Interview | Matthias Senkel, der Vater der Maschine

09.12.2018
Freizeit
lh & eb

Matthias Senkel liest aus "Dunkle Zahlen". Im Interview erzählt er, wie er Prokrastination vorbeugt und von seinem Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

"Dunkle Zahlen" ist ein großer Roman über sowjetische Geschichte und über Computertechnologie. Der Autor im Interview.

Matthias Senkel ist ein Mensch, ist ein Autor, ist eine Maschine, ist ein Übersetzer – all das in Personalunion vereinend sitzt er am letzten Novemberabend vor seinem Publikum. Die Hochschulgruppe Die vorLesung hat den Autor an die Uni eingeladen, er liest aus seinem aktuellen Roman "Dunkle Zahlen". Aus seinem Roman? Der Text weist sich selbst aus als das Werk der GLM-3, der golemartigen Literaturmaschine. Matthias Senkel erscheint bescheiden als Übersetzer aus dem Russischen. Denn Russisch ist die Sprache der Maschine, die ihre eigene und viele Geschichten drum herum erzählt. Weit über hundert Jahre sowjetische Historie verhandelt das Computer-Poem anhand von individuellen Biografien.

Matthias Senkel, der Vater der Maschine, hat einen großen russischen Roman geschrieben, der 2018 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde und auf der Longlist des Deutschen Buchpreises zu finden war. Sein Interesse an der Computergeschichte, von der die Literaturmaschine als ihrem eigenen Schöpfungsmythos erzählt, begründet der Autor mit seinem Interesse an der Lücke: Die fortschrittliche sowjetische Computertechnik würde in IT-historischen Abhandlungen kaum eine Rolle spielen, erklärt er im Publikumsgespräch.

Man merkt seinem Roman die Neugier und die daraus erwachsene umfangreiche Recherche an und so ist "Dunkle Zahlen" nicht nur ein erfreuliches Leseerlebnis, sondern auch ein lehrreicher Blick über den westlichen Tellerrand. Über Handlungsstränge, die sich teilweise überschneiden und teilweise mehrere Jahrzehnte und tausende von Kilometern auseinanderliegen, wird ein eindrückliches Bild vom Leben und insbesondere von Computerisierung in der Sowjetunion gezeichnet. Damit stellt sich zugleich keine geringere Frage als die nach der "Übersetzbarkeit von Welt", wie Senkel es selbst formuliert. Im Gespräch gibt der Autor Einblick in seinen Arbeitsprozess und seine Studienzeit.

CM: Beginnen wir mit einer Frage zum Schreibprozess. Ihr Werk ist vielschichtig, man kann es auf verschiedene Weisen lesen. Einmal nach dem "Fahrplan", der auf der ersten Seite zu finden ist, oder in chronologischer Reihenfolge. Haben Sie den Text zusammenhängend geschrieben oder sind Sie gedanklich immer wieder gesprungen?

Senkel: Ich habe grob in der Struktur geschrieben, die man jetzt auch im Buch findet. Aber beim Schreiben passiert auch viel. Der Text verlangt manchmal andere Sachen, die man vorher nicht planen konnte, und wenn das fruchtbar war, habe ich das mit in die Struktur aufgenommen.

Also ist das Schreiben so flexibel wie die Lektüre.

Genau.

Sie haben mehrere Jahre an dem Buch geschrieben. Haben Sie Tipps, wie man an so einem Schreibprojekt dranbleibt?

Das wichtigste ist der Anfang. Man muss ein Material wählen, das einen ganz stark fasziniert, dann fällt das Dranbleiben viel leichter. Wenn man etwas angeht, mit dessen Aufgabenstellung man sich schon quält, sollte man sich lieber etwas suchen, was man spannender findet. Oft sind auch Probleme die Ursache, die gar nichts mit dem Text oder dem Projekt zu tun haben. Da heißt es dann: Zähne zusammenbeißen.

Sie haben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert, das ist ein eher seltener Studiengang. Würden Sie Studienanfängern, die Schriftstellerträume haben, empfehlen, Schriftstellerei zu studieren?

Ich würde es nicht pauschal empfehlen. Ich habe festgestellt, dass es ganz unterschiedliche Effekte auf Studierende hat, an diesem Institut zu sein. Man lernt nicht nur, wie man Texte verbessern kann, sondern auch, wie man mit Kritik umgehen kann, wie kann man selbst Texte kritisieren kann… Das ist bei jedem unterschiedlich. Ich denke schon, dass es nicht unbedingt das Erststudium sein sollte oder sein muss. Es ist ganz gut, wenn man einen Erfahrungsschatz mitbringt und sich schon ein bisschen anderweitig umgeschaut hat.

Wie darf man sich den Uni-Alltag an so einer Hochschule vorstellen?

Zu meiner Studienzeit waren die Hauptkomponenten des Studiums Theorie- und Werkstatt-Seminare. Also einerseits wurden Texte, die schon publiziert sind, analysiert und besprochen und andererseits wurden Schreibaufgaben gegeben, abhängig davon, welches Fach man gewählt hat, Lyrik oder Prosa. Zu den Aufgaben schreibt man kurze Texte und in Seminaren arbeitet man weiter an den eigenen Texten. Das Studium an sich ist sehr dynamisch, weil es nicht so viele Dozenten gibt. Das sind Professoren und Gastdozenten, die selbst Schriftsteller sind, die eigene Projekte mit ans Institut bringen. Das ist so ähnlich wie an Kunsthochschulen.

Abschließend noch eine Frage: Was ist ihre beste und ihre schlechteste Erinnerung an ihr eigenes Studium?

Ich habe eine Erinnerung, die beides abdeckt. Ich besuchte eine Veranstaltung zur Kurzgeschichte bei einem deutschen Schriftsteller, der das ganze Seminar damit verbrachte uns zu sagen, dass man das Schreiben von Kurzgeschichten eigentlich überhaupt nicht lehren kann. Man muss nur lesen, lesen, lesen … Am letzten Tag des Seminars waren zwei amerikanische Schriftsteller für eine Lesung zu Besuch und kamen in das Seminar, weil sie auch Kurzgeschichten, oder short stories, verfassten. Da kam in der Diskussion noch einmal die Frage auf, "Wie schreibt man Kurzgeschichten?". Und die zwei haben uns in fünfzehn Minuten einen Crashkurs zur Kurzgeschichte gegeben, der zwar nicht alle Fragen geklärt hat, aber doch deutlich gemacht hat: Man kann das sehr wohl und sehr präzise lehren.

Herr Senkel, danke für das Interview.

 

Die Hochschulgruppe Die vorLesung konzipiert eine Reihe von Autorinnen- und Autorenlesungen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Man kann ihr auf Facebook folgen.

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