Studieren mit Behinderung: Zwischen Frustration und unermüdlichem Vorwärtsstreben

09.02.2016
Studium, Freizeit...
nka

Nora berichtet uns von ihrem Alltag auf dem Campus als Rollstuhlfahrerin

Nora ist 22 Jahre alt und studiert im Master Kommunikations- und Medienforschung an der JGU. Wegen einer vererbten Muskelkrankheit sitzt sie seit Kindesalter im Rollstuhl. In einem Interview erzählt sie uns, wie sie ihre Behinderung und das Studium vereinbart.

Was würdest du als größte Herausforderung für Rollstuhlfahrer auf dem Campus definieren?

Die größte Herausforderung ist sicherlich die Organisation des eigenen Lebens rund um das Studium. Vor allem die Wohnungssuche und der öffentliche Nahverkehr machen in Mainz Probleme. Ich wohne beispielsweise hier im Inter II in einer schönen barrierefreien Wohnung.

Das Problem ist aber die Haltestelle Friedrich-von-Pfeiffer-Weg, denn dort kann man zwar in den Bus einsteigen, jedoch nicht aussteigen, da man als Rollstuhlfahrer nicht über die Fußgängerbrücke kommt. Das heißt, jedes Mal wenn ich aus der Innenstadt komme, muss ich unten am Forum aussteigen und den Weg über den gesamten Campus zurücklegen. Der Umweg ärgert mich total. Seit ich hier wohne, also seit 2013, reden Hochschulgruppen und Politiker davon, dass sich das ändern muss, aber es tut sich nichts. Ich hoffe, dass mit dem Bau der Mainzelbahn etwas passiert. 

Wie kann man sich deine Muskelkrankheit vorstellen?

Es ist eine Erkrankung des Nervensystems, bei der die Muskeln einfach schwächer sind, weil die Signale der Nerven nicht richtig bei den Muskeln ankommen. Der ganze Körper ist also betroffen, jedoch gibt es Regionen, die stärker betroffen sind, wie bei mir die Beine. 

Du hast einen Bachelor in Publizistik. Inwieweit hatte deine Behinderung Einfluss auf deine Studienwahl?

Das spielt immer eine Rolle, das kann man nicht leugnen. Für mich kommen nur Berufe in Frage, bei denen man am Schreibtisch sitzt oder zumindest nicht so mobil sein muss. Das ist klar. Das kann aber auch schon im Bereich des Journalismus Probleme machen.

Während eines Praktikums in einer Fernsehredaktion habe ich das besonders gemerkt. Wir waren viel außerhalb des Gebäudes unterwegs, um zu filmen, und das ist meistens nicht barrierefrei. Mal ganz davon abgesehen davon, dass man ein Transportmittel braucht um zum Drehort zu gelangen.

Ebenso sind auch viele Firmengebäude noch nicht barrierefrei. Das kann frustrierend sein. Da muss man als Rollstuhlfahrer immer überlegen, was geeignet ist. Da fällt viel weg, das ist klar. Trotzdem sollten die Interessen und der Spaß im Vordergrund stehen und die Behinderung nicht zu viel von dem eigenen Werdegang vorgeben. Wenn man Spaß an einem Beruf oder einem Studiengang hat, dann findet sich auch meistens ein Weg. Die Rahmenbedingungen müssen aber trotzdem stimmen.

Wie würdest du den Campus Mainz in Hinblick auf seine Barrierefreiheit beurteilen?

Ich sag es mal so: In den Großteil der Gebäude kommt man irgendwie rein. Es ist also auf jeden Fall machbar, zu studieren. Auch wenn auf dem Campus nicht alle Gebäude barrierefrei sind. Gerade vorne im Forum habe ich Probleme und auch das BKM ist im Rollstuhl von meiner Wohnung aus nicht zu erreichen. Die neueren Gebäude hingegen sind barrierefrei. 

Aber es ist fast jedes Semester so, dass ich ein oder zwei Veranstaltungen umlegen lassen muss, weil ich nicht in die betreffenden Räume komme. Dafür geht man zum Service für behinderte Studierende und meldet, dass eine bestimmte Veranstaltung nicht barrierefrei sei und verlegt werden müsse.

Manchmal ist es auch so, dass bei Jogustine steht, ein Raum wäre nicht barrierefrei und dann stellt sich heraus, dass ich durch zum Beispiel einen Seiteneingang hätte reinkommen können. Wegen so einer Fehlinformation habe ich dieses Semester die ersten drei Sitzungen einer Vorlesung verpasst. Sowas ist schade und ärgerlich. 

Im Grunde muss jeder Student mit Behinderung selbst herausfinden, welcher Raum wie geeignet ist. Aber abgesehen von diesen zeitaufwendigen, organisatorischen Details lässt es sich hier sehr gut studieren.

Du bist für das Studium von Heidelberg nach Mainz gezogen. Viele wären sicherlich Zuhause geblieben. Was hat dich dazu veranlasst?

Ich wollte nach dem Abi unbedingt ausziehen. Ich wollte immer selbständig sein. Trotzdem brauche ich noch die Unterstützung von zu Hause, deswegen konnte ich nicht so weit wegziehen. Deswegen passte Mainz ganz gut.

Gerade mit einer Behinderung ist ein Auszug natürlich mit viel Organisation verbunden. Aber ich habe mir deswegen nicht die Möglichkeit nehmen lassen, es mit einer eigenen Wohnung zu versuchen und dass ich jetzt hier im Inter II direkt auf dem Campus wohne, hat sich wunderbar ergeben.

Zusätzlich habe ich ein paar Assistentinnen, die mir im Alltag unter die Arme greifen. Dabei handelt es sich um Studis, die ich zu Beginn meines Studiums selbständig über eine Anzeige gefunden habe. Aber meist wechseln die Assistentinnen jedes Semester, da eine zum Beispiel wegen des Studiums aufhören muss. Finanziert wird das Ganze durch meine Pflegeversicherung.

All diese Faktoren ermöglichen mir einen großen Grad an Freiheit.

Wie ist es in deiner Freizeit – wie reagieren die Menschen, wenn du zum Beispiel mit Freundinnen ausgehst?

Meistens gehen die Menschen ganz normal mit mir um. Ich finde es immer schön, wenn einem die Tür aufgehalten wird, aber ich glaube, da geht es jedem so. Aber es gibt auch Leute, die mich mitleidig anschauen.

Das merke ich vor allem, wenn ich mal feiern gehe. Es gehen nur wenige Rollstuhlfahrer feiern. Da kommt es schon mal vor, dass man mich anspricht und sagt, dass es sicher hart sei im Rollstuhl. Andere gratulieren mir, weil sie es toll finden, dass ich trotz Behinderung feiern gehe. Daran sieht man, dass eine Behinderung für viele Leute noch ungewohnt ist.

Man wird generell relativ oft angestarrt. Aber dann starre ich einfach zurück oder ignoriere es, je nach Stimmung. Das ist nicht so ein schönes Gefühl, aber man lernt damit umzugehen. 

Was würdest du der neuen Generation von Rollstuhlfahrern auf dem Campus sagen?

Ich würde ihnen auf jeden Fall raten, sich nicht von anfänglichen Hindernissen zurückhalten zu lassen. Man muss ganz viel ausprobieren. Das merke ich selbst. Wenn ich irgendwo hingehe, wo ich vorher noch nie war, weiß ich nicht, ob ich hinein komme. Es gibt immer Zeiten, die anstrengend sind, aber meistens auch Lösungen und Wege hinein.

Man hat deutlich mehr Bürokratie und Organisation am Hals als normale Studis, aber ich finde auch, es ist ein tolles Freiheitsgefühl, so alleine wohnen und studieren zu können. Es bringt einen viel weiter und ich denke, man muss einfach Sachen ausprobieren und Spaß haben.

Ich habe mich jetzt zum Beispiel für ein Erasmussemester beworben. Auch wenn man etwas Angst hat, es wird irgendwie klappen. Man muss es einfach wagen, nur nicht den Mut verlieren.

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