Interview | Gespräch mit einem alten Hasen – Teil 1

03.01.2018
Studium, Über uns...
db

Die Universität ist 2018 über 70 Jahre alt. Zeit zurückzublicken mit einem Studi, der die Entwicklung der Uni eine ganze Weile mitverfolgt und gestaltet hat.

Im Jahr 2016 feierte die Universität ihr 70-jähriges Jubiläum der Wiederöffnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Groß wurde es gefeiert durch Universität, Stadt und auch wir hier bei campus-mainz.net haben das Jahr mit verschiedenen Beiträgen begleitet. Nachgereicht kommt nun ein Interview mit einem Urgestein des Campus: Einem Studi, der weit über den Tellerrand des eigenen Studiums hinausgeblickt hat und das Drumherum des studentischen Engagements fast mehr liebte als sein Studienfach. Unter anderem hat er sich politisch für die damalige Fachschaftenliste im StuPa engagiert, die rheinhessische Weinkultur mit seiner Studigruppe "Uni Vinum" gefördert und den Verein Campus Mainz e.V. gegründet und bis heute begleitet.

Die Rede ist natürlich von einem der bekanntesten Studierenden der Uni Mainz: Max Lindemann. Seine Semesteranzahl wollen wir hier lieber noch nicht nennen, aber man kann sagen, er hat viele andere Studigenerationen überlebt. Im vergangen Jahr hat er sein Studium erfolgreich beendet und gerade dann lohnt es sich zurück zu schauen auf Vergangenes der Uni, seiner studentischen Karriere und den Wandel allgemein. Hier ist Teil 1 über den Anfang einer Ära, den regelmäßigen Besuch von Vorlesungen und die Frage, ob Noten überhaupt wichtig sind.

 

CM: Warum hast du dich für die Uni Mainz entschieden?

Max: Ich habe überlegt etwas mit Amerikanistik zu studieren oder BWL - auf jedenfall etwas in englischer Sprache. Ich habe eine Tour von Freiburg über Mannheim nach Mainz gemacht und mir die Studienorte angeschaut. Am Ende habe ich mich entschieden nach Mainz zu gehen, weil mir der Campus so gut gefallen hat. Ich habe dann mit Amerikanistik, Politik und Geographie angefangen.

Wann hast du angefangen?

Im Wintersemester 2002/03. Gleich ab dem ersten Tag habe ich mich in der Fachschaft Englisch engagiert. Ich fand es klasse, dass die Fachschaft eine Demo organisierte, weil es viel zu wenige Kursplätze gab.

Warum war die Amerikanistik so interessant?

Das war wegen meines Schüleraustauschs in die USA – genauer Richey, Montana. Ich wollte einfach herausfinden, warum die USA so sind wie sie sind. Die haben ja auf der einen Seite eine teilweise schwierige Außenpolitik, aber auf der anderen Seite haben die Menschen, wie ich sie erlebt habe, ein großes Herz für die Gemeinschaft vor Ort bzw. die Community. Deshalb wollte ich herausfinden, wie die USA so ticken. Außerdem war meine Patentante einige Jahrzehnte vorher als Austauschstudentin in den USA und wurde später Professorin für Englische Linguistik. Das hat mich auf jeden Fall geprägt und war ein Vorbild für mich.

Wie ist dein Studium nach dem Start weiter verlaufen?

Am Ende habe ich genau die Fächerkombination zu Ende studiert, mit der ich angefangen habe. Ich dachte im zweiten Semester doch noch auf BWL wechseln zu müssen, um später überhaupt einen Job zu kriegen. Das war aber nichts für mich. Ich bin dann auch von einigen Dozierenden der Geographie mit einem lächelnden Gesicht wieder empfangen worden. Habe mich sehr gefreut wieder zurück zu sein.

Warst du im Rahmen des Studiums im Ausland?

Nicht so wirklich. Ich war durchaus häufiger in den USA und habe dort vor Ort mal recherchiert für eine Hausarbeit, aber ich habe nicht im Ausland studiert. Allerdings habe ich es immer sehr genossen, dass die Erasmus-Studis in den Wohnheimen waren, in denen ich auch wohnte, zum Beispiel im Inter 1 und 2 auf dem Campus. Deshalb habe ich meinen Teil von Erasmus in den Bars, auf Partys, auf den Fluren, in den Küchen und den Aufenthaltsräumen mitbekommen. Das war klasse.

Warst du ein regelmäßiger Besucher der Vorlesungen oder nur kurz vor der Prüfungszeit?

Wenn ich die Vorlesung interessant fand, war ich ziemlich regelmäßig dort. Aber es gab auch Vorlesungen in den Nebenfächern, die ich selten besucht habe. Die Ringvorlesung aus der Amerikanistik war besonders interessant. Diese Vorlesung habe ich lange Zeit auch digital begleitet. Mit einem Freund habe ich die Website american-studies.net.ms gebaut, auf der wir Folien und teilweise auch Audiomitschnitte online gestellt haben. Da steckte am Ende ein ganzes Team dahinter und sogar ein Hiwi von Seiten der Universität.
Wir bekamen großartiges Feedback, besonders von den Studis, die zum Beispiel im Auslandssemester trotzdem noch die Vorlesung zum Einschlafen hören konnten. Das war Mitte der 2000er ein klasse Projekt, weil es zu der Zeit nur wenige digitale Inhalte gab. Es hat mich auch sehr gefreut, dass es später deutlich mehr digitale Inhalte in der Amerikanistik gab.

Was denkst du von der modernen Anwesenheitspflicht bei Seminaren und zum Teil auch bei Vorlesungen?

Man muss am Ende irgendwie die Prüfung bestehen und die Vorlesung hilft dabei natürlich gewaltig. Ein Termin in der Woche, an dem man den Inhalt vorgesetzt bekommt und sich damit auseinandersetzt, ist Gold wert. Klausuren hatten damals einen ganz anderen Stellenwert als im Bachelor/Master-System heute.

Was war deine beste und was deine schlechteste Note?

Also ein paar 1,0 habe ich im Laufe des Studiums auch kassiert. Doch in Geographie bin ich einmal mit 5,0 durch eine Klausur gerasselt und auch bei meinem ersten Versuch in Phonetik habe ich mal glatt versagt. Aber das war damals vielleicht auch anders. Man hat sich manchmal gesagt: ich probiere die Klausur mal aus und schau, wie schwer sie wirklich ist. Dann wusste man, wie viel man investieren muss, um sie im nächsten Semester zu bestehen. Klausuren hatten damals einen ganz anderen Stellenwert als im Bachelor/Master-System.

Waren Noten dann überhaupt wichtig?

Meine besten Noten hatte ich nicht unbedingt in den Veranstaltungen, die ich am interessantesten fand und die mir am meisten gebracht haben. Gute Noten gab es bei einigen Dozierenden für wenig Aufwand, aber eine 3,0 konnte lehrreicher sein als eine 1,0, weil man Feedback vom Dozierenden bekam. Es ist klasse, wenn Lehrende für konstruktives Feedback Zeit haben - aber das haben sie leider nicht immer, gerade heute. Noten waren insofern nicht immer das Entscheidende.
Im neuen Bachelor/Master-System zählen die Noten von Anfang an. Die Einzelnoten, die man während des Studiums sammelt, zählen viel mehr als beim Magister, denn der setzte sich zum Großteil aus der Magisterarbeit und den mündlichen Prüfungen zusammen.

Wann war dein letzter Kurs oder deine letzte Hausarbeit?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Meine letzte Hausarbeit habe ich im Winter 2014 abgegeben. Die Arbeit wurde korrigiert, obwohl der Kurs selbst schon etwas länger her war. Die Magisterarbeit war dann im August 2015 fertig. Nach der Korrekturzeit und drei mündlichen Prüfungen war ich dann im November 2015 mit allem fertig. Im Magisterstudium wurde man in seinen Nebenfächern auch noch mündlich geprüft.

Wenn du dein Studileben jetzt im Rückspiegel betrachtest, waren die ganzen "Umwege" abseits aber auch innerhalb der Lehre sinnvoll? Ist das für den Beruf später wichtig oder macht es eine Karriere einfacher?

Also vom Papier her bin ich mir da unsicher. Ich habe schon sehr lange studiert. Aber ich habe viel mitgenommen und ich glaube, dass ich heute nicht die Person wäre, die ich bin, wenn ich mich nicht so viel engagiert hätte. Klar, einiges davon ist in meinen Lebenslauf gewandert und das hilft.
Wichtig waren vor allem die universitären und studentischen Gremien, bei denen ich mitgemacht habe und heute vermisse ich diese Gremienarbeit auch ein wenig. Ich bin mir sicher, dass ich da, wo ich mich engagiere, auch politisch, sehr viel davon profitiere, dass ich durch diese "Schule" gegangen bin. Viele sagen, dass die Hochschulpolitik so eine Art Kindergarten der Politik wäre und vielleicht ist sie das auch. Aber ich finde es wichtig und gut, wenn sich Leute engagieren, mitgestalten und Sachen ausprobieren. Hier und da werden dann auch mal Fehler gemacht. So ist das eben.

Teil 2 des Interviews über die Veränderung der Lehre, das Aufkommen der Digitalität und die Vorteile des langen Studierens gibt's hier...

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