"Wir müssen schließen.*"

13.10.2019
Studium, Campus-News
jsc, chh

"Wir müssen schließen." – Immer häufiger zieren die roten Plakate die Türen des Personals der JGU. Hinter jeder Tür verbergen sich Mitarbeiter:innen, deren Anstellung in Zukunft nicht gesichert ist.

"Wir müssen schließen." – Mit diesen roten Plakaten wollen befristet Angestellte des LOB-Projekts darauf aufmerksam machen, dass ihre Angebote wie die Schreibwerkstatt und die Psychotherapeutische Beratungsstelle zukünftig gefährdet sind.

Als Teil des 2020 auslaufenden Qualitätspakts Lehre sorgte das LOB-Projekt an der JGU für viele Beratungsangebote. Deren Zukunft und die des dafür befristet angestellten Personals ist jedoch unklar.

"LOB – Lehren, Organisieren, Beraten" – unter diesem Namen wurden an der Johannes Gutenberg-Universität mehr als 230 fachbezogene und fächerübergreifende Angebote ausgebaut oder etabliert, wie z.B. zum wissenschaftlichen Arbeiten, der Career Service oder die Psychotherapeutische Beratungsstelle. Damit sollen Studierende in ihrer Universitätslaufbahn unterstützt werden.

Eine zentrale Rolle spielen dabei auch die Dozierenden, denen im Rahmen von Weiterbildungen und Workshops didaktische Werkzeuge an die Hand gegeben werden, um die Studierenden individuell und spezialisiert beraten zu können. So soll als übergeordnetes Ziel die Qualität des Studiums an der JGU gesteigert werden. Genutzt wurden die Angebote bisher von 200.000 Studierenden und 20.000 Mitarbeitenden. 

Neue Vereinbarungen, neue Probleme?

Die Finanzierung des LOB-Projekts ergab sich aus den Bundesmitteln des Qualitätspaktes Lehre. Dieses von Bund und Ländern finanzierte Förderprogramm läuft gemeinsam mit dem Hochschulpakt am 31. Dezember 2020 aus. Am 6. Juni 2019 wurden der "Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken" und die Bund-Länder-Vereinbarung "Innovation in der Hochschullehre" als Nachfolgeabkommen beschlossen.

Zwar erklären auch sie, die Qualität von Studium und Lehre verbessern zu wollen, das Jahresbudget der Innovationsvereinbarung wurde aber von 200 Millionen Euro auf 150 Millionen Euro gekürzt. Der Bund übernimmt dabei ab 2021 zunächst das gesamte Budget, ab 2024 beteiligen sich auch die Länder mit 40 Millionen Euro jährlich.

Wie diese Mittel der Bundesländer an die Hochschulen verteilt werden, ist nach wie vor Gegenstand von Verhandlungen zwischen den zuständigen Ministerien und Hochschulen. Bereits während vorheriger Aushandlungsprozesses der Nachfolgevereinbarungen im Mai wurde unter anderem diese neue Autonomie der Länder, die Befristung von neuen Projekten und der wettbewerbliche Charakter der Bewerbung um finanzielle Mittel von Studierendenvertreter:innen kritisiert.

"Wir müssen schließen.*"

Dass die Kritik auch von Seiten derer, die die Angebote zur Verfügung stellen, besteht, zeigte sich auf der LOB-Tagung am 1. Oktober in der Alten Mensa der JGU. Dort werteten unter anderem Universitätspräsident Prof. Dr. Krausch, der Abteilungsleiter im Hochschulbereich des rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministeriums Christian Hingst und die LOB-Mitarbeiterin Dr. Freia Anders die Maßnahmen des LOB-Projekts aus. Die etwa 200 Tagungsgäste nutzten die Gelegenheit im Rahmen einer Expertenrunde, um ihre Erfahrungen und Bedenken öffentlich zu teilen.

Dabei wurde die Sorge der im Rahmen der Förderprogramme befristet angestellten Mitarbeiter:innen deutlich, mit dem Auslaufen der Übereinkünfte ihre Anstellung zu verlieren. Betroffen wären neben Dr. Freia Anders mehr als 300 Mitarbeiter:innen, die in ihren vielfältigen Arbeitsbereichen in Verwaltung und Lehre der JGU die Studierenden beraten und ihnen Orientierung und Unterstützung bieten.

Mit der Aktion "Wir müssen schließen.*" wollen sie auf ihre Lage aufmerksam machen und nutzten dafür auch den Rahmen der Tagung. Das Sternchen weist auf die unklare Zukunft dieser Stellen hin. Sowohl auf der Plakatwand vor dem Saal als auch auf den Flyern auf jedem Sitz kritisieren sie, dass bis zum heutigen Tag in Rheinland-Pfalz versäumt worden sei, eine konkrete Zukunftsperspektive für die im Rahmen dieser Förderprogramme aufgebauten Strukturen und die beschäftigten Mitarbeiter:innen zu entwickeln. Das drohende Ende dieser Beschäftigungsverhältnisse würde nicht nur die verbliebenen Kolleginnen und Kollegen mit zum Teil erheblicher Mehrarbeit belasten, sondern einen massiven Qualitätsverfall in der Betreuung der Studierenden nach sich ziehen.

Unklare Antworten auf unbestimmte Zeit

"Von der Veranstaltung haben wir mitgenommen, dass sich der Unmut, die Unzufriedenheit und die Befürchtungen bestätigt haben", bilanziert Monika Stegmann, Koordinatorin des Programms "Weiblicher Wissenschaftsnachwuchs", die die Aktion vor Ort unterstützt hat.

Neben den bereits lange andauernden Verhandlungen mit dem Land Rheinland-Pfalz über die für die Hochschulen verfügbaren Mittel kritisiert sie ebenfalls die ungenügende Bereitschaft der Verhandlungsbeteiligten, gegenüber den Betroffenen Rechenschaft abzulegen: "Es hat gedauert, bis der Zeitrahmen überhaupt grob eingegrenzt wurde", sagte Stegmann bei der Tagung. Sie zweifelt an dem von Hingst gegen Ende der Diskussion formulierten Ziel, bis Ende des Jahres eindeutige Auskünfte geben zu können: "Für uns heißt das: Es wird mindestens Sommer oder Herbst, dann laufen wir zur Bundesagentur für Arbeit."

Solidarität in Zeiten einer unsicheren Zukunft

Angesichts dieser prekären Situation besteht das Ziel der Initiative "Wir müssen schließen.*" darin, zu verdeutlichen, "wie vielfältig und allgegenwärtig diese Arbeit als Beitrag zum Erfolg der Universität ist und wie tiefgreifend und substantiell der Verlust wäre, wenn diese Beiträge in Zukunft nicht mehr geleistet würden."

Die Solidarität für die Aktion wächst innerhalb der JGU: Immer mehr rote Plakate zieren die Türen auf den Fluren des Personals, mit denen nicht nur die befristet Angestellten auf das Problem aufmerksam machen wollen. Werden ihre Verträge nicht verlängert, so leiden auch ihre Kolleg:innen unter der nun auf sie übertragenen Mehrarbeit und alle Studierenden, die deren Angebote künftig nicht länger nutzen können.

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