WG-Casting: Wohnen in Wiesbaden

10.11.2016
Wohnen, Wohnblog
Nadine

Bei vielen WG-Interessenten ist es manchmal schwer, den Überblick nicht zu verlieren.

Die Wahl, aus unzähligen Interessierten den richtigen zu finden, ist oft eher eine Qual. Deshalb geht Nadine bei ihrem WG-Casting besonders effizient vor: Sie veranstaltet ein Speed Dating, um ihren neuen Mitbewohner zu finden.

Hallo, wir sind zwei Mädels die einen WG-Mitbewohner suchen

Clara (alle Namen von der Redaktion geändert) und ich waren voller Skepsis, als wir die Anzeige auf WG-gesucht stellten. Wir brauchten einen dritten Mitbewohner – und zwar schnell. Die Arbeit am Text war schwierig. Mit welchen Worten kommen wir möglichst authentisch rüber? Was sollen wir von uns erzählen? Interessiert der Text überhaupt jemanden, oder bewerben sich angesichts der Wohnlage einfach alle darauf, egal, ob wir sympathisch rüberkommen oder nicht? Fragen über Fragen. Jedenfalls mussten wir schnell einen Zeitpunkt für's Casting wählen.

Es ist noch kein WG-Casting-Spezialist vom Himmel gefallen

Wir beschlossen, das Casting wie ein Speed Dating ablaufen zu lassen. Das erste Casting im Extrablatt, das zweite im Alex. Auf dem Weg dorthin machten wir uns dann allerdings doch Gedanken. Wie sollen uns die potentiellen Mitbewohner überhaupt erkennen? Was würden die Kellner denken, wenn im Halbstundentakt ein Mann geht und der nächste kommt? Was würden wir fragen? 

Ich habe das Gefühl, noch weniger vorbereitet hätten wir nicht in das WG-Casting gehen können. Nur mit unserer Erfahrung aus vergangenen Castings, in denen wir die Interessierten waren, hofften wir trotzdem auf das Beste – doch dies, beziehungsweise dieser, ließ lange auf sich warten. 

Beim WG-Casting durchlebt man alle Gefühlsstadien

Angestrengt beobachtete ich den Eingang des Restaurants. Clara und ich hatten einen gemütlichen Platz in türnähe ergattern können. Ein letzter Blick auf das WhatsApp-Profil-Foto – und da war er auch schon. Ich mache Clara mit einem Blick auf den Typen aufmerksam, der gerade etwas orientierungslos im Eingangsbereich steht. Sie nickt und wir winken ihm zu. Sein Gesicht hellt sich auf, als er uns erkennt. 

„Hi! Ich bin Tobias!“, begrüßt er uns und gibt jedem von uns die Hand bevor er sich setzt. Ich atme tief durch und versuche, mich zu entspannen. 

„Und was machst du so?“

„Ich studiere BWL, und ihr?“

„Media Management“

„Wie alt bist du?“

Nach ein paar stockenden Anfangsfragen kommen wir langsam ins Gespräch. Ich finde ihn nett, doch irgendwie habe ich ein komisches Gefühl bei ihm. Konnte ich mir vorstellen, mit diesem Mann zusammen zu wohnen?

Beim WG-Casting entscheidet der erste Eindruck

Dummerweise hatte sich Tobias beim Kommen eine Cola bestellt. Ich starrte mit etwas Panik erst auf meine Uhr, dann auf sein noch halb volles Glas. Und bezahlen musste er auch noch! 

„Ähm“, räuspere ich mich „Tobias es ist so, wir casten heute noch ein paar andere Interessenten…“

Er schaut mich erst verwirrt an, dann kapiert er zum Glück. 

„Ah! Achso, nein das ist kein Problem. Mein Bruder wartet weiter hinten auf mich, ich setze mich dann einfach zu ihm mit meinem Getränk“.

Jetzt waren wir es, die etwas verwirrt schauten. Naja egal, dachte ich mir. Ist ja noch mal gut gegangen. Nach kurzem Schweigen stand Tobias auf. 

„Ähm ja, dann danke, dass du hergekommen bist und wir melden uns dann bei dir.“,

sage ich und fühle mich dabei irgendwie komisch. 

„Ja, danke auch, viel Spaß dann noch!“, grinst er und geht in den hinteren Teil des Restaurants. 

„Wir sollten vielleicht am Anfang sagen, wie das hier abläuft und hoffen, dass sie dann nichts bestellen“, raunt mir Clara zu. Ich nicke nur und schlage mein Notizbuch auf. Ich habe ja sowieso schon ein schlechtes Namens- und Gesichtsgedächtnis. Bei zehn Bewerbern in zwei Tagen sollte ich mir Notizen machen. 

Beim WG-Casting ist Schweigen keine gute Idee

Den nächsten Bewerbern erklärten wir gleich nach der Begrüßung, dass unser Casting so ähnlich abläuft wie ein Speed-Dating. 

„Du hast eine halbe Stunde Zeit uns von dir zu überzeugen, dann kommt der nächste Kandidat“, so oder so ähnlich haben wir das Ganze geschildert. Die Reaktionen gingen von Verständnis, zu Skepsis bis hin zu einem Lachen als Antwort. Für manche Interessenten waren dreißig Minuten zu kurz, für andere zu lang. 

Bei Gabriel sitze ich nach zehn Minuten mit verzweifelten Gedanken am Tisch. Warum hatten wir ihm nochmal gesagt, er hätte eine halbe Stunde Zeit? Das Gespräch verläuft unglaublich stockend. 

„Und was ist dir in einer WG wichtig?“, frage ich. 

Gabriel starrt ins Leere und antwortet nach einer halben Ewigkeit: „Spaß“, dann herrscht wieder Stille. Ich mustere den Mann mit dem etwas länglichen Gesicht und dem verdammt großen Tunnel am rechten Ohr. „Spaß? Den werden wir wohl nicht zusammen haben!“, denke ich. Am liebsten würde ich zu ihm sagen, er kann gehen, doch das traue ich mich nicht. Clara sieht mich ebenfalls verzweifelt an. Die Stille ist unerträglich. Wir ziehen uns noch ein paar Fragen aus den Fingern, dann sind endlich 25 Minuten um und ich weise ihn daraufhin, dass gleich der nächste anmarschiert kommt. 

Als er endlich weg ist, fällt die ganze Anspannung von mir ab: „Ach du Schande! Was war das denn?“ „Keine Ahnung!“, meint auch Clara. Als Gabriel weg ist, machen wir uns auf den Heimweg. Beim Laufen beginnen wir, das Casting von heute Revue passieren zu lassen. Unser Fazit ist ernüchternd. Wir haben so viele unterschiedliche Charaktere kennengelernt. Doch niemand von ihnen scheint zu uns zu passen. Nun heißt es, die volle Hoffnung auf morgen zu legen. 

Dreier Mädels-WG – geht das gut?

Eigentlich hatten wir in unserer Anzeige explizit einen männlichen Mitbewohner gesucht. Doch trotzdem haben sich ein paar Mädels bei uns gemeldet. Eine von ihnen fand ich wirklich nett und deswegen wollte ich ihr eine Chance geben. Sofia war in der zweiten Runde unsere erste Kandidatin. 

Es war anders, nun eine Frau vor sich sitzen zu haben. Unsere Befürchtung, die gegen eine reine Dreier-Mädels-WG spricht, sind Zickereien. Da Clara und ich uns schon etwas länger kennen und zusammen studieren, hatten wir Angst, dass sich die dritte im Bunde ausgeschlossen fühlen könnte.  Ich finde, so etwas passiert bei Frauen-Freundschaften einfach schneller, als wäre ein Mann mit im Bunde. Aber die Unterhaltung verlief gut.

Als Sofia weg ist, tauschen wir uns kurz aus: Sie ist momentan die Einzige, die in die nähere Auswahl kommt. 

Beim WG-Casting werden schon Umbaupläne geschmiedet

Unser nächster Bewerber war, was seine Einstellung angeht, das komplette Gegenteil von Christoph. Stephan ist Schreiner und erzählt uns, was er alles für die neue, unmöblierte Wohnung selber bauen würde. 

„Auch um Probleme im Haushalt braucht ihr euch keine Sorgen zu machen! Wenn etwas kaputt ist, kann ich es reparieren.“ Wir haben das Gefühl, er will sich uns verkaufen und uns klar machen: Mit ihm zusammenzuziehen ist der Hauptgewinn! Aber irgendwie finden wir ihn sympathisch und lustig. Clara und ich sehen uns zufrieden an. Dieser Tag verlief besser als der erste.

Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss

Der vorletzte Interessent ließ auch nicht lange auf sich warten. Mit bestimmtem Gang kommt Paul auf uns zu und stellt sich uns vor, bevor er sich in einen der Sessel fallen lässt. Seine Entspanntheit geht gleich auf uns über. Das Gespräch verläuft ausgeglichen, er fragt uns mindestens genauso viel wie wir ihn. Wir tauschen uns über unsere Ideen, was das WG-Leben betrifft, aus und reden auch über das Casting an sich. Dass er selbst schon viele abgehalten hat und es für ihn komisch ist, jetzt in der anderen Rolle zu stecken. Ich habe das Gefühl, gar nicht mehr wirklich beim Casting zu sein, sondern einen netten Abend mit Freunden zu verbringen. Als er schließlich geht, unterhalten Clara und ich uns über ihn: Wir sind beide begeistert, unser Favorit steht fest!

Clara wirft einen Blick auf ihr Handy: „Oh, der letzte hat mir gerade geschrieben. Er hat heute eine Zusage bekommen und kommt deswegen nicht." 

Zufrieden bezahlen wir unsere Rechnung und schmieden auf dem Nachhauseweg Pläne über die weitere Vorgehensweise. 

Friede, Freude, Eierkuchen

Zusammenfassung: Wir luden drei der Kandidaten ein, mit uns zusammen die Wohnung zu besichtigen. Denn uns war klar, dass keiner zusagen würde, ohne die Wohnung gesehen zu haben. Stephan und Paul stellten der Verwalterin tausende von Fragen. Um die arme Frau aus dem Feuergefecht zu holen, beschlossen wir mit den beiden im gegenüberliegenden Café noch etwas trinken zu gehen. Hierbei nahm Stephan den verbalen Kampf um die Wohnung auf, woraufhin Paul sich verabschiedete. Noch am selben Abend fragten wir Paul, ob er mit uns zusammenziehen wolle. Doch Paul hielt uns hin und wollte noch das nächste Casting abwarten. Letzten Endes entschied er sich dann aber doch für uns und wir leben seit einem Jahr glücklich und zufrieden zusammen in unserer Dreier-WG. Ab und zu malen Clara und ich uns aus, wie es gewesen wäre, hätten wir uns für einen der anderen Kandidaten entschieden. Doch wir kommen jedes Mal zu dem Punkt, an dem wir feststellen, wie froh wir sein können, dass Paul unter den Bewerbern war. 

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