Humans of Campus Mainz | Überbevölkerte Geisterstadt?

18.01.2020
Studium
Thessa

30 000 Menschen studieren an der JGU: "Das ist, auf vorstellbare Größen heruntergebrochen, dreißig Mal das Audimax."

Im Rahmen der Reihe "Humans of Campus Mainz" bloggt Thessa darüber, was sie in ihrem Studienalltag erlebt und bewegt.

Mit knapp 30 000 Studierenden zählt die Uni Mainz mit ihren rund 150 Instituten und Kliniken zu den 20 größten Universitäten Deutschlands. 
30 000 Menschen. Das ist, auf vorstellbare Größen heruntergebrochen, dreißig Mal das Audi Max – gefüllt bis unter den Rand. 

Kurzum: Die Uni beherbergt sehr viele Menschen. 
Als Ersti kam ich an den Campus, war ziemlich eingeschüchtert und irrte mit meinem Lageplan von Gebäude zu Gebäude. In meiner Vorstellung war alles ganz klar: Hier würde ich die nächsten drei Jahre meines Lebens verbringen, Freunde fürs Leben finden und meinen Mann; hier würde ich Geschichte schreiben, vor allem meine persönliche. 

Und dann beginnt man zu erkunden: Vorlesungssäle, die riesig sind und verunsichernd, weil man plötzlich ein Gespenst wird zwischen 300 anderen Studierenden. Bibliotheken, überfüllte Mensa, die Kneipen im Forum, die Stille im botanischen Garten. Seminare beginnen, Übungen enden, das Semester fließt dem Rhein hinterher und man geht in die Semesterferien mit, es ist Wirklichkeit geworden, zwanzig neue Nummern in der Kontaktliste. Man sagt: Hey, das ist jetzt mein Leben, mit Pizza vom Imbiss nach Feierabend und dem vierten Bier in Bahnhofsspelunken. 

Und dann beginnt ein neues Semester und alle sind weg. Der eine hat die Klausur vergeigt, die andere kann nur zum Montagskurs, noch ein anderer hat den Studiengang geschmissen. Das war der Auftakt meines zweiten Semesters und ist seitdem der Auftakt von so ziemlich jedem Semester. Klar, man lernt immer neue Leute kennen, aber auftauchen tun die auch nur im Takt von drei Semestern. Und klar, wir können uns in der Freizeit treffen, aber wir sind doch alle so beschäftigt. 

Nach vier Semestern frage ich mich eigentlich nur noch, ob es früher auch schon so war oder ob ich einen wenig familiären Studiengang gewählt habe.

Eine Antwort habe ich bisher noch nicht gefunden, aktuell werden nur die Fragen mehr. Vielleicht war meine Einstellung von Anfang an naiv, vielleicht ist das hier auch einfach ganz desillusionär: vielleicht werde ich hier auf die Zukunft vorbereitet, auf meinen Job und meine Karriere. Und vielleicht ist das, was mich hier beschäftigt auch schon der Kern der Univorbereitung: Vielleicht ist das Berufsleben unpersönlich, man trifft und verliert sich, man arbeitet zusammen und stagniert danach bei einem halbherzigen Hallo mit schiefem Lächeln. Vielleicht war meine Einstellung auch zu schulisch geprägt. Vielleicht sind Kinder, die zu Erwachsenen werden Dinge, die der Heimat vorbehalten sind, Dinge, die der Kindheit und Jugend vorbehalten sind. Denn am Ende sind wir an der Universität auf jeden Fall eins: Erwachsene, die auf den letzten Stufen vor dem Berufsleben verweilen. 

Und vielleicht sind dicke Freundschaften und familiäre Verhältnisse auch einfach nicht die Dinge, die dahin gehören.

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