Kinokultur erhalten: Diskussionspanel zum Capitol & Palatin

09.02.2022
Freizeit
dv

Elisabeth Sommerlad, Christian Pfeil und Dr. habil. Andreas Rauscher beim Diskussionspanel zur Erhaltung der Kinos Capitol & Palatin, organisiert durch das FILMZ-Festival des Deutschen Kinos und der Fachschaft Filmwissenschaft (von links nach rechts).

Der Moderator Alexander Wasner, Elisabeth Sommerlad, Christian Pfeil, Dr. habil. Andreas Rauscher und Uwe Stellberger beim Diskussionspanel zur Erhaltung der Kinos Capitol & Palatin, organisiert durch FILMZ-Festival des Deutschen Kinos und der Fachschaft Filmwissenschaft (von links nach rechts).

Die Sorge um Capitol & Palatin wächst. Am 29. Januar fand daher eine Paneldiskussion zum Erhalt der Mainzer Kinokultur statt – organisiert durch FILMZ-Festival des deutschen Kinos und der Fachschaft Filmwissenschaft.

Nachdem bereits das "Residenz & Prinzess" einem Abriss nicht entkam, stehen nun auch die Programmkinos Capitol & Palatin vor dieser Bedrohung. Aufgrund des Aufkaufs des Gebäudes, indem sich das Palatin befindet, durch die Immobilienfirma Fischer & Co., ist der Erhalt der Kinos nicht mehr garantiert. Mainz und seine Kinoliebhaber:innen müssten sich dann von seinen letzten verbliebenen Programmkinos verabschieden und somit von einem „zentralen Ankerpunkt der Kulturlandschaft einer Region“, so die Filmgeografin Elisabeth Sommerlad, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Johannes Gutenberg-Universität und eine der Gäst:innen im Diskussionspanel. 

Das Capitol ist das älteste Kino der Stadt Mainz. Gemeinsam mit dem jüngeren Palatin wurde es 2009 von den heutigen Betreibern Jochen Seehuber und Eduard Zeiler übernommen – das eine Kino wäre ohne das andere nicht mehr tragbar, so die Betreiber (campus-mainz berichtete). 

Zur Paneldiskussion vom 29. Januar, die im Capitol stattfand, waren neben Elisabeth Sommerlad auch drei weitere Gäst:innen eingeladen. Einer von ihnen war Christian Pfeil, Vorstand der AG Kino und Geschäftsführer des Arena Filmtheaterbetriebs GmbH München. Er ist außerdem Gesellschafter des Kinos Schillerhof Jena und des Metropol Kinos in Gera. Dr. Andreas Rauscher, Privatdozent für Filmwissenschaft, und Uwe Stellberger, der Theaterleiter der Caligari FilmBühne Wiesbaden, vervollständigten die Runde. Nach einer Begrüßung durch Nina Ullmann übernahm der Journalist Alexander Wasner die Moderation der Diskussion.

Selbsternannte Medienstadt: Mainzer kennen und lieben die Kinokultur

Mainz sei eine Kinostadt, so Filmwissenschaftler Rauscher. In den 1950er Jahren war sie der Heimatort von 15 bis 16 Kinos, darunter auch das bekannte Pornokino im Palatin (campus-mainz.net berichtete). Auch die Filmwissenschaft ist bereits seit den 90er Jahren in Mainz vertreten und habe zusätzlich viel zur Entwicklung der Kinos beigetragen, wie beispielsweise die Lesungen im Capitol & Palatin, die viele Filmemacher in die Stadt brachten. Es wäre schade, so Andreas Rauscher, wenn die Stadt Mainz – die sich selbst als Medienstadt sieht – die einzige Landeshauptstadt werden würde, die kein Programmkino mehr aufweisen könnte. 

„Mainz hat aktuell eine ideale Kinosituation“, bestätigte auch Christian Pfeil. Es gibt den großen Komplex – das Cinestar – und die Programmkinos. Was das Cinestar, auch als Mainstreamkino bezeichnet, und das Programmkino voneinander unterscheidet, ist vor allem die Art der Filme. In Programmkinos werden größtenteils Arthouse-Filme gespielt. Sie werden mit geringem Budget gedreht und auch auf berühmte Schauspieler:innen wird zumeist verzichtet. Sie unterscheiden sich von Blockbustern, die wiederum in Mainstreamkinos laufen, durch komplexe und unkonventionelle Erzählstrukturen und Dialoge sowie durch die Fokussierung auf starke Charaktere. Die Bildsprache bildet eine unbekannte Ästhetik ab. Arthouse-Filme behandeln häufig gesellschaftliche und philosophische Themen, während Blockbuster sich darauf konzentrieren, das Publikum zu unterhalten.

Der Landeshauptstadt von Hessen, Wiesbaden, bleibt beispielsweise ein altes Programm-, mittlerweile Kommunalkino erhalten. Kommunalkinos werden durch die Stadt gefördert und sind in der Programmgestaltung unabhängig, während Programmkinos privat be- und vom Inhalt getrieben werden. Die Caligari Filmbühne wurde 1926 erbaut und in den 1970er Jahren als Volkstheater genutzt. Nach der Restaurierung im Stil der 50er Jahre ist das Programmkino seit den 90ern täglich in Betrieb. Da es trotz der reduzierten Anzahl an Sitzplätzen – von 1000 auf 425 – mittlerweile von der Stadt finanziert wird, zählt es nun zu den Kommunalkinos und müsse sich keine Sorgen um eine Schließung machen, ist sich Leiter Uwe Stellberger sicher.

Wie also das Kino verankern?

Die Filmgeografin Elisabeth Sommerlad erläuterte, wie wichtig das Kino für die Kulturlandschaft einer Region sei. Es sei Teil der städtischen Landschaft und ein Begegnungsort, der Austausch zuließe. Das Kino spiele gerade in Zeiten der Zerstreuung durch Social Media eine immer wichtigere Rolle. „Filme lassen den Kontakt mit der Welt und zu verschiedensten Themen zu“.

Trotzdem würde es häufig nicht ernst genommen, sagte Sommerlad. Eine Lösung hierfür wären „mixed-used Quartiere“. Das bedeute eine Neuplanung der Kinos mit mehreren Funktionen, zum Beispiel ein Mix aus Kino und Wohnraum. Das erscheine sinnvoller, als eine Kulturlandschaft von Grund auf wiederherzustellen. Die Erhaltung der Kultur sei wesentlich einfacher als der Neuaufbau. 

Christian Pfeil schlug vor, die Stadt Mainz solle sich einschalten und dem Kino Nutzungsauflagen geben, sodass zum Beispiel das von ihr geförderte FILMZ-Festival einen garantierten Spielort erhält. Das Festival zeige vor allem das hohe Engagement der Studierenden in Mainz, so auch Elisabeth Sommerlad. Die Filme, die jedes Jahr von der Bundesrepublik für 400 Millionen Euro produziert werden, bräuchten auch einen Ort, an dem sie gezeigt werden, fügte Pfeil hinzu. Es sei ein Unterschied, Filme über einen Streamingdienst oder in einem Kino zu schauen. In einem Kino erlebe man sie deutlich aufmerksamer. Es habe solch eine große Bedeutung, dass es unter Denkmalschutz gestellt werden solle.  

Vorwürfe auch aus der Mainzer Bevölkerung

Auffällig sei, so ein Statement aus dem Publikum, dass keine Politiker:innen oder Personen von der Stadt im Gespräch dabei oder als Gäst:innen vor Ort seien. Vertreter:innen der Stadt wurden zwar zur Diskussionsrunde eingeladen, erschienen aber nicht, so die Organisator:innen des Panels. Eine weitere Person warf ein, die Stadt sei nur auf den Profit aus, siedele neue Unternehmen an und mache dafür „Kulturzentren platt“. 

Junge Menschen fühlten sich nicht wohl und gesehen, würden nur Unternehmen angesiedelt und Kultur gegen Luxusviertel ausgetauscht, bestätigte Elisabeth Sommerlad. Wichtiger sei es für die Stadt, in kleinere Dinge zu investieren. Die Stadt solle Kinos fördern und im nächsten Schritt die umliegenden Begegnungsstätten, so erneut Christian Pfeil.

Kinoliebhaber:innen können zum Erhalt der Kinos beitragen

Wichtig sei jetzt, weiterhin auf die Situation aufmerksam zu machen, so eine Gäst:in aus dem Publikum. Der Immobilienfirma Fischer & Co. sei bewusst geworden, dass die Gebäude nicht einfach abgerissen werden könnten. 

Christian Pfeil ist der Meinung, Kinoliebhaber:innen können mit moralischem Druck und der Verdeutlichung dessen, dass Kinos immer noch wichtig sind – trotz Streaming – ihren Teil zum Erhalt der Kinos beitragen. Politiker:innen müssten außerdem erkennen, dass bei einer Zerstörung der Kinos nicht nur die Kultur, sondern gleichzeitig auch die umliegenden Gastronomien kaputt gingen, so das Schlusswort von Uwe Stellberger.  

Das Panel verdeutlichte: Kinos spielen eine wichtige Rolle für die Gesellschaft. Gerade aus der Interaktion und dem Zusammenkommen der Menschen im Kino entsteht doch erst die Stadt. Aus der Diskussionsrunde wird außerdem deutlich, dass Kompromisse gefunden werden könnten. Ideen und Lösungsvorschläge sind bereits vorhanden, jetzt ist es an der Stadt und an den Politiker:innen, etwas dafür zu tun, die Kulturlandschaft in Mainz trotz des Ausbaus von Wohnraum weiterhin zu erhalten.  

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