Interview | Haus Mainusch – Campuskultur mit Duldungsverhältnis

05.03.2022
Freizeit
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Das Haus Mainusch im Staudingerweg des Universitätsgeländes darf bis vorerst 2025 bestehen bleiben.

2019 sollte das Haus Mainusch für ein neues Medienhauses weichen, doch das Projekt wurde kurzfristig abgesagt. Seitdem blickt der linksautonome Verein und Veranstaltungsort in eine ungewisse Zukunft.

Das Haus Mainusch im Staudingerweg mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken, liegt es doch am Rande des Campus der Johannes Gutenberg-Universität. Ein Haus, mitten im Grünen mit dazugehöriger Bauwagensiedlung, dessen unzählige Graffitis und Sticker auf seine zahlreichen Besucher:innen in der Vergangenheit hinweisen. Es ist ein Ort, der nicht ganz zum restlichen Bild des Campus zu passen scheint, und doch gehört er schon lange zur Campuskultur dazu.
  
Das "Hexenhäuschen", wie der "Verein für ein unabhängiges Kommunikationszentrum an der Universität Mainz e.V." sein Gebäude selbst darstellt, blickt auf eine mehr als dreißigjährige Geschichte zurück, die auch mit Kontroversen und Widerständen einhergeht. Mehrmals wurden hier schon Abrisspartys gefeiert, da das Haus für den Bau eines neuen Medienhauses (campus-mainz berichtete) durch den Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung (LBB) weichen sollte. Seit 2019 spricht der Eigentümer nur noch ein halbjährliches Duldungsverhältnis aus, doch im Juni 2021 wurde der Vertrag bis vorerst 2025 verlängert. Das Haus Mainusch kämpft bis dahin weiter um sein Bestehen als kultureller und politischer Ort auf dem Campus – und auch gegen Vorwürfe des Linksextremismus aus Reihen der Jungen Union Mainz.

Das Interview wurde mit zwei Mitgliedern des Vereins geführt, die stellvertretend für das Haus Mainusch sprechen.

Was ist das Haus Mainusch?

Das Haus Mainusch ist ein selbstverwaltetes, unabhängiges und linksorientiertes Kommunikationszentrum und Verein, ein Ort zum Vernetzen und Zusammenkommen. Bei uns finden verschiedene Events statt, wie zum Beispiel Konzerte oder Lesungen. Wir bieten auch die notwendige Unterstützung für die Planung solcher Veranstaltungen. Man muss es sich als ein Projekt vorstellen, an dem alle gemeinsam fortlaufend arbeiten. Wir wollen Dinge selbst auf die Beine stellen und das Projekt gemeinsam am Laufen halten. Das Haus soll ein Ort sein, an dem man sich direkt politisch engagieren und das Leben mitgestalten kann – sowohl auf dem Campus als auch darüber hinaus. Es soll ein Platz für alle sein. 

Wie lange existiert das Haus Mainusch schon?

Die Geschichte des Hauses begann mit seiner Besetzung am 8. Juni 1988, also schon seit 33 Jahren. Es war ehemals das Haus eines Professors namens Mainusch, daher auch der Name. Die Besetzung geschah infolge des Rückgangs studentischer Rückzugsräume auf dem Universitätsgelände. Forderungen nach neuen Räumen wurden nicht wahrgenommen, deshalb besetzen einige Student:innen das leerstehende ehemalige Professorenhaus, um eben diesen geforderten Raum für politischen, sozialen und kulturellen Austausch selbst zu schaffen.

Was ist das Haus Mainusch für seine Mitglieder persönlich?

Das Haus ist ein großer Teil unseres Lebens und dient auch als eine Art Rückzugsort. Darüber hinaus sehen wir es als eine Art Anlaufpunkt für alle diejenigen, die aufgrund von Stigmata oder ihrer Herkunft diskriminiert werden. 

Ein Ort ohne Hierarchien, Ismen oder Labels

Gibt es im Haus Mainusch Dinge, die man besonders beachten sollte?

Wir haben eine Art Leitfaden für angemessenes Verhalten hier im Haus. Grundlegend wichtig ist uns, dass sich hier jeder willkommen fühlen soll und dazu gehört eine gewisse Portion Teamfähigkeit und Rücksichtnahme. Uns ist es wichtig, dass es ein Ort ohne jegliche Hierarchien, Ismen oder Labels ist – Rassismus und Sexismus sind hier fehl am Platz. Das bedeutet, dass jede Meinung bei uns gleich viel zählt, egal wer man ist. Wir versuchen, soweit wie wir es ermöglichen können, ein Safe Space zu sein. Als offener Raum sind wir jedoch auch auf die richtige Kommunikation angewiesen: Wenn einem etwas negativ auffällt, kann man es ansprechen, versuchen zu ändern und reflektieren. Wir versuchen jegliche Form der Diskriminierung abzubauen, wissen aber auch, dass es schwer ist, völlig frei davon zu sein.

Ein offenes Miteinander ohne Hierarchien kann doch bestimmt mit Konflikten verbunden sein. Wie versucht ihr Schwierigkeiten zu überwinden?

Leider können wir nicht garantieren völlig frei von Hierarchien zu sein. Jede Meinung zählt für uns zwar gleich viel, jedoch ist es auch ein Ideal, das wir anstreben. Daher setzen wir viel auf gegenseitiges Vertrauen und die Erfahrungen mit unseren Mitmenschen aus der Vergangenheit. Man lernt dann mit der Zeit, auf wen man sich verlassen kann. Außerdem haben wir unser wöchentliches Plenum, in dem sich jeder freiwillig einbringen kann, und in dem wir nächste Veranstaltungen planen. Wer nun mal viel mitmacht, hat bei uns auch viel Möglichkeit mitzugestalten oder eben nicht – das kann jeder für sich entscheiden.

Welche Veranstaltungen finden hier statt?

In der Vergangenheit fanden bei uns häufig Partys statt, meist mit Künstler:innen aus dem linken Spektrum und manchmal sogar aus dem Ausland. Die Musik reicht von Techno, Punkrock und Metal bis Popmusik und Folk. Außerdem finden bei uns Filmvorführungen, Lesungen und politische Vorträge wie aktuell zu der "No Border Kitchen" statt, ein Projekt, bei dem Freiwillige die Essensversorgung von Geflüchteten in Griechenland sicherstellen. Generell kann jeder eine Veranstaltung vorher in unserem wöchentlichen Plenum anmelden. Die Veranstaltungen kosten zwar keinen Eintritt, allerdings freuen wir uns immer über Spenden, mit denen wir unsere Kosten decken. Das übrige Geld wird an Institutionen oder Organisationen gespendet. Neben diesen Veranstaltungen findet bei uns regelmäßig die "Küche für Alle" (KüfA) seit der Gründung des Hauses statt. Hier wird ausschließlich vegan gekocht.

Ein Duldungsverhältnis mit ungewisser Zukunft

Das Haus Mainusch sollte in seiner Vergangenheit schon mehrmals anderen Bauvorhaben weichen. Zuletzt wurde der Nutzungsvertrag 2017 vom LBB endgültig für den Bau eines neuen Medienhauses gekündigt, bis die Pläne 2019 doch wieder abgesagt wurden. Seitdem befindet ihr euch in einer Duldungssituation. Warum dürft ihr nicht auf Dauer bleiben?

Wir haben den Platz über die Johannes Gutenberg-Universität gemietet, doch das Grundstück gehört wiederrum dem LBB, der fast alle staatlichen Hochbauvorhaben im Bundesland betreut. Der Vertrag kann uns daher jederzeit für andere Bauvorhaben gekündigt werden. Bis zum Juni dieses Jahres haben wir vom LBB immer wieder Duldungen mit der Laufzeit von einem halben Jahr ausgesprochen bekommen, obwohl auf dem Universitätsgelände auch andere Plätze zur Verfügung stehen könnten. In diesem Jahr wurde das Duldungsverhältnis allerdings für vier Jahre verlängert, sodass wir erstmal Ruhe haben und längerfristig planen können. Durch die Verlängerung haben wir aber zunächst nur durch die Zeitung erfahren, auf Mails wurde uns von der Uni keine Antwort gegeben, sodass fast bis Ende der Duldungsfrist im Juli alles offengelassen wurde. Dann haben wir erfahren, dass für das Medienhaus ein anderer Standort gefunden wurde und zunächst kein Interesse mehr am Grundstück besteht.

Wie wirkt sich diese Situation auf das Haus Mainusch aus?

Natürlich ist es durch das Duldungsverhältnis schwierig Veranstaltungen für die Zukunft zu planen. Außerdem ist es uns dadurch auch nur schwer möglich Veränderungen oder Renovierungen am Haus vorzunehmen. Auf Dauer zermürbt die Aussicht, dass man sich engagiert, doch nicht weiß, ob es sich lohnen wird Zeit und Energie in das Haus zu investieren. Letztendlich leben wir aber von und mit dem Widerstand, der uns auch zusammenhält, indem sich weiterhin jeder kulturell und politisch einbringt.

Wünscht ihr euch von der Uni in dieser Hinsicht mehr Unterstützung?

Wir wünschen uns von der Uni auf jeden Fall eine bessere Kommunikation und ein offizielles Statement, dass wir zum Campus und dem studentischen, kulturellen Leben dazugehören. Natürlich verstehen wir aber auch, dass sich die Uni als staatliche Institution neutral verhalten muss und sich nicht zu einer linksautonomen Einrichtung positionieren kann. Nach unseren letzten Gesprächen ist die Uni uns allerdings auch was die Miete betrifft entgegengekommen, denn die Coronakrise hat auch uns finanzielle Sorgen bereitet. Hätten wir einen privaten Vermieter, würden wir wohl durchaus schlechter dastehen.

Radikale Forderungen – Distanz zu Gewalt

Der ehemalige Vorsitzende der Jungen Union Felix Leidecker bezeichnete das Haus Mainusch als linksextreme, verfassungsfeindliche Vereinigung, die eine Plattform für linksextreme Gruppierungen bietet. Wie äußert ihr euch zu solchen Vorwürfen?

Der Begriff linksextrem wird gerade vom gegensätzlichen politischen Spektrum als Kampfbegriff verwendet und mit Gewalt assoziiert. Uns geht es allerdings um eine andere Form der politischen Organisation und wir distanzieren uns von Gewalt. Unsere basisdemokratische Organisationsform könnte aber wohl durchaus von Menschen, die andere politische Ansichten teilen, als extrem oder anarchistisch empfunden werden - wir halten konsensbasierte Entscheidungsprozesse für einen sinnvollen Weg, Hierarchiebildung in unseren Strukturen zu verhindern. Wir sind nicht extrem im Sinne von gewalttätig, aber wohl radikal in unseren Forderungen.

Für einige könnte diese Meinung befremdend sein und dementsprechend auf Ablehnung stoßen. Wie nehmt ihr den Kontakt mit dem Campus und den Studierenden wahr?

Für manche sind wir ein Rückzugsort, für manche ein Partyraum und für andere wieder eine Art Fremdkörper. Man kann wohl so sagen, dass wir so eine Art Paralleluniversum auf dem Campus darstellen. Auch von unserer Seite kann es passiert sein, dass Studierende mit Misstrauen konfrontiert worden sind. Die Distanz kann nur genommen werden, wenn man offen aufeinander zugeht und sich mit uns und unserem Konzept befasst. Natürlich kommen dann Menschen zu uns, die sich auch von dem Konzept angesprochen fühlen und eine ähnliche Meinung teilen. 

Haus Mainusch möchte als Veranstaltungsort und für einen offenen Austausch weiterhin ein Teil der Campuskultur bleiben und kämpft dafür um jeden Tag. Trotz der Widerstände und Vorwürfe in der Vergangenheit ist die Motivation unter den Mitgliedern nicht gesunken, weiterhin für ihre Ideen einzustehen. Was nach der Duldungsverlängerung im Jahr 2025 kommt, wissen alle Beteiligten noch nicht, aber dennoch oder gerade deswegen will das Haus Mainusch weitermachen –  denn ein Campus ohne Hexenhäuschen im Staudingerweg ist für sie nicht vorstellbar.

Die Redaktion von campus-mainz.net bedankt sich bei Haus Mainusch für das spannende Interview.

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