Filmwissenschaftler:innen bangen um Mainzer Programmkinos

14.09.2021
Freizeit
hb

Der Verlust der vier Säle des Palatin würde für das Mainzer Programmkino das Aus bedeuten. Das Nachbarkino Capitol mit seinem einzigen großen Saal könnte die Kosten des Betriebs allein nicht abdecken.

Die Zukunft der Programmkinos Capitol&Palatin ist nach dem Verkauf des Palatins an eine Mainzer Baufirma ungewiss. Mainzer Filmwissenschaftler:innen versuchen deshalb, ihre Kinos zu retten.

Den Mainzer Programmkinos Capitol & Palatin steht eine ungewisse Zukunft bevor. Wie die Betreiber Jochen Seehuber und Eduard Zeiler in einem Newsletter an ihre Besucher:innen mitteilten, wurde das Gebäude, das die vier Säle des Palatin beheimatet, am 3. August 2021 an die Mainzer Baufirma Fischer & Co. verkauft. Zuerst hatte der Sensor in einem Artikel vom 4. August von dem Verkauf berichtet, danach folgten diverse Berichte des Merkurists.

Frank Röhr, Geschäftsführer des neuen Besitzers Fischer & Co. äußerte sich in einem Bericht des Merkurists über die Zukunft des Gebäudes. Es gäbe noch keine konkreten Pläne, ein Abriss sei jedoch nicht auszuschließen. Laut Röhr soll ein Gutachten des Gebäudezustands die letztliche Entscheidung beeinflussen. Röhr wies jedoch darauf hin, dass er bereit sei, den aktuell im April 2021 auslaufenden Pachtvertrag mit den Kinobetreibern um ein Jahr zu verlängern. 

Im Newsletter an ihre Besucher:innen bestätigten Jochen Seehuber und Eduard Zeiler Röhrs Aussagen, ergänzten jedoch, dass Röhr ihnen im persönlichen Gespräch mitgeteilt habe, dass die Kinokultur bei ihm "nicht den höchsten Stand genieße". Zudem bestätigten sie, dass bei einem Wegfall des Palatins auch das Capitol in der Neubrunnenstraße schließen müsste. Denn das aus einem Saal bestehende Kino sei allein nicht tragbar, so die Betreiber.

Ehemaliges Pornokino trifft Filmliebhaber:innen

Sollte es zu einem Abriss des Gebäudes kommen, wäre dies nicht das erste Kino, das die Baufirma Fischer & Co. in den letzten Jahren abreißen ließ. Das seit 1957 an der Schillerstraße beheimatete Residenzkino wurde 2018 abgerissen, in den letzten Jahren entstand dort durch Fischer & Co. ein Wohngebäude. 

Beim 1933 erbauten Capitol handelt es sich um das älteste Kino der Stadt Mainz. Das Palatin wurde gemeinsam mit dem Capitol im April 2009 von den Betreibern Seehuber und Zeiler übernommen. Zuvor hieß das Kino, das zwei größere und zwei kleinere Säle beheimatet, "City Kinocenter". Bis in die 1980er befand sich in dem Gebäude ein großer Saal, der dann in die heutige Aufteilung umgebaut wurde. Die beiden kleineren Säle dienten damals in Vereinbarung mit der Stadt Mainz als Pornokinos, während in den beiden größeren Sälen ein normales Kinoprogramm gezeigt werden musste, damit die Stadt der Aufteilung zustimmte. 

Großer Verlust für den Studiengang Filmwissenschaft

Der Fachschaftsrat Filmwissenschaft hat die Nachricht mit großem Entsetzen aufgenommen. Mit dem letzten Programmkino der Stadt würde die Studienrichtung einen "unersetzlichen Ankerpunkt für das kulturelle und soziale Leben verlieren". Mit einem sorgfältig kuratierten Programm zu bezahlbaren Preisen seien Capitol & Palatin ein "wertvoller Kontrastpunkt zum Mainstream des CineStar", wie der Fachschaftsrat auf Anfrage hervorhob. 

Zwischen den Kinobetreibern, dem Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie den Studierenden bestehe seit Jahren ein enger und freundschaftlicher Kontakt, dessen Höhepunkt die vor der Coronapandemie regelmäßig stattfindenden Montagspreviews darstellten. Ein plötzlicher Wegfall dieses Treffpunktes wäre gravierend, beklagt der Fachschaftsrat. Denn damit würde den Studierenden eine Grundlage ihres Studiums, der Zugang zu aktuellen Inhalten, verwehrt bleiben.

Die Filmwissenschaftsstudentin Lea Hagedorn betont die Wichtigkeit der Montagspreviews und der niedrigen Preise. Dank letzterem sei es möglich, mindestens einmal pro Woche das Kino zu besuchen und unbekannte Filme zu rezipieren, denen im CineStar kein Platz im Programm zugesprochen werden würde.

Treffpunkt und Arbeitsplatz für Filminteressierte

Eine weitere Filmwissenschaftsstudentin weist auf die familiäre Atmosphäre in den geschichtsträchtigen Gebäuden hin, in denen sich sowohl Studierende wie Dozierende auf Augenhöhe treffen würden. Auch für sie sei das Mainzer CineStar keine Alternative, stattdessen sei es "charakterlos" und betreibe "Unterhaltungsgentrifizierung". 

Ein Studium der Filmwissenschaft ohne Programmkino vor Ort wäre "vernichtend", ist sich auch der Filmwissenschaftsstudent Yannik Richter sicher. Mainz sei neben Berlin eine von zwei deutschen Städten, die den Studiengang anbieten und das Kinoangebot in Mainz habe auch seine Entscheidung für Mainz als Studienort beeinflusst, so Yannik im Gespräch mit campus-mainz.net.

Der gemeinsame Kinobesuch sei Teil jeder Erstiwoche, viele Freundschaften würden sich hier erst bilden, gibt Yannik aus eigener Erfahrung wieder. Zudem habe er schon über Filme, die er im Capitol oder Palatin rezipiert hat, im Verlauf des Studiums Hausarbeiten geschrieben. Hier zeige sich die Wechselwirkung zwischen den Programmkinos und dem Studium der Filmwissenschaft.

Yannik Richter ist nicht nur Filmwissenschaftsstudent, sondern zählt auch zu den rund 15 Mitarbeitenden des Programmkinos, viele von ihnen sind ebenfalls Studierende. Dort herrschten gute Arbeitskonditionen und Mitarbeitende und Betreiber begegneten sich auf Augenhöhe. Umso überraschender kam für ihn die Nachricht vom Verkauf des Gebäudes, die den Mitarbeitenden Mitte August mitgeteilt wurde. Richter berichtet im Interview mit campus-mainz.net von einer bedrückten Stimmung unter den Mitarbeitenden, aber auch von Hoffnungen, die sich die Betreiber der Kinos machen würden. So sei auf diverse andere Bauvorhaben in der Landeshauptstadt verwiesen worden, welche dank Petitionen und Bürgerinitiativen verhindert worden seien. 

Richter ist sich außerdem sicher, dass der Status als letztes verbleibendes Programmkino der Landeshauptstadt eine Rolle spielen wird. Neben den Filmwissenschaftler:innen kämen im Capitol & Palatin viele soziale Schichten verschiedener Altersgruppen zusammen. Zudem seien nicht deutschsprachige Zuschauer:innen darauf angewiesen, Zugriff auf ein Kinoprogramm in der Originalsprache mit Untertiteln zu haben. 

FILMZ würde zentrale Spielstätten verlieren

Ein großer Verlust wäre die Schließung nicht nur für die Mainzer Filmwissensschaftler:innen, sondern auch für FILMZ – Festival des deutschen Kinos. Das Mainzer Filmfestival kooperiert seit über zehn Jahren mit den Programmkinos und würde damit zwei der wichtigsten Spielstätten verlieren, wie Pressesprecherin Ute Petermann auf Anfrage von campus-mainz.net mitteilte.

Würden Capitol und Palatin den Betrieb einstellen, hätte dies für zukünftige Festivalausgaben eine Reduzierung des Filmprogramms zur Folge. Aufgrund dessen werden sich FILMZ für den Fortbestand einsetzen. So sei unter anderem ein Panel während des Festivalzeitraums vom 4. bis 13. November 2021 geplant. In diesem solle mit Vertreter:innen aus Kultur- und Kinobranche, der Stadt Mainz und der Mainzer Stadtplanung über die Relevanz des Kinos diskutiert werden. 

Hohes Engagement und kommende Aktionen 

Um die Zukunft von Capitol & Palatin zu sichern, wurden bereits in den letzten Wochen verschiedene Initiativen initiiert, u.a. mit Beteiligung des Fachschaftsrats Filmwissenschaft und des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaften. Eine Petition auf Change.org, die die Baufirma dazu auffordert, dem Kino eine planbare Zukunft in Aussicht zu stellen, konnte eine Woche nach Veröffentlichung bereits 13.083 Unterschriften verzeichnen (Stand 10.09.2021).

Zudem wurde eine Website ins Leben gerufen, die in einem offenen Brief dasselbe fordert. Unter den Unterzeichner:innen finden sich bekannte Namen wie die beiden Regisseure des Neuen Deutschen Films, Volker Schlöndorff und Edgar Reitz, sowie Prof. Dr. Marc Siegel vom Institut für Film,-Theater- und Medienwissenschaften. Auch der Arbeitsbereich für Kultur und Großveranstaltungen des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der JGU Mainz wirbt für den Erhalt der Kinos.

Yannik Richter, der auch in der Planung der bisherigen Aktionen beteiligt war, geht davon aus, dass weitere folgen werden. Es seien bereits Kontakte mit Influencer:innen der Filmbranche geknüpft. Auch überlege man in Zukunft, im Kino selbst Trailer mit Aufrufen zur Unterstützung laufen zu lassen und auch die neuen Erstsemester der Filmwissenschaft zur Unterstützung aufzurufen. Er selbst habe aufgrund des Kampfgeistes und der Leidenschaft, die ihm in den letzten Wochen begegnet ist, Hoffnung, dass die Schließung verhindert werden könne.

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