Kommentar | Corona-Impfung als Ticket in die Freiheit

14.05.2021
Studium, Freizeit
sho

Die neuen Corona-Lockerungen ermöglichen geimpften und genesenen Bürger:innen einen großen Schritt in Richtung Normalität. Wer jedoch noch nicht geimpft ist, der muss weiter warten.

Die Lockerungen für bereits geimpfte Bürger:innen empfinden gerade viele junge Menschen als nicht nachvollziehbar. Stellt sich nun die Frage: Impfneid oder Ungerechtigkeit?

Seit mehr als einem Jahr ist die Corona-Pandemie bereits ein Teil unseres Lebens. AHA-Regeln, Hygienekonzepte, Ausgangsbeschränkungen und weitere Einschränkungen haben dabei unser tägliches Leben einmal komplett umgedreht. Nichts ist mehr so, wie wir es eigentlich bis Anfang 2020 gewohnt waren: Mal eben ins Kino gehen, am Wochenende mit Freund:innen feiern oder in einem Restaurant essen gehen? Das alles ist zurzeit nicht möglich.

Doch jetzt hat die Bundesregierung einen neuen Beschluss verabschiedet: Corona-Beschränkungen sollen ab sofort für vollständig geimpfte sowie genesene Personen gelockert werden. Das heißt konkret: Sie müssen keinen negativen Corona-Test mehr vorweisen, um beispielsweise essen zu gehen, in Geschäfte zu gehen oder an anderen Freizeitaktivitäten teilzunehmen. Außerdem zählen Geimpfte dann bei Treffen nicht mehr zu der Regel dazu, nach der sich maximal fünf Personen aus zwei Haushalten begegnen dürfen. Kurzum: Durch diesen neuen Beschluss bekommen geimpfte Personen einen Großteil ihres gewohnten Lebens zurück. Normalität. Ein Schritt in Richtung Freiheit.

Eine Generation in Klammern

Eigentlich machen die anstehenden Lockerungen Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie. "Grundrechte können nicht dadurch beschränkt werden, dass einige sich nicht impfen lassen wollen oder noch nicht geimpft worden sind", rechtfertigt beispielsweise Alexander Dobrindt (CSU) die Lockerungen.

Doch eines wird meiner Meinung nach von der Bundesregierung momentan viel zu wenig in Überlegungen mit einbezogen: Nicht jede:r von uns hatte bereits die Chance, sich impfen zu lassen, das sagt ja auch Dobrindt selbst. Denn zu Beginn der Impfungen wurde ein Priorisierungssystem festgelegt: Alte und kranke Menschen und auch Menschen in systemrelevanten Berufen werden zuerst geimpft. Dies ergibt natürlich Sinn und ist absolut gerechtfertigt, denn all die Menschen, die den ersten beiden Priorisierungsgruppen angehören, stehen da ja nicht ohne Grund. 

Für Studierende und Schüler:innen hingegen sieht es nach dem Priorisierungsplan schlecht aus, denn wir stehen auf Rang vier (von vier) im Priorisierungssystem. Es gibt aber auch Ausnahmen: So können sich nun auch alle Angestellten der Uni (campus-mainz.net berichtete), also auch Hiwis, für einen Impftermin registrieren. Diese Personen gehören nun der Priorisierungsgruppe drei an. Das war auch für mich zunächst eine Erleichterung, da ich selbst an der Uni arbeite. Die Freude und auch die Hoffnung, endlich auch wieder uneingeschränkter leben zu können, war groß.

Doch die Frustration kam bereits kurz danach erneut auf, denn eine Registrierung allein bedeutet nicht automatisch, dass man dann auch schnell an einen Impftermin kommt. Ich warte nun seit knapp drei Wochen auf meinen Impftermin, und zu warten, während ich sehe, dass nun Geimpfte wieder weitestgehend "normal" leben können, zieht mich oft nur noch mehr runter. Und wenn ich schon, als Angehörige der dritten Priorisierungsgruppe, so lange warten muss, wie geht es dann wohl Studierenden, die momentan noch keine konkreten Aussichten auf eine Impfung haben und bei ihren Hausärzt:innen vergebens nach übriggebliebenen Impfdosen fragen?

Und somit heißt es also auch weiterhin warten, Abstand halten und soziale Isolation. Und das wird oftmals völlig unterschätzt: Auch und gerade junge Menschen haben meiner Erfahrung nach enorm mit der Pandemie und allen Einschränkungen zu kämpfen. "Eine Generation in Klammern" – so wird unsere Generation beispielsweise vom ZDF beschrieben. Denn von Zukunftsplänen, dem klassischen Erwachsenwerden und einer unbeschwerten Jugend fehlen momentan jegliche Spuren. Dass jetzt Lockerungen für bereits geimpfte Personen kommen, ist dabei ein zusätzlicher Stressfaktor.

Gemeinschaftsgefühl adé!

Auch ich als Studentin habe mich an die Regeln gehalten, habe auf meine Mitmenschen geachtet, mich mit den besten Freund:innen nur noch online in größeren Gruppen getroffen. Ich habe mich weitestgehend sozial isoliert.

Sowohl die schulische Ausbildung als auch weitere Ausbildungsmöglichkeiten konnten viele von uns Studierenden nur sehr beschränkt weiterführen. Es kam zu Ausfällen von eigentlich notwendigen Pflichtpraktika (campus-mainz.net berichtete) oder auch zu einer Einschränkung der Präsenzlehre. Die digitale Lehre ist seit dem Sommersemester 2020 die (mit wenigen Ausnahmen) einzig mögliche Lehrform. Bei Vorlesungen ist das kein großes Problem, aber ein Laborpraktikum aus dem Homeoffice ist natürlich nicht machbar, das habe ich schnell gemerkt. Die Universität gibt sich zwar Mühe, die Lehre auch weiterhin laufen zu lassen, und dennoch lassen sich viele Dinge eben nur vor Ort im Praktikumsraum lernen.

Aber wir alle sitzen im selben Boot, nur gemeinsam kommen wir aus der Pandemie raus – und das haben wir uns auch zu Herzen genommen, schließlich war dieses "Gemeinschaftsgefühl", an das die Bundesregierung immer wieder appelliert hat, die einzige Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie.

Die nun beschlossenen Lockerungen für bereits geimpfte Bürger:innen haben aber wenig mit Gemeinschaft zu tun. Viele Menschen fürchten nun sogar, dass dies das komplette Gegenteil, also eine Spaltung der Gesellschaft, eine sogenannte Zwei-Klassen-Gesellschaft, nach sich ziehen könnte. Und das sorgt nun immer stärker für Unmut.

Denn während die Wirtschaft nahezu uneingeschränkt weiterläuft, sitzen wir Studierenden weiterhin alleine vor dem Laptop in unseren Zimmern. Während bereits Geimpfte wieder weitestgehend sorglos leben können, muss ich mir weiterhin Gedanken machen, mit wem ich mich überhaupt treffen kann – nicht, dass wir am Ende zu viele Haushalte sind. Und die Unbeschwertheit von "eben mal essen gehen" oder "mal spontan in den Biergarten gehen" ist leider auch nicht da, denn ich muss mich ja weiterhin vorher testen lassen – und bei einem kostenlosen Bürgertest pro Woche muss ich mir da genau einteilen, für welches "Highlight" meiner Woche ich diesen Test verwende. 

Natürlich möchte ich mich an dieser Stelle nicht beschweren, schließlich gibt es ja viele Mitmenschen, denen es noch schlechter geht, die zum Beispiel in der Kultur- oder Gastronomiebranche arbeiten und um ihre Existenz kämpfen. Natürlich möchten wir auch alle, dass wir bald wieder zurückkehren können zur Normalität und einem Leben, wie wir es vor der Pandemie gewohnt waren.

So wie sich die Lage momentan entwickelt, wird laut dem Bundesministerium für Gesundheit erst im Sommer 2021 jeder impfwilligen Person ein Angebot gemacht werden können. Da aber die Lockerungen erst nach der zweiten Impfung gelten, kann es mitunter bis Herbst 2021 dauern, bis wir dann auch alle davon profitieren können. Müssen wir uns jetzt also weitere fünf Monate isolieren, während viele andere wieder ihr normales Leben leben können?

Alles nur Impfneid?

Als Nation der Dichter und Denker liegt es uns vielleicht etwas im Blut, gerne und viel mit Sprache umzugehen. Und wie soll es auch anders sein, auch im Laufe der letzten Monate haben sich so einige neue Worte in unseren täglichen Sprachgebrauch mit eingegliedert. Mithilfe der Sprache verdeutlicht man mit Nachdruck, wie man sich aktuell fühlt. So beschreibt "mütend" etwa die Mischung aus "müde" und "wütend", mit der derzeit auch Studierende wie ich verstärkt zu kämpfen haben.

Das neueste Wort, das im Zuge der Corona-Pandemie entstanden ist, ist der sogenannte "Impfneid": Ein Phänomen, bei dem man neidisch ist auf bereits geimpfte Personen – neidisch deshalb, weil man (angeblich) selbst Angst hat vor einer möglichen COVID-19-Infektion und weil man Angst hat, dass man zu kurz kommt. Wenn ich mich momentan gegen Lockerungen für Geimpfte ausspreche, dann gelte ich jetzt also als impfneidisch. Neid – man gönnt einer anderen Person etwas nicht, verspürt ein Gefühl von Angst, Wut und Traurigkeit – das ist nicht der eigentliche Grund meines Frusts.

Denn generell liegt das Problem nicht daran, dass ich meinen Mitmenschen ihre Impfung nicht gönne. Wir wissen alle, dass dieser Schritt der Weg aus der Pandemie und somit auch der Weg zurück zu Normalität ist. Ich bin wirklich froh, dass es nun langsam endlich vorangeht. Aber dennoch ist es eben schwer nachzuvollziehen, warum gerade wir jungen Menschen, Studierende, Azubis, Schüler:innen, so wenig Beachtung bekommen.

Auch wir leiden unter der Krise. Auch unter uns gibt es viele, die ihre Jobs verloren haben. Die an Einsamkeit und sozialer Isolation leiden. Die Zukunftsängste haben. Und deshalb finde ich zum momentanen Zeitpunkt eine radikale Lockerung der Corona-Maßnahmen für geimpfte Bürger:innen nicht gerechtfertigt. Daher ist es jetzt an der Zeit, dass wir Studierende an das Gemeinschaftsgefühl und die Solidarität der Bundesregierung appellieren: Es muss jetzt ein Weg gefunden werden, der auch den Menschen, die nicht geimpft sind, ein Stück Hoffnung und Normalität ermöglichen kann. Wir sind bis jetzt gemeinsam durch die Pandemie gegangen – also lasst uns auch gemeinsam aus ihr herausgehen.

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