Unfreiwilliger Umzug in Weisenau

23.04.2019
Campus-News, Wohnen
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Das Wohnheim Weisenau ist bereits 1990 eröffnet worden.

Seit Anfang April wird das erste der drei Häuser im Wohnheim Weisenau saniert.

Das Alter sieht man den Gebäuden mittlerweile an.

Das Studierendenwohnheim Weisenau wird seit Anfang April saniert. Dafür mussten aus dem ersten der drei Häuser alle Studis ausziehen. Doch die wurden erst sechs Wochen vor Auszug darüber informiert.

Kündigung – das war das erste Wort, das Max las, als die Mail vom Studierendenwerk Mainz in seinem Postfach landete. Da saß er gerade im Bus auf dem Heimweg ins Wohnheim Weisenau. "Das war zuallererst ein Schock", erklärt er, "Als ich mir das Schreiben dann aber von Anfang bis Ende durchgelesen hatte, war ich gewissermaßen erleichtert. Es gab ja die Option, in ein anderes Appartement zu ziehen."

Drei Jahrzehnte auf dem Buckel

Doch von vorne: Das Wohnheim Weisenau ist nach Schließung des Inter I auf dem Campus das älteste in Mainz. Es wurde bereits im Jahr 1990 eröffnet und hat seitdem zahlreichen Generationen von Studierenden ein Heim während ihrer Studienzeit geboten. Mit 500 Bettplätzen gehört Weisenau zu den größeren Wohnheimen in Mainz und bietet im Durchschnitt mit die günstigsten Unterkünfte an. Ein Einzelappartement von 19 Quadratmetern kostet aktuell 319 Euro in Weisenau.

Wo der Preis vielleicht lockt, schreckt die Lage eher ab: Im äußersten Süden der Stadt gelegen braucht man mit dem Bus 30 bis 40 Minuten bis zum Campus. Auch vom bunten Partyleben in der Innenstadt ist man in Weisenau weit entfernt. Hinzu kommt, dass man dem Gebäudekomplex trotz gewisser Instandhaltungsmaßnahmen sein Alter anmerkt. Silberfische, staubiger Teppichboden und veraltetes Mobiliar machen inzwischen den Charme eines manchen Zimmers aus. Da könnte man sich doch über die umfassende Sanierung der drei Häuser freuen. Warum also die Aufregung?

Deadline: Eine Woche

Ohne Vorwarnung flatterte die Kündigung des Mietverhältnisses für die Bewohner des Haus 3000 am 19. Februar in ihr E-Mail-Postfach. Seit dem letzten Kalenderjahr habe das Studierendenwerk Mainz mit dem Eigentümer einen Modernisierungsplan erarbeitet und dieser werde nun in die Tat umgesetzt, heißt es in dem Schreiben. „Die Sanierungsarbeiten umfassen sowohl brandschutztechnische Modernisierungen im Gebäude als auch umfangreiche Schönheitsreparatur- und Instandhaltungsarbeiten sowie Mobiliarerneuerungen in den Appartements“, erklärt das Studierendenwerk weiter.

Mit Blick auf den Brandschutz sei kein Aufschub möglich. Deshalb müsse man den Bewohner:innen des ersten Hauses zum 31. März 2019 kündigen. Inzwischen ist bekannt, dass die Häuser nacheinander saniert werden, d. h. auch die Studis in den Häusern 2000 und 1000 müssen im Laufe des Jahres 2019 ihre Sachen packen und umziehen. Nach Abschluss der Arbeiten könne man dann wieder in sein altes Zimmer zurückziehen, muss aber fünf Euro mehr Miete pro Monat zahlen.

Mit der Kündigung bat das Studierendenwerk den Betroffenen auch einen neuen Mietvertrag an: Entweder für ein Appartement in den beiden anderen Häusern oder in einem anderen Studierendenwohnheim in Mainz. Dafür würden auch die Kosten des Umzugs übernommen werden und die Betroffenen würden gegenüber anderen Wohnheimsbewerbern bevorzugt werden. Andernfalls bestand die Möglichkeit komplett und dauerhaft auszuziehen.

Eine verbindliche Rückmeldung erwartete das Studierendenwerk jedoch bereits zum 25. Februar – also nur eine Woche später und zudem mitten in der vorlesungsfreien Zeit. "Das Timing war äußerst bescheiden", meint Max rückblickend, "Ich war zu dem Zeitpunkt vor Ort, aber viele Bewohner waren bei den Eltern oder im Urlaub. Die haben die Mail vielleicht gar nicht direkt gesehen. Das hat sicherlich für Verbitterung gesorgt."

Dicke Luft

Tatsächlich waren viele Bewohner:innen sehr verärgert über die urplötzliche Kündigung und das knappe Zeitfenster für die Entscheidung, wo sie ab April wohnen wollen. Selbst die Heimvertretung des Wohnheims Weisenau (HV) wurde nur einen Tag bevor das Kündigungsschreiben versendet wurde offiziell über die Sanierungsarbeiten informiert. Umid Mohammed, Vorsitzender der HV, berichtet von der außerordentlich schlechten Stimmung unter den betroffenen Heimbewohner:innen: "Viele waren einfach überrumpelt und hatten das Gefühl, dass sie ohne Beachtung der gesetzlichen Kündigungsfrist rausgeschmissen werden. Die Emotionen sind dann vor allem in der Facebook Gruppe hochgekocht". Auch Max erinnert sich, dass die Wut über die kurzfristige Kündigung so groß war, dass einige Betroffene einen Anwalt einschalten wollten.

Trotzdem scheint die Mehrheit der Bewohner:innen die Sanierung an sich zu befürworten. "Auch wenn es nicht unbewohnbar ist, merkt man einfach, dass das Wohnheim schon fast 30 Jahre alt ist", bemerkt Max. Aus Umids Sicht ist die Sanierung überfällig. "Die Teppichböden im Wohnheim, beispielsweise, liegen dort vielleicht seit 25 Jahren. Die hätten schon längst ausgewechselt werden müssen. Generell hätte man vorher damit rechnen können, dass das Wohnheim saniert werden muss und hätte es auch umsetzen müssen", kritisiert er.

Aufgrund der schlechten Stimmung im Wohnheim organisierte die HV spontan eine Versammlung, in der sie zusammen mit den betroffenen Bewohner:innen offene Fragen an das Studierendenwerk sammelte. Daraufhin erklärte die HV zusammen mit dem Studierendenwerk u. a., weshalb die Sanierungsmaßnahmen so lange auf sich warten ließen.

Drohte die Schließung?

Da nicht das Studierendwerk Mainz, sondern ein privater Immobilieninvestor Eigentümer der Wohnanlage ist, musste vorab eine Absprache über den Zeitraum und die Kosten der Sanierung getroffen werden. Laut dem Infoschreiben der HV von Februar liefen die Verhandlungen zwischen dem Studierendenwerk als Mieter und dem Eigentümer schon seit Ende 2017. Doch erst kürzlich habe man sich einigen können.

Grund für die langen Verhandlungen sei laut Studierendenwerk vor allem der Umfang und die Komplexität des Sanierungsprojektes. Deswegen habe sowohl die "Positionsfindung seitens der Eigentümergesellschaft" als auch die anschließende Verständigung zwischen Vermieter und Studierendenwerk einige Zeit in Anspruch genommen.

Laut Infoschreiben scheint der Brandschutz ein Grund gewesen zu sein, warum man nicht länger mit den Sanierungsarbeiten habe warten können. Das Wohnheim müsse dringend an gesetzliche Vorschriften angepasst werden und "[d]iese Maßnahmen müssen jetzt unbedingt durchgeführt werden, um die Sicherheit in den Gebäuden weiter gewährleisten zu können", heißt es dort. Waren die Brandschutzmängel also so gravierend, dass dem Wohnheim Weisenau die Schließung drohte? Wären möglicherweise in den nächsten Monaten 500 Wohnheimsplätze weggefallen?

Die Antwort des Studierendenwerks dazu ist klar: "Nach Feststellung von Mängel[n] haben wir umgehend mit der Planung der Behebung begonnen und die Arbeiten werden nun […] durchgeführt. Auch die hinzugezogenen Brandschutzsachverständigen haben keine aktuellen Sicherheitsbedenken geäußert oder Auflagen gestellt."

Umfassende Sanierungsarbeiten

Durch die Sanierungsarbeiten wird sich jedenfalls viel im Wohnheim Weisenau verändern. Laut Infoschreiben der HV wird der alte Teppichboden sowohl in den Zimmern als auch auf den Fluren entfernt und stattdessen Vinylplanken verlegt. U. a. wird ein Teil der Möbel ausgetauscht, rund 400 der 500 Küchen werden durch neue ersetzt und der TV-Empfang sowie das Internet werden neu eingerichtet.

Laut Studierendenwerk beläuft sich die Gesamtsumme für alle Sanierungsarbeiten auf 2,8 Millionen Euro. Das werde über bestehende und neu zu bildende Rücklagen finanziert. Die zusätzlichen Investitionen in den Brandschutz werden, laut der Geschäftsführerin des Studierendenwerks Mainz Alexandra Diestel-Feddersen vom Eigentümer getragen.

"Hinzu kommen die ebenfalls erheblichen Investitionen in den Brandschutz, welche durch den Eigentümer getragen werden", so die Geschäftsführerin des Studierendwerks Mainz Alexandra Diestel-Feddersen.

Nicht nur im Hinblick auf diese Mieterversammlung, auch generell bewertet Diestel-Feddersen die Kommunikation durchweg positiv: Fragen und Anliegen der Bewohner:innen habe man durch die "ausgesprochen gute und schnelle Kommunikation" sehr gut aufnehmen können. Außerdem habe das Studierendenwerk "viel positives Feedback" von den Bewohner:innen bekommen, die die Maßnahmen begrüßen würden.

Besonders viel Lob hat das Studierendenwerk für die HV übrig. Die habe herausragende Arbeit geleistet und sei ein großer Gewinn für die Wohngemeinschaft und das Studierendenwerk. Die freut sich über das Lob, kann jedoch die Euphorie über die Kommunikation nicht teilen. Denn auch beim Auszug der Bewohner:innen gab es wieder Probleme.

Umzug mit Hindernissen

Noch im Februar musste sich Max entscheiden, wo er künftig wohnen wollte und wählte den Umzug in ein anderes Wohnheim. Nachdem er seine Entscheidung dem Studierendwerk mitgeteilt hatte, lag nur einige Tage später der neue Mietvertrag in seinem Postfach. "Man hätte die Kündigung früher aussprechen müssen, aber man muss es dem Studiwerk auch zu Gute halten, dass das so problemlos verlief. Die Studis aus Weisenau wurden ja auch bevorzugt", meint er im rückblickend. Zudem wollte das Studierendenwerk den betroffenen Bewohner:innen hinsichtlich des Auszugstermins einige Tage Kulanz gewähren. Demnach sollte ein Auszug bis zum 3. April möglich sein.

Laut der HV sind die übrigen Bewohner:innen jedoch am 30. März informiert worden, dass sie am 1. April bis um 12 Uhr ausgezogen sein müssen – entgegen der Zusage des Studierendwerks. Die Leute, die ihren Umzug am 2. oder 3. April geplant hatten, waren also gezwungen spontan umzuplanen. Zwar wurden wie versprochen Umzugskartons bereitgestellt, doch die plötzliche Änderung der Auszugsfrist stellte für einige Heimbewohner:innen ein echtes Problem dar, da viele arbeiten mussten oder gar nicht vor Ort waren.

"Für die HV war es befremdlich zu hören, dass die Auszugsfrist zurückgenommen wurde. Das war wieder ein ordentlicher Dämpfer und die Stimmung war wieder sehr schlecht", erklärt Umid. "Die HV steht ganz klar hinter den Sanierungsarbeiten, aber der Weg, der gegangen wird, ist problematisch. Das Studierendenwerk scheint die Betroffenen in erster Linie als Bewohner und nicht als Studis zu sehen." Neben Studium und Nebenjob seien viele nicht komplett flexibel, wenn es um einen Umzug gehe. Gerade für Austauschstudierende sei es aufgrund der Sprachbarriere noch komplizierter gewesen.

Generell sei die Stimmung unter den Bewohnern im März gemischt gewesen. Resignation und Verständnis für die Sanierung in Verbindung mit dem Umzugsstress, den vielen bevorstand.

Ende gut, alles gut?

Und wie ist der Umzug bei Max verlaufen? "Bei mir hat alles gut geklappt. Mein Zeug ist ohne Verluste angekommen", berichtet er. Es sei zwar nicht ganz unkompliziert gewesen, weil er während seines Praktikums umziehen und eine Weile auf den Auszug seines Vormieters warten musste, aber letztlich sei er mit seiner jetzigen Wohnsituation zufrieden. "Das Zimmer ist auch etwas größer. Dafür zahle ich zwar 40 Euro mehr, aber das ist kein Problem. Ich suche sowieso einen Nebenjob", erklärt er nüchtern.

Doch nicht alle Heimbewohner können auf so einen unkomplizierten Umzug zurückblicken. Das weiß auch Umid Mohammed von der HV: "Durch die Kommunikation mit dem Studierendenwerk kam es immer wieder zu Unklarheiten. Es hätte mehr Präsenz gezeigt werden müssen und nicht so viel der HV überlassen dürfen. Die Kommunikation hätte man definitiv verstärken müssen".

Den Bewohner:innen der beiden anderen Häuser steht der Auszug noch bevor. Doch sie haben – ebenso wie das Studierendenwerk – mehr Zeit sich darauf vorzubereiten, sodass man hoffen kann, dass es weitaus weniger Probleme in Sachen Kommunikation und Organisation geben wird.

Das Wohnheim Weisenau soll den Mainzer Studis übrigens bis zum Auslaufen des Vertrages im Jahr 2026 erhalten bleiben. Das bestätigt das Studierendenwerk. Ob der Betrieb danach weitergeführt werde, hinge von verschiedenen Entwicklungen und Vertragsverhandlungen ab.

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