auf dem Dach nicht landen könnten. Ein kalkulierbares Risiko: Ich überlebte ein Erdbeben und zahlreiche Fehlalarme unbeschadet.

Die Tücken der Thermik …

Das Inter I wurde zweckmäßig und kostengünstig geplant. Ursprünglich war für das Wohnheim wohl der weitaus ruhigere Standort des gleichzeitig errichteten Heizwerkes („hinten, in den Feldern“) vorgesehen. Es wurde dann aber, angeblich auf Wunsch der damaligen Landesregierung, an die stark befahrene Saarstraße verlegt – aus Repräsentationsgründen.

Der dort vorherrschenden Thermik war die Jalousien-Automatik allerdings nicht gewachsen. Wechselnde Winde brachten des Nachts den Sonnenschutz immer wieder rasselnd in Bewegung und die Schlafenden in Rage.

Die schlauchartigen Flure waren dunkel, auf zarte Gemüter hatten sie sogar eine „unheimliche“ Wirkung – besonders bei defekter Beleuchtung. Immerhin hatte man auf den „Frauenfluren“ jeweils zwei Zimmer eingespart, so dass dort erhellende Lichthöfe waren.

… und der Duschen

Eine absolute planerische Fehlleistung waren eigentlich nur die Duschen: Absperrbar war lediglich der zentrale Zugang zum Duschraum. Nutzte jemand (trotz vorhandener Duschvorhänge) diese zusätzliche Verriegelung, blieben die anderen Duschen trocken – und die murrende Warteschlange wuchs. Konsequenz: Schlösser verschwanden, wurden ersetzt, verschwanden wieder… Zukünftige Archäologen werden bei Ausgrabungen auf dem Campusgelände wohl eines Tages auf eine umfangreiche Sammlung (dann: antiker) Verschlussvorrichtungen stoßen und sich ihre Gedanken machen.

Schattenseiten

Wohnheimleben hat auch seine dramatischen Seiten: Es gab „Geister“ die man fast nie sah – weil sie den ganzen Tag in Laboren und Bibliotheken saßen. Und es gab Einzelgänger, die keinen Kontakt suchen wollten oder konnten. Über Selbstmorde und Selbstmordversuche wurde nie gerne gesprochen – aber sie fanden statt. Viel zu viele!

Es gab gelegentlich Probleme mit kleinen militanten Gruppen, die ihre Landsleute immer einmal wieder aufsuchten. „Geheimdienst“ wurde dann geflüstert. Ausgewiesen hat sich nie jemand.

Traurige Berühmtheit erlangte das Wohnheim durch einen Überfall von ca. 200 bewaffneten Iranern im April 1982. Die Khomeini-Anhänger gingen dabei brutal gegen ihre dort lebenden regierungskritischen Landsleute vor. 28 Studierende wurden damals verletzt – eine deutsche Studentin starb am nächsten Tag, offenbar an den Folgen des Überfalls.

Zusammenleben

Geselligkeit und interkulturelle Kommunikation in Studentenwohnheimen werden von Außenstehenden oft unter „Feiern“ subsummiert. Natürlich gab es die regelmäßigen „Flurfeste“ und „Interfeste“, das abendliche Treffen in der legendären Bar, die intensiven Brauereibesichtigungen, Filmnächte, Pyjama-Partys, Geburtstage und Examensfeiern, Einstände und Ausstände. Und „Public Viewing“ praktizierten wir natürlich auch bei den glücklichen Besitzern eines TVs – wir nannten es nur noch nicht so.

Gab es Examensengpässe, half natürlich ebenfalls der ganze Flur – bei französischen Minnesängern, koreanischem Lehnsrecht oder auch, wenn eine angehende Zahnärztin einen Freiwilligen für den Behandlungsstuhl suchte. Ein Großeinsatz wurde erforderlich, als eine Jungforscherin die Blätter ihrer frisch kopierten Examensarbeit auf der Dachterrasse sortierte („Da kann ich endlich mal wieder in der Sonne sitzen“) und ein plötzlicher Windstoß den gesamten Opus auf die Gärten des benachbarten Münchfelds verteilte.

Interkulturell

Trotz der vielen unterschiedlichen Kulturen, die im „Inter“ auf engstem Raum miteinander agierten, blieb bei den meisten ein „Kulturschock“ aus: Man gewöhnte sich an die Sprache der Pfälzer, die exotischen Doppelkopfregeln der Süddeutschen und die kulinarischen Besonderheiten anderer Nationen.

Es gibt leider keine Statistiken oder Magister-Arbeiten darüber, was aus den Bewohnern geworden ist. Einige traf man später wieder; als Ministerin, Professor, Lehrerin, Facharzt, Redakteur, Pressesprecherin oder neuerdings auch als Mitglied des Europäischen Parlaments….  und selbst im fernen Médoc konnte plötzlich aus den Atlantikwellen ein bekannter Kopf auftauchen: „Kennen wir uns nicht aus dem „Inter“?“

Ein abschließendes „Abschieds“-Inter-Fest, so eine Sprecherin des Studierendenwerkes, war nicht geplant. Aber die Studierenden entlassen ihr Wohnheim nicht ohne eine große Sause in den vorläufigen Ruhestand. Das dreitägige Protestival erinnert an alte Zeiten und weist auf aktuelle Probleme mit teuren Mietpreisen für Studierende hin. Einen letzten erinnerungsschwangeren Blick von der Dachterrasse wird man dann noch einmal über Mainz schweifen lassen können. „Weißt Du noch, wie der X seinen alten Fernseher aus dem Fenster geworfen hat, als Hoeneß den Elfmeter verschoss?“ – „Erinnerst du dich an den Postboten der montags immer so spät kam, weil er noch den Kicker schnell durchgeblättert hat, den einer von uns abonniert hatte?“ – „Und der Tag, als jemand feststellte, dass die Telefonzelle im Keller kaputt war und man kostenlos ins Ausland telefonieren konnte?“ (Rund 48 Stunden ging das gut – dann hat es die Post erst gemerkt.)

„Echte Meenzer“ im Inter

Bei den meisten Problemen halfen die „Hombachs“. Sie waren viel mehr als nur ein Hausmeisterehepaar. Schorsch und Käthi waren Ersatzeltern für eine ganze Studierendengeneration und für viele Gaststudenten, die nur für ein Semester nach Mainz kamen, DIE Botschafter unserer Stadt per se.

Auf ihre ganz besondere Art war das auch unsere Putzfrau, die morgens in die Dusche kam (als es keine Schlösser und Vorhänge mehr gab): „Mache se ruhig weiter – mein Bub sieht genauso aus. – Der hat nur nit so lang Haar wie Sie.“

Dieser Artikel von Dr. Matthias Dietz-Lenssen erschien in leicht veränderter Form schon in den MAINZ Vierteljahresheften in der Ausgabe 2013/3. Für das Bildmaterial danken wir dem Mainzer Stadtarchiv, dass uns die Bilder zugänglich gemacht hat.

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