Mainzer Sprachwissenschaftlerin will Minderheiten eine Stimme geben

09.12.2020
Studium, Arbeit
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Anneli Sarhimaa ist Professorin für nordeuropäische und baltische Sprachen an der JGU Mainz. Für ihr Engagement für die karelische Sprache wurde sie nun ausgezeichnet. ©: Foto Rimbach, Mainz.

"Soziolinguistik ist immer politisch": Für die Sprachwissenschaftlerin Prof. Anneli Sarhimaa gehören Forschung und Engagement für nordeuropäische Minderheitensprachen zusammen.

Ihre Urkunde der Alfred-Kordelin-Stiftung hat Prof. Anneli Sarhimaa gerade erst erhalten. Die finnische Stiftung verleiht ihr den mit 30.000 Euro dotierten Preis für ihre sprachwissenschaftliche Forschung über Minderheitensprachen in Nordeuropa. Mit der Auszeichnung würdigt die Stiftung das seit Jahrzehnten andauernde Engagement Sarhimaas. Sie ist seit 2002 Professorin für nordeuropäische und baltische Sprachen an der JGU Mainz.

Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lässt sich auf der Landkarte grob dort verorten, wo Finnland und Russland aufeinandertreffen. In der Grenzregion wird Karelisch gesprochen, eine ostseefinnische Minderheitensprache. Sarhimaa kommt selbst aus Finnland und erforscht bereits seit Ende der 1980er-Jahre die karelische Sprache. Dass sie sich ausgerechnet für das Karelische engagiert, sei aber eher ein Zufall, erklärt Sarhimaa. Denn obwohl sie mütterlicherseits karelische Wurzeln hat, sei es erst ihre Masterarbeit in der Russistik und danach ihre Doktorarbeit in der Linguistik gewesen, die sie dazu brachten, sich intensiv mit dem Karelischen zu beschäftigen. 

Karelisch an der JGU Mainz?

An der JGU kann man kein Karelisch lernen – auch nicht in dem von Sarhimaa selbst initiierten Masterstudiengang International Master in Sociolinguistics and Multilingualism. Der Master ermöglicht es, sich intensiv mit nordeuropäischen und baltischen Sprachen und Kulturen auseinanderzusetzen – und führt Studierende im ersten Semester nach Kaunas in Litauen, im zweiten Semester nach Mainz und im dritten Semester schließlich nach Tartu in Estland oder nach Stockholm.

In Mainz dürften die Studierenden sicher trotzdem einiges über das Karelische lernen. So lässt sich zwar das Wort "Karelisch" vergeblich im Modulhandbuch des Masters suchen, jedoch gibt es Vorlesungen zu Regional- und Minderheitensprachen.

Was macht eine Sprache zur Minderheitensprache?

Laut Sarhimaa sprechen heute insgesamt etwa 34.000 Menschen Karelisch, davon 11.000 in Finnland und 24.000 in Russland. Zehntausend Weitere verstehen die Sprache zumindest. Die Zahl der Sprechenden allein mache eine Sprache jedoch noch nicht zur Minderheitensprache, sagt die Linguistin. Was ebenso zähle, sei der gesellschaftliche Status der Sprache. Als besonders entscheidend gelte das im Gesetz verankerte Recht, Sprache und Kultur zu pflegen und bei Behörden in der eigenen Sprache Auskunft zu erhalten.

Dem Karelischen in Finnland fehlt ein solches eigenes Sprachgesetz. In der Republik Karelien in Russland gibt es zwar einige Gesetze – diese sind jedoch kaum wirksam. Neben Finnisch und Schwedisch, die die Nationalsprachen Finnlands darstellen, sind etwa die samischen Sprachen der Ureinwohner:innen oder auch die finnische und die finnlandschwedische Gebärdensprache gesetzlich geschützt. Karelisch jedoch ist die einzige autochthone – also in einem Gebiet alteingesessene – Sprache Finnlands, die nicht im finnischen Grundgesetz erwähnt wird.

Die Folge dessen: Stigmatisierung. Wessen Muttersprache nicht Karelisch ist, kommt in Finnland nicht mit der Sprache in Berührung. Denn durch die fehlende Gesetzgebung und den schlechten gesellschaftlichen Status hört und liest man Karelisch in Finnland im Alltag nicht. Auf politischer Ebene wird Karelisch nicht mitgedacht. Die karelische Sprache und Kultur werden vergessen.

Der Kampf gegen die Stigmatisierung

Um ein Minimum an gesellschaftlicher Unterstützung für das Karelische zu erreichen, engagiert sich Sarhimaa für ein eigenes Sprachgesetz für das Karelische in Finnland. Kämpfen bedeutet in ihrem Fall: Forschen und Schreiben. Als Soziolinguistin analysiert Sarhimaa, wie wir über Minderheiten sprechen und wie sich Sprachgebrauch und Gesellschaft wechselseitig beeinflussen. So sei die Soziolinguistik Sarhimaa zufolge immer politisch.

Die Alfred-Kordelin-Stiftung lobt Sarhimaas umfassende Kenntnis des Fachgebiets und die Arbeit mit der karelischen Gemeinschaft. Zu den wichtigsten, gesellschaftlich direkt relevanten wissenschaftlichen Leistungen, gehöre es, Maßnahmen zu entwickeln, um die Zukunftsaussichten sprachlicher Minderheiten zu erhalten und zu verbessern. So werde auch die kulturelle Vielfalt gestärkt.

Ihre Urkunde der Alfred-Korderlin-Stiftung hat Sarhimaa schon erhalten. Doch ein eigenes Sprachgesetz hat das Karelische noch nicht. Sarhimaas Arbeit bleibt also neben dem Wissenschaftlichen auch politisch.

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