Wenn Body Positivity gefährlich wird?

06.09.2021
Campus-News, Essen
hm

Wer den Weg hin zu mehr Body Positivity geht, wird oft Ziel von Anfeindungen - so auch Luise Demirden vom AlleFLINTA*-Referat des AStA der JGU Mainz.

Nachdem der Influencer KuchenTV in einem Video zum Thema Body Positivity eine Referentin des AStA der JGU Mainz kritisiert, erlebt diese einen Shitstorm. Doch beide Seiten beharren auf ihren Positionen.

Vor einigen Wochen hat der Influencer KuchenTV ein Video zu dem Thema Body Positivity hochgeladen. Darin kritisiert dieser die Haltung von übergewichtigen Menschen zu der Body Positivity-Bewegung, die sich gegen diskriminierende und unrealistische Schönheitsideale stellt. KuchenTV kommt in seinem Video "Wenn Body Positivity gefährlich wird!" außerdem auf Luise Demirden zu sprechen: Sie ist Mitglied im AlleFLINTA*Referat des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der JGU und auf Instagram als @luise_boom zu finden.

KuchenTV kritisiert verschiedene Inhalte ihrer Instagramseite, auf der sie über ihr Leben als übergewichtige Frau berichtet und sich sowohl für die LGBTQ- als auch Body Positivity-Bewegung stark macht. Sie prangert u.a. den gesellschaftlichen Umgang mit übergewichtigen Menschen an. So schreibt sie in einem Post: "Fett sein ist schwierig: Meschen verletzen dich, schließen dich aus, lachen dich aus, verteufeln dich, nutzen dich aus. Es ist diese Diskriminierung die Menschen dazu bringt sich Teile ihres Körpers entnehmen zu lassen."

KuchenTV ging auf dieses eigentliche Anliegen nicht ein – für ihn ist vor allem Luises Framing problematisch: "Für Luisa ist das ganze fettfeindlich, weil fett automatisch als schlecht hingestellt wird, während dünn automatisch gut ist." Es sei wissenschaftlich bewiesen, dass Übergewicht ungesund sei.

Luise bekam daraufhin einen heftigen Shitstorm ab, der sich auch auf das AlleFLINTA*Referat ausweitete. Sowohl der gesamte AStA*, insbesondere sein AlleFLINTA*Referat, als auch die politische Hochschulgruppe Campusgrün, die mit der Linken Liste den derzeitigen AStA bildet, stellten sich hinter Luise. Über ihre Social-Media-Kanäle machten sie deutlich, dass sie solch eine Haltung nicht tolerieren würden. Doch auch KuchenTV blieb daraufhin bei seiner Haltung. Weder KuchenTV noch Luise Demirden wollten sich auf Anfrage genauer zum Konflikt äußern.

Der Kern der Body Positivity-Bewegung

Die Body Positivity-Bewegung kommt aus den USA und hat sich aus dem Fat Acceptance Movement entwickelt. Neben der Kritik an realitätsfernen Schönheitsidealen spielen soziale Gerechtigkeit, Diversität und intersektionale Anti-Diskriminierung eine große Rolle. Es geht darum, jeden Körper unabhängig von seinem Aussehen zu akzeptieren. 

Luise Demirden entkräftet in diesem Rahmen u.a. Vorurteile gegen übergewichtige Menschen und informiert über Möglichkeiten, sich dagegen zu solidarisieren. Gleichzeitig spricht sie sich u.a. dagegen aus, Adipositas als Krankheit anzuerkennen, wie dies etwa das Robert-Koch-Institut oder die Weltgesundheitsorganisation tun. Für Luise sei dies hingegen der Versuch, "fette Körper zu kranken Körpern zu erklären, ohne dafür Symptome oder ein Krankheitsbild liefern zu müssen."

Kritik an der Body Positivity-Bewegung

KuchenTV kritisiert in seinem Video Teile der Body Positivity-Bewegung: "Leider habe ich das Gefühl, dass das vor allem von übergewichtigen Menschen heutzutage dafür benutzt wird, sich jeglicher Kritik zu entziehen und seinen ungesunden Lebensstil irgendwie als gesund zu verkaufen, auch wenn man dabei wissenschaftliche Fakten ignoriert." Seine Argumentation fundiert er teilweise anhand einer Studie und eines Buches. Bei beiden geht es um die Folgen von Übergewicht. 

KuchenTV ist nicht der einzige, der Kritik an der Bewegung übt. Die Folgen von Übergewicht, die nach Ansicht der Kritiker:innen von manchen Anhänger:innen der Bewegung geleugnet würden, stehen im Mittelpunkt der Kritik. So bemängelt Jonas Heinrich, der Sport und Ernährung studiert hat, für das Gesundheitsmagazin vital, dass mit der Normalisierung der Bewegung ein ungesunder Lebensstil gefördert werde. Insbesondere Kindern und Jugendlichen würde so ein falsches Bild von gesunder Ernährung und Krankheitsrisiken vermittelt. Dass Übergewicht viele gesundheitsschädliche Folgen haben könne, etwa Diabetes und Herzkreislauferkrankungen wie zum Beispiel Bluthochdruck, sei längst bekannt. Trotzdem würden viel Angehörige der Body Positivity-Bewegung dies ignorieren, so die Kritiker:innen.

Das andere Ende des Spektrums: Magersucht

Nicht nur Menschen, die an Adiposität oder Übergewicht leiden, werden von einem Großteil der Gesellschaft ausgegrenzt und stigmatisiert. Magersucht ist die am weitesten verbreitete Essstörung in Deutschland. Diese Essstörung kann nicht nur durch biologische oder psychologische Einflüsse begünstigt werden. Unter anderem spielen bei der Magersucht auch die gesellschaftlichen Einflüsse in das Krankheitsbild mit ein: Gerade im digitalen Zeitalter werden durch etliche Social-Media-Kanäle Schönheitsideale verbreitet, die in Realität vollkommen ungesund sind.

Während Menschen, die an Essstörungen wie Magersucht leiden, ein unrealistisches Bild von Schönheitsidealen verfolgen und dabei oftmals ein gestörtes Selbstbild haben, bekämpft die Body Positivity-Bewegung ein solches Bild und die damit einhergehenden Ideale. 

Luise hat sich auch nach dem Shitstorm nicht unterkriegen lassen. Sie ermutigt ihre Community nach wie vor, zum eigenen Körper zu stehen und dem Druck nicht nachzugeben: "Gebt euch Zeit, es kommt langsam, aber es lohnt sich, weiterzugehen."

 

* Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Artikels kamen lediglich die Stellungnahmen des AlleFLINTA*-Referats und der Campusgrün-Hochschulgruppe zur Sprache. Der Verweis auf die Solidarisierung des gesamten AStA wurde am 15.09.2021 nachträglich eingefügt.

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