JGU Mainz unterstützt Proteste an Istanbuler Universität

18.04.2021
Campus-News, Studium...
tb

Die Studierenden an der Boğaçizi-Universität sehen eine Gefährdung der akademischen Freiheit durch die Regierung von Staatspräsident Erdoğan.

Der Senat und das Präsidium der JGU Mainz zeigen sich besorgt über die Entwicklungen an der Boğaziçi-Universität in Istanbul. Auch Studierendenvertretungen bekunden ihre Solidarität.

Im März 2021 veröffentlichte die JGU Mainz eine Stellungnahme zu den Vorgängen an ihrer türkischen Partneruniversität, der Boğaziçi-Universität in Istanbul. Besonders Anfang Januar erhielten die Studierendenproteste, die infolge einer Neubesetzung des Hochschuldirektors ausbrachen, eine breite mediale Aufmerksamkeit (campus-mainz.net berichtete).

Ernennung des Rektors und Umgang mit Protesten verurteilt

Der türkische Staatspräsident Erdogan (AKP) ernannte am 1. Januar 2021 per Dekret Melih Bulu (AKP) zum neuen Direktor der Boğaçizi-Universität, obwohl dieser Posten üblicherweise in einer universitätsinternen Wahl vergeben wird. Die JGU bezeichnet diese Ernennung als politisch motiviert und sieht darin eine "Missachtung der Grundsätze der Universität". Darüber hinaus würden dadurch die Wissenschaftsfreiheit und die institutionelle Autonomie, denen eine erhebliche Bedeutung im universitären Gebilde zukomme, massiv eingeschränkt. 

Aufgrund der Ernennung formierten sich friedliche Proteste von Studierenden, die eine Wahl der Rektorin oder des Rektors forderten. Die Studierendenproteste sind durch unverhältnismäßig brutale Polizeieinsätze unterdrückt worden. Neben der Besetzung des Direktors wird auch diese Gewalt von Senat und Präsidium verurteilt und zudem gefordert, dass die festgenommenen Studierenden unverzüglich freigelassen werden. 

Verantwortung durch Parallelen mit der deutschen Geschichte 

Das Präsidium und der Senat der JGU zeigen sich zudem "entsetzt" über Diffamierungen von Professor:innen, die vonseiten des Staatspräsidenten und ihm nahestehenden Medien als Terrorunterstützer:innen diskreditiert wurden. Auch die LGBTI+-Community werde – ohne im Zusammenhang mit den Protestbewegungen zu stehen – zum Feindbild erklärt.  

Die deutsche Geschichte, die ähnliche Attacken auf Demokratie, Meinungsfreiheit und Pluralismus erlebt habe, wird von den Verfasser:innen der Stellungnahme als mahnendes Beispiel angeführt. Zugleich dient sie ihnen als Beleg dafür, der eigenen Verantwortung im Einsatz für die Freiheit der Wissenschaft gerecht zu werden. 

Die Boğaziçi-Universität galt in der Türkei bis zu Bulus Ernennung zum Direktor und der darauffolgenden Niederschlagung der Proteste als eine der letzten Hochschulen, an denen Diskurs und freie Lehre noch möglich sind. 

ERASMUS-Kooperation mit Boğaziçi-Universität bleibt bestehen 

Für den Fachbereich 07 (Geschichts- und Kulturwissenschaften) wird die betroffene Universität als ERASMUS+-Partneruniversität angegeben. JGU-Studierenden des Fachbereichs 07 stehen pro Semester zwei Plätze zur Verfügung, um an der Boğaçizi-Universität ein Auslandssemester zu absolvieren.  

Auf Anfrage bekennt sich die JGU zur Kooperation mit der Boğaziçi-Universität. Zurzeit seien zusätzlich zu der veröffentlichten Stellungnahme am 5. März 2021 jedoch keine weiteren Maßnahmen geplant. Der Fortsetzung der Partnerschaft liegt die Überzeugung zugrunde, dass "auch unter schwierigen Bedingungen Kooperation und Dialog weiter aufrecht zu erhalten" seien. Daher sei es kontraproduktiv, türkischen Studierenden den Zugang zu den ERASMUS-Programmen zu verwehren.

Dennoch seien Solidaritätsbekundungen mit jenen Mitgliedern, die sich gegen die Vorgänge an der Boğaçizi-Universität und anderen türkischen Universitäten wehren, wichtig. Denn vor dem Hintergrund, dass mittlerweile alle türkischen Universitäten von staatlichen Verwaltern geleitet würden, habe die Boğaçizi-Universität eine Symbolfunktion und äußere sich stellvertretend für die übrigen Universitäten der Türkei. 

Ebenso könne die Präsenz ausländischer Studierender auf den Campus der Türkei ein Gegengewicht zu den aktuellen Entwicklungen bilden. Zum momentanen Zeitpunkt könne die Sicherheit der Austauschstudierenden und die Qualität der Lehre sowie die akademische Freiheit gewährleistet werden. Sollten sich diese Faktoren jedoch ändern, müsse die Lage neu bewertet werden, so die JGU auf Anfrage. 

Turkologie-Fachschaft: Pandemie verhindert größere Proteste

Auch die Turkologie an der JGU ist durch ein bilaterales Abkommen mit der Boğaçizi-Universität verbunden. Mainzer Studierenden wird dadurch ein ERASMUS-Auslandssemester an der Istanbuler Universität ermöglicht. Auf Anfrage schließt sich die Fachschaft Turkologie der Stellungnahme "vollumfänglich" an und bezeichnet die Vorgänge an der Universität als "erschreckend". 

Trotz der Verurteilung der Entwicklungen an der türkischen Partneruniversität schätzt sie eine Einflussnahme des Auslandes als "kontraproduktiv" ein, da die Erdogan-Regierung diese nutzen würde, um weitere Repressionen zu rechtfertigen. Diese Repressionen würden den Regierenden helfen, innenpolitische Stärke zu signalisieren, und würden ihnen ermöglichen, von den wirtschaftlichen Problemen abzulenken. 

Die Proteste hätten darüber hinaus das Potenzial gehabt, eine ähnliche Wirkung wie die Gezi-Park-Proteste 2013 zu erzielen. Jedoch würden Kontaktbeschränkungen, die auch in der Türkei als Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie gelten, das Ausmaß der diesjährigen Proteste erheblich beeinflussen und so den Mächtigen in die Hände spielen, beklagt die Fachschaft. 

Bereits vor der offiziellen Stellungnahme der JGU hatte sich außerdem der AStA des FB 06 (Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft) der JGU in Germersheim in einem Facebook-Post mit den Studierenden der Istanbuler Universität solidarisch gezeigt. Mit dem Hashtag #DieUniversitätGehörtUns macht er sich in diesem Rahmen für akademische Selbstbestimmung stark.

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