Filmkritik | Schwere l o s

01.11.2022
Freizeit
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"Schwere l o s" läuft in diesem Jahr im Langfilmwettbewerb von FILMZ-Festival des deutschen Kinos.

Orientierungslosigkeit, innere Leere und Beziehungskrisen: In dem Drama "Schwere l o s“ kämpfen unterschiedlichste Menschen mit diesen Problemen. Der Film läuft dieses Jahr beim FILMZ-Festival.

Sexuelle Freiheit, Ausbrüche, das Leben in individueller Grenzenlosigkeit leben. Struktur und Bindung durch Job, Beziehungen und einen klar geregelten Alltag: Das Drama "Schwere l o s" der Regisseure Eike Weinreich und Alexej Hermann aus dem Jahr 2021 baut genau diese zwei sich gegenüberstehenden Lebenswelten auf und skizziert sie anhand von verschiedenen Figuren. 

Die Hauptfigur Maria (Sina Martens) lebt ihr Leben in freien Zügen: Die 33-jährige geht feiern, hat Affären mit verschiedensten Männern und verschließt sich vor Verantwortung oder Strukturen. Diese exzessive Lebensweise bereitet ihr auf Dauer vermehrt Probleme, ihr scheinbar freier Lebensstil verbindet sich mit Verantwortungs- und Antriebslosigkeit. Das Coming-of-Age-Drama spielt im heutigen Berlin. Der Film handelt von Orientierungslosigkeit, Egoismus, Beziehungsproblemen und Kontrollverlust. 

Sex, Beziehungen und Kontrollverlust - die Handlung

Der Film beginnt mit einer Sex-Szene, von denen im Film viele folgen: Die Hauptfigur Maria hat ein Verhältnis zu dem Vater (Andreas Döhler) eines Jungen namens Anton (Anton Rudolph), auf den sie gelegentlich aufpasst. Davon weiß die Ehefrau Gabriela (Katrin Wichmann) nichts, die Maria freundlich begegnet und offen von ihren Beziehungsproblemen berichtet. Dieser Einstieg eröffnet dem Zuschauer direkt einige Grundkonflikte der Hauptfigur. Der Sex zu unterschiedlichen Männern zieht sich durch die Handlung und scheint eine Zuflucht für Maria zu sein, doch wie eine Droge lässt er sie nur immer leerer und antriebsloser zurück. Die Männer sind ihr mehr oder weniger fremd, die Affären tuen ihr offenkundig nicht gut. Doch Maria kann keine Form von Triebkontrolle leisten oder den Versuch einer Grenzziehung starten. 

Gerade das zu ihrer besten Freundin Juno (Julia Hartmann) kippende Verhältnis bedeutet einen kurzfristigen Bruch in ihrem Leben und verstärkt ihre Rat- und Orientierungslosigkeit, verursacht in ihr eine Art Ohnmacht. 

Die Figuren und ihre Probleme

Im Verlauf der Handlung werden noch weitere Figuren gezeigt: die angesprochene Freundin Marias, Juno, die ein komplett anderes Leben führt und mit Maria immer wieder in Streit über zentrale Lebensfragen gerät. Oder auch die Mutter des Jungen Anton, auf den Maria gelegentlich aufpasst. Beide Frauen unterscheiden sich von Maria darin, dass sie feste Beziehungen und Strukturen haben und ihnen Verantwortung wichtig ist. Doch zentral ist hier auch Schein und Sein: Sieht man bei Maria offensichtlich Schwierigkeiten in ihrem Leben, so zeigen sich in den scheinbar Halt gebenden Strukturen und festen Beziehungen von Freundinnen auf den zweiten Blick genauso Unglück, Ratlosigkeit und Fragen an das Leben. 

Des Weiteren treten einige Männer auf, mit denen Maria ein Verhältnis hat. Sie zeigen den Verfallsprozess Marias, die sich von Mann zu Mann immer hemmungsloser und ohnmächtiger in Affären begibt. Diese völlig fehlende Grenzziehung und Eigenverantwortung Marias, wird von den Männern allerdings auch in gewisser Weise ausgenutzt. Maria initiiert zwar oft die Affären selbst, doch ist gegen Ende des Films offenkundig, dass es ihr schlecht geht. In einer Szene verabredet sie sich mit einem Mann namens Simon (Tilmann Strauss), der sie im Auto abholt. Während der ganzen Autofahrt sitzt Maria nur da, lässt Simon reden und wirkt völlig abwesend: Als Maria auch nicht auf die Frage des Mannes reagiert, was mit ihr los sei, man wolle doch vor dem Sex etwas in Stimmung kommen, ist ihm das letztlich auch egal und es kommt zum Geschlechtsverkehr. Somit kümmert es die Affäre auch nicht, wie es Maria geht. Hauptsache man kommt zusammen ins Bett.

Tolles Drehbuch und gute Schauspieler

Die Schauspieler im Film, gerade Sina Martens, machen einen großartigen Job. Ihr scheinbarer Lebensdurst zu Beginn, der dann später in Antriebs- und Orientierungslosigkeit und Depressionen mündet, ist hervorragend gespielt. Herausragend werden in differenzierter Weise verschiedene Lebensmodelle und Persönlichkeiten dargestellt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, allerdings geeint sind durch Herausforderungen und Probleme, die ihnen das Leben stellt. Der Film schafft es einen in diese beiden Lebenswelten eintauchen zu lassen, ohne eine Wertung im Sinne von gut oder schlecht vorzunehmen. 

Die Figuren sind zudem toll gezeichnet: Die spießige Mutter, die ihren Sohn vergöttert. Juno, in fester Beziehung und Erwartung eines Kindes ist sich ihrer Beziehung unsicher und Hauptfigur Maria fehlen Struktur, Kontrolle und Verantwortungsbewusstsein. Zugleich schafft es der Film eindrucksvoll, schonungslos mit Themen wie Rücksichtslosigkeit, Hemmungslosigkeit und Kontrollverlust umzugehen. Dies wird durch das schwarz-weiße Farbformat und einen passenden Soundtrack stimmig untermalt.

Auch die Dialoge folgen einer interessanten Struktur: Maria redet meist wenig, wenn Männer sie umgarnen. Sie hört zu und wirkt mit der Dauer des Films immer abwesender und passiver. Lediglich mit ihrer engen Freundin Juno zeigt sie sich vertraut, offen, menschlich und kommunikativ. Andere Figuren reden viel, stellen sich dar und wahren dabei immer einen gewissen Schein, darunter verbergen sich meist Probleme.

"Schwere l o s" - spannend, düster und aufreibend 

Abschließend lässt sich sagen, dass es der Film mit einer stetig steigenden Spannung und dem Aufzeigen unterschiedlicher Perspektiven schafft, den Zuschauer gleichermaßen in den Bann zu ziehen wie ihn zum Nachdenken anzuregen. Auf der einen Seite kann "Schwere l o s" sicherlich nicht jeden mitreißen, was an der düsteren und negativen Atmosphäre liegen mag. Zudem kann man dem Film anlasten, ein eher egoistisches und negatives Menschenbild zu entwerfen.

Andererseits trauen sich Eike Weinreich und Alexej Hermann hier aber auch schonungslos Themen wie Verantwortungslosigkeit, Kontrollverlust und das Ausnutzen der Schwächen anderer Menschen anzusprechen. Außerdem baut der Film in grandioser Weise ein Spannungsfeld in der Figur Maria und ihrem Sexualleben auf. Sind andere Schuld und nutzen mich aus oder muss ich mir nur meiner Verantwortung bewusst werden? "Schwere l o s" ist ein interessantes und beeindruckendes Porträt unterschiedlichster Menschen Anfang 30 in der Großstadt Berlin, allesamt mit vielschichtigen Problemen und ihrer unterschiedlichen Art mit diesen umzugehen. 

Am 6. November im Rahmen von FILMZ im Capitol

Im Rahmen des Langfilmwettbewerbs von FILMZ – Festival des deutschen Kinos läuft "Schwere l o s" am 6. November um 22 Uhr im Capitol. Das Festival findet vom 3. bis 13. November an verschiedenen Spielstätten in Mainz statt. "Schwere l o s" tritt im Rahmen des Langfilmwettbewerbs gegen fünf weitere Filme an. Der vom Publikum gewählte Gewinnerfilm wird bei der Preisverleihung am 13. November verkündet.

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