Wenn das Zuhause zum Labor wird

29.06.2021
Studium
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Statt im Labor müssen Studierende vieler Fachrichtungen nun Praxiserfahrungen aus dem Homeoffice sammeln

Viele Studiengänge beinhalten einen hohen Anteil an Laborpraktika. Im Notbetrieb mussten Laborerfahrungen jedoch im Homeoffice gesammelt werden. Das birgt Herausforderungen und auch Zukunftsängste.

Seit dem Sommersemester 2020 finden so gut wie alle Veranstaltungen, Vorlesungen und Seminare online statt. Zoom, Microsoft Teams oder BigBlueButton sind für viele nun immer noch unerlässlich, auch wenn sich die Infektionslage aktuell zu verbessern scheint. Für Vorlesungen ist eine Online-Aufzeichnung kaum problematisch; die jeweiligen Professor:innen können ihre Veranstaltung aufnehmen und Studierende können sich diese dann ganz bequem von daheim anhören. Hier entstehen also kaum Nachteile, sondern für viele Studierende sogar Vorteile. Einige finden vor allem, dass man viel Zeit spart, da man momentan ja keinen Anfahrtsweg zur Uni hat und sich so die Vorlesungen auch bequem von zu Hause aus anhören kann. Und außerdem ist man so zeitlich flexibel, man kann sich die Vorlesung anhören, wann und wo man möchte.

Aber bei einigen Veranstaltungen ist eine Online-Durchführung eben auch problematisch: und zwar bei Studiengängen, die in der Regel einen hohen Anteil an Praxislehre aufweisen. Denn gerade Studiengänge wie Biologie, Chemie oder Medizin beinhalten viele Laborpraktika, um Studierende bestmöglich auf die bevorstehende Berufswelt vorzubereiten. Da auch an der Uni Mainz jedoch seit letztem Sommersemester im Zuge der Corona-Richtlinien Praxislehre nur eingeschränkt stattfinden konnte, sind auch viele Laborpraktika ins Homeoffice verlagert worden. Doch wie sinnvoll ist die Online-Durchführung eines Praxismoduls? Kann Studierenden hierbei wirklich eine optimale Ausbildung geboten werden?

Tausche Laborkittel gegen Jogginghose

Denkt man an Laborarbeit, so hat man sofort ein typisches Bild vor Augen: Menschen mit weißem Laborkittel, Schutzbrille und Einweghandschuhen. Und eine praktische Ausbildung ist in vielen Studiengängen unerlässlich: denn, ob Chemie, Biologie oder auch Pharmazie, gerade in diesen Berufsfeldern werden ausgeprägte Praxiskenntnisse vorausgesetzt.

Aber dies optimal zu gewährleisten, ist gerade in der momentanen Situation schwierig. Denn da die Uni von Dezember 2020 bis Juni 2021 im Notbetrieb war, waren auch die meisten Veranstaltungen auf dem Campus, also in Präsenz, verboten. Es gab hierbei jedoch auch Ausnahmen: Im Studiengang Pharmazie konnten Praktika auch weiterhin weitestgehend in Präsenz stattfinden. Auf Anfrage hat die Fachschaft bestätigt, dass alle Laborpraktika seit Beginn der Pandemie weiter durchgeführt werden konnten. Hierfür wurde laut Fachschaft auf Blockpraktika in Kleingruppen umgestellt, um die maximal erlaubte Personenanzahl im Gebäude nicht zu überschreiten und Kontakte zu minimieren. Zudem galt ein striktes Hygienekonzept mit kontrolliertem Einlass, Maskenpflicht, Abstand, Lüften und Desinfizieren.

Im Allgemeinen sei die Umsetzung der Praxismodule, so die Fachschaft, von den Studierenden gut angenommen worden und alle seien froh gewesen, dass es nicht zu Ausfällen von Veranstaltungen und folglich zu Verlängerungen der Studienzeit kam. Auch die Fristen zur Anmeldung zu den Staatsexamina konnten eingehalten werden.

In anderen Studiengängen, vor allem im Fachbereich Biologie, mussten einige Praktika aber auch ins Homeoffice verlagert werden. Vor allem im Bachelorstudiengang Biologie sollen Studierende grundlegende Labortechniken und Methoden kennenlernen, die sie dann auch für ihr späteres Berufsleben benötigen. Dort werden derzeit allerdings nur zwei der insgesamt sieben Module mit Praxisinhalt vor Ort angeboten. Die restlichen Module finden als Online-Veranstaltungen statt. Hier bekommen Studierende etwa im Modul „Zoologisches Grundpraktikum“, welches dem Erlernen der Anatomie unterschiedlicher Tiergruppen dient, Lehrvideos bereitgestellt und müssen zudem wöchentlich Arbeitsblätter abgeben und bearbeiten.

Studium in Corona-Zeiten als Nachteil?

Dass solche Module nun weitestgehend von zu Hause aus stattfinden, sehen viele Studierende als Nachteil an. Ina (Name von der Redaktion geändert), Biologiestudentin im zweiten Semester, erkennt zwar an, dass die Dozierenden und die Universitätsleitung ihr Möglichstes tun, doch der Unterschied ist für sie greifbar: "Es ist nicht das gleiche, ob ich im Labor stehe oder mir online Videos von einem Versuch anschauen soll", erzählt sie, "Gerade weil ich ja später eventuell im Labor arbeiten werde, finde ich es wichtig, da auch schon Grundkenntnisse zu bekommen, selber auch mal was ausprobieren zu können." Mit den Homeoffice-Praktika fühle sie sich allerdings "nicht ausreichend" auf das Berufsleben vorbereitet.

Damit ist sie nicht allein: Viele Studierende befürchten mittlerweile, dass sie aufgrund fehlender praktischer Übung einen Nachteil im späteren Berufsleben erfahren werden. So pflichtet ihr Luisa, eine Kommilitonin, bei: "Ich finde, dass man viele Sachen, gerade zum Beispiel Labortechniken, nur im Labor lernen kann, wenn man auch selbst Hand anlegen muss. Videos und Bücher sind als Quelle ja schön und gut, aber praktische Fähigkeiten lerne ich dadurch ja auch nicht."

"Ich bin ja froh, trotz Corona immerhin weiter studieren zu können. So fühlt man sich wenigstens nicht komplett nutzlos und verloren", wirft sie ein. Sie findet es "wirklich gut, dass man überhaupt weiter machen kann und dass sich die Uni und auch die Profs Mühe geben." Doch gerade weil die Berufswelt die Praxiskenntnisse aus dem Studium voraussetze, fürchtet sie, Nachteile aus der Online-Lehre zu ziehen.

"Praxislehre sollte praktisch bleiben"

Für die kommenden Semester sind sich die meisten Studierenden der Uni Mainz sowie auch von anderen Unis einig: "Praxislehre sollte praktisch bleiben, also vor Ort, im Labor. In Kleingruppen ist da ja auch die Ansteckungsgefahr super gering und wir achten ja auch selber alle auf die Regeln", so lautet die Meinung von Ina. Die JGU Mainz plant unterdessen, im Wintersemester 2021/22 wieder vollständig zur Präsenzlehre zurückzukehren, wenn die gesetzlich zurzeit noch vorgeschriebenen Abstandsregelungen bis dahin entfallen.

Auch bundesweit machen sich immer mehr Hochschulrektor:innen für eine Rückkehr zur Präsenzlehre stark, vor allem mit Blick auf Seminare, Tutorien und (Labor-)Praktika. Kritisiert wird vor allem die nachgeordnete Rolle der Universitäten: "Es gibt Öffnungskonzepte für Blumenläden, Zoos, Museen und für Schulen. Doch was ist eigentlich mit den Hochschulen?", kritisieren Hochschulvertreter:innen die politischen Entscheidungsträger:innen bereits im März 2021.

Doch trotz erster Hoffnungsschimmer angesichts sinkender Inzidenzen, mahnt Herr Prof. Dr. Peter-André Alt, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, zur Vorsicht: "Die Hochschulen wollen die entstehenden Optionen für Präsenzveranstaltungen rasch und in größtmöglichem Umfang nutzen. Sie müssen zugleich aber ihrer Verantwortung für die Studierenden und Lehrenden gerecht werden und die Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Pandemie in ihre Planungen einbeziehen." Dieser Auslotungsprozess solle "in den kommenden Wochen" weitergeführt werden - in dieser Zeit sollen dem Corona-Newsletter der JGU zufolge Gespräche zwischen den Hochschulen und dem Wissenschaftsministerium stattfinden.

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