Frau Zimmerling stellt gleich - Teil 2

15.11.2021
tb

Prof. Dr. Ruth Zimmerling in ihrem Büro im vierten Stockwerk des Georg-Forster-Gebäudes (GFG). Sie mag den Ausblick von dort, der sich bis zum Taunus erstreckt.

Im Interview spricht die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte der JGU Mainz, Prof. Dr. Ruth Zimmerling, über ihre Zeit im Amt, die Rolle der Männer, das Gendern und ihre Zeit als Studentin an der JGU.

Sie sagten eben bereits: Gleichstellung meint nicht nur Frauen. Es geht auch um ein Herstellen von Chancengleichheit bei einem unterschiedlichen Elternhaus, das den Bildungsweg entweder vereinfacht oder eben erschwert. Welche Fälle überwiegen in Ihrer alltäglichen Arbeit? 

Ruth Zimmerling: Chancengleichheit generell, in einem breiten Sinn, interessiert mich schon allein als Sozialwissenschaftlerin. Wenn Sie sich aber anschauen, wie meine Position gesetzlich verankert ist, wird dort klargestellt, dass die Aufgabe der Gleichstellungsbeauftragten an Universitäten zunächst einmal vor allem die Gleichstellung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb betrifft. Und dann gibt es noch das Thema sexuelle Belästigung, das mit Gleichstellung und Chancengleichheit ja eigentlich sehr wenig zu tun hat. 

"Im Bereich sexuelle Belästigung braucht die Universität zusätzlich ausgebildete Personen"

Braucht es für den Themenkomplex sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt eine separate Anlaufstelle? 

Ruth Zimmerling: Ich bin der Meinung, dass es dafür auch richtig ausgebildete Personen zusätzlich braucht. Die Universität hat zum Beispiel Konfliktberater, die ausgebildet sind und bei dienstlichen Konflikten mit Vorgesetzten etc. angesprochen werden können. Meines Erachtens müsste es auch für die komplexen Fragen in Fällen sexualisierter Gewalt oder Belästigungen Personen geben, die sich damit richtig gut auskennen. Das gibt es nicht, weil qua Gesetz diese Aufgabe den Gleichstellungsbeauftragten übertragen ist.

Wie gehen Sie dann vor, wenn Sie mit einem solchen Fall konfrontiert sind? 

Ruth Zimmerling: Zunächst muss ich sagen, dass die Universität die Position vertritt, Betroffene zu schützen: Und zwar diejenigen, die sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind, aber ebenso diejenigen, von denen eventuell fälschlicherweise behauptet wird, sie hätten sexualisierte Gewalt angewendet. Und beides kommt vor. Wichtig ist es immer, mit beiden Seiten zu sprechen. Welche Seite dabei die Wahrheit sagt, ist für Nicht-Ausgebildete nicht leicht herauszufinden. Die Universität muss diejenigen schützen, die Opfer sind; aber welche Seite das im Einzelfall ist, weiß man nicht von vornherein. Deswegen finde ich es vom Gesetzgeber ziemlich fahrlässig, es den Gleichstellungsbeauftragten zu überlassen, die keine besondere Kompetenz oder Ausbildung dafür besitzen. 

Was ich tun kann, ist aber auf jeden Fall, mit den Personen, die sich an mich wenden, in Ruhe und ausführlich zu sprechen und ihnen je nach Fall im Sinne einer Erstberatung Informationen zu geben, wie sie weiter vorgehen, an wen sie sich wenden, auch welche Unterstützungsleistungen sie eventuell beanspruchen können. Auf Wunsch der Betroffenen kann ich auch weitere Gespräche führen oder moderieren, zum Beispiel mit der jeweiligen anderen Seite, oder sie begleiten zu Gesprächen mit anderen Stellen in der Universität. Ein ganz wesentlicher Aspekt bei alledem ist unbedingte Vertraulichkeit: Die Betroffenen selbst entscheiden, welche Schritte unternommen und ob evtl. weitere Stellen informiert werden; ohne ihre Zustimmung wird nichts weitergetragen. 

"Sprache ist nicht unschuldig"

Gehen wir über zum Themenkomplex "diskriminierungsarme Sprache". Die Universität gendert aktuell mit dem Gendersternchen – zumindest im Corona-Newsletter 

Ruth Zimmerling: Nein, das macht nicht die Universität, sondern das tun allenfalls einzelne Personen oder Abteilungen in der internen Kommunikation. Die Universität hat sich in ihren offiziellen Schreiben an eine Landesverordnung von 1995 zu halten, die den heutigen Anforderungen aber leider überhaupt nicht mehr genügt. Dort wird noch das generische Maskulinum empfohlen. Wir wissen, dass voraussichtlich 2024 eine neue Richtlinie dazu erlassen wird. Das dauert also noch ein paar Jahre. Scheinbar hat man da keinen dringenden Handlungsbedarf gesehen. Eine universitätsinterne Handreichung zu diskriminierungsarmer Sprache, die im Entwurf aktuell dem Präsidium vorliegt, erläutert aber verschiedene Möglichkeiten, darunter auch den sogenannten "Genderstern". Dieser Entwurf soll im Wintersemester 21/22 in der Universität breit diskutiert werden. 

Sie selbst haben Philologie studiert, Islamische Philologie, um genau zu sein. Sie sind also an Sprache interessiert. Wie stehen Sie persönlich zu der Debatte ums Gendern?  

Ruth Zimmerling: Meine Herangehensweise ist grundsätzlich, dass man es berücksichtigen sollte, wenn Personen ein Problem mit der Art und Weise haben, wie sie angesprochen werden. Aus einem Vortrag der eben schon angesprochenen Ringvorlesung ging aber hervor, dass es aus sprachwissenschaftlicher Sicht keine vorzuziehende Lösung gibt. Der Tenor dabei war: Man solle experimentieren und schauen, was sich am Ende durchsetzt. Ich persönlich kriege Pickel beim Genderstern. Also ich würde nie einen Text unterschreiben, in dem Gendersterne sind. Aber das sehen Andere anders, und meines Erachtens ist diesbezüglich Toleranz angesagt.

Was ist dann Ihr Vorschlag für diskriminierungsarme Sprache?  

Ruth Zimmerling: Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt. Ich habe im Deutschen bisher keine gute Lösung gefunden, keine, die ich adäquat finde. Aber da das eine Sache der empirischen Entwicklung ist, werde ich das abwarten. Wenn der Genderstern kommt, werde ich mich an ihn gewöhnen müssen, genauso wie an die neue Rechtschreibung auch, ob ich mag oder nicht. Das ist eben immer Geschmackssache. Ich bevorzuge es, wenn möglich, beide Formen – die weibliche und die männliche – auszuschreiben.  

Aber bei diskriminierungsarmer Sprache geht es ja nicht nur um Männer und Frauen.

Ruth Zimmerling: Richtig. Es gibt Personen, die mit der Geschlechtszuweisung männlich oder weiblich nicht einverstanden sind. Das sind – das darf man nie vergessen – sehr wenige Personen, man schätzt eine von 1500. Ich finde aber selbstverständlich, dass man deren Belange berücksichtigen muss – das ist meine persönliche Meinung, aber es ist auch qua Amt nötig, wenn man Gleichstellung ernstnimmt. 

Liegt in der Debatte ums Gendern auch eine Gefahr der Polarisierung? Es ist in der Tat auch eines der Wahlkampfthemen, um das eine hochemotionale Debatte geführt wird.  

Ruth Zimmerling: Ich sehe in der Tat diese Gefahr. Es gibt politisch so viele schwierige Themen. Wenn man durch solche Themen eine weitere Front aufbaut, die Personen spaltet, ist das per se nicht so gut. Ich bin an dieser Universität – und das will ich sehr betonen – stark dafür, dass sich alle Personen, die sich nicht angesprochen fühlen mit der Art und Weise, wie wir reden oder schreiben, äußern können. Ich selbst bemühe mich, das dann zu berücksichtigen, etwa bei Studierenden, die auf mich zukommen und anders angesprochen werden wollen, als es ihr Vorname oder ihre offizielle Registrierung nahelegt. Aber ich muss deswegen doch nichts machen bei den übrigen 99 Prozent, die überhaupt gar kein Problem mit der Anrede haben.

Meine Einstellung dazu ist, das Thema nicht ständig in den Vordergrund zu rücken. Ich würde aber trotzdem sagen, es ist wichtig, dass wir darüber diskutieren, das streite ich gar nicht ab. Ich gehöre nicht zu den Personen, die sagen, es ist absurd. Denn es ist ein ernsthaftes Thema, und wir müssen uns damit beschäftigen. 

Weil Sprache eben auch Taten formen kann? 

Ruth Zimmerling: Genau, Sprache ist nicht unschuldig. Sprache formt Vorstellungen und das ist nicht folgenlos. Also: Wir müssen uns damit beschäftigen, aber eine einfache Lösung gibt es nicht.  

Rebellion gegen den Rock im Kampf gegen Vorurteile

Vor fast 50 Jahren, 1972, haben Sie hier angefangen, Mathe zu studieren, als eine von zwei Frauen in Ihrem Studiengang. Damals war zum Beispiel diskriminierungsarme Sprache wahrscheinlich noch nicht so auf der Tagesordnung. Gab es bezüglich Ihrer Studienwahl damals irgendwelche Vorurteile aus dem Familien- oder Freundeskreis? So nach dem Motto: "Wie passen Frauen und Mathematik zusammen?"

Ruth Zimmerling: In der Tat muss man sagen, dass diskriminierungsarme Sprache damals keinen Menschen interessiert hat. Zu den Vorurteilen: Die gab es eher in der Universität als im privaten Umfeld. Ich erinnere mich noch an eine Empfehlung eines Kommilitonen, dass eine mündliche Prüfung für mich wahrscheinlich einfacher würde, wenn ich in einem kurzen Röckchen käme. Denn es hieß, der Prüfer sei der Ansicht, Frauen könnten keine Mathematik - weshalb es für mich wahrscheinlich hilfreicher sei, einen kurzen Rock anzuziehen. Das fand ich unsäglich! Daraufhin habe ich ganz bewusst eine fürchterliche tomatenrote Jeans angezogen, obwohl ich sonst vielleicht wirklich einen Rock angezogen hätte. Die Kleiderwahl hat mir zwar nicht geholfen, ich konnte nämlich nicht wirklich gut Mathematik, aber das steht auf einem anderen Blatt. Aber an diesen Moment, bei dem mir dieser offene Sexismus damals krass vor Augen geführt wurde, kann ich mich noch gut erinnern. 

Das hat Sie damals schon ziemlich verletzt?  

Ruth Zimmerling: Ja, natürlich verletzt das. Ich bin sicher nicht ermutigt in diese Prüfung gegangen, das macht natürlich was mit einem, ganz klar. Aber sonst muss ich sagen, dass es unter uns Studierenden damals kein Nachteil war, eine Frau zu sein. Ich war allerdings auch etwas naiv oder schmerzfrei, sodass ich vielleicht nicht alles direkt gemerkt habe. 

Wann haben Sie persönlich mitbekommen, dass sich die Gesellschaft, die Unternehmen oder Universitäten in Sachen Frauenfragen und Feminismus langsam wandeln? 

Ruth Zimmerling: Als ich in den Achtzigerjahren bei IBM als Werkstudentin angefangen habe, wurde ich als Frau geradezu hofiert. Da begann die Aufmerksamkeit auf den Frauenanteil in bestimmten Bereichen und damit die Bewegung, dass Betriebe vermehrt Frauen einstellen wollten. Ich sage heute immer flapsig, dass sie jede Frau genommen haben, die bis zwei zählen konnte, nur weil es eben eine Frau war. 

Vorreiterin? - "Bei mir wäre das sicher übertrieben"

Kommen wir zum Ende unseres Gesprächs: Wenn Sie zurückschauen, sehen Sie sich dann eigentlich als eine Art Vorreiterin für eine voranschreitende Feminisierung in akademischen Berufen?

Ruth Zimmerling: Bei mir wäre das sicher übertrieben. Also, Dagmar Eißner war bestimmt eine Vorreiterin als erste Vizepräsidentin der JGU. Sich für dieses Amt zur Verfügung zu stellen, ist ihr sicher nicht leichtgefallen, denn ich habe sie als eine sehr zurückhaltende Person in Erinnerung. Das hat sie bestimmt auch getan, um sicherzustellen, dass Frauen in solchen Positionen auch gesehen werden. Das ist schon eine Art Vorreiterrolle, aber als Feminisierung würde ich es nicht bezeichnen. Ich würde sagen, jede trägt ein kleines Quäntchen dazu bei, dass Frauen in der Wissenschaft normaler werden.

Für mich persönlich war das schon immer ganz normal, ich war auch die erste weibliche Professorin an diesem Institut, was mir selbst aber nicht besonders aufgefallen ist. Zwischenzeitlich hatten wir an meinem Institut für Politikwissenschaft aber zum Beispiel sogar eine Frauen-Mehrheit bei den Professuren, ich glaube, als einziges Institut auf dem Campus. 

Worauf freuen Sie sich in Ihrem Ruhestand jetzt am meisten? 

Ruth Zimmerling: Keine Hausarbeiten mehr betreuen und korrigieren zu müssen.   

Bleiben Sie im Rhein-Main-Gebiet? Beim Blick in Ihre Vita fällt auf, dass Sie eigentlich immer hierher zurückgekommen sind, egal wo Sie auf der Welt unterwegs waren.  

Ruth Zimmerling: Seit meiner Studienzeit in den Siebzigern wohne ich in Mainz und bin zu anderen Stellen dann immer gependelt, ja – selbst ein Semester lang nach Hamburg. Ich gehöre übrigens zu den wenigen Menschen, die persönlich eine komplette RMU-Erfahrung (Anm. d. Red.: Verbund der Rhein-Main-Universitäten aus der JGU, der Goethe-Universität Frankfurt und der Technischen Universität Darmstadt) aufweisen können. 

Was gefällt Ihnen hier in der Region am meisten? Was macht das Rhein-Main-Gebiet aus?

Ruth Zimmerling: Ich finde es wahnsinnig angenehm, in einer Stadt wie Mainz zu wohnen, weil es eine kleine Großstadt mit vielen Angeboten in der Umgebung ist. Ich bin zwar kein großer Naturfreak, aber es gibt zum Beispiel viel kulturelles Erbe auch im Rheingau oder im Taunus, woran ich schon sehr interessiert bin. Auch Mainz mit seiner römischen Geschichte und traditionell-lockeren Lebensart und natürlich Gutenberg gefallen mir sehr. Ich bin in Wiesbaden zur Schule gegangen und muss sagen, das ist schon preußischer da drüben. 

Ich mag diese halbgroße Stadt und auch, dass man andere Städte in der Nähe hat. Zudem mag ich es, dass Mainz einen durchaus internationalen Standortvorteil mit dem Frankfurter Flughafen hat, der nur gute 25 Minuten entfernt ist. Und ich muss noch hinzufügen, dass dieses Institut einfach ein wirklich tolles Institut ist. Wir sind qualitativ gut, ziehen zudem alle an einem Strang und kommen gut miteinander aus. Das ist nach meiner Erfahrung selten – an einem solchen Ort sollte man unbedingt bleiben, wenn man kann.

Das nehmen wir als Schlusswort mit. Frau Zimmerling, vielen Dank für Ihre Zeit und das interessante Gespräch.

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