Die Demarkationslinie des Campus

15.06.2013
Campus-News
ml

Campusplan mit Demarkationslinie und weiteren Erklärungen.

Es treffen sich ein naturwissenschaftlicher und zwei geisteswissenschaftliche Studierende im Forum der Universität. Da sagt der Naturwissenschaftler: „Ich bin hier ja eigentlich auf feindlichem Territorium.“

Es treffen sich ein naturwissenschaftlicher und zwei geisteswissenschaftliche Studierende im Forum der Universität. Da sagt der Naturwissenschaftler: „Ich bin hier ja eigentlich auf feindlichem Territorium.“ Leicht verwirrte und fragende Mienen schauen den Naturwissenschaftler an. „Ja, kennt ihr nicht die Demarkationslinie zwischen den Naturwissenschaften und den Geistes‐ und Sozialwissenschaften auf dem Campus?“ Anhand eines Campusplans besteht nach kurzer Zeit Klarheit über die territorialen Verhältnisse auf dem Campus. Die rote Linie verläuft vom Jakob‐Welder‐Weg, über den Colonel‐Kleinmann‐Weg, schließlich zum Anselm‐Franz‐v.‐Bentzel‐Weg. Es scheint klar geregelt, dass sich die Naturwissenschaften nur auf dem südwestlichen und die Geistes‐ und Sozialwissenschaften auf dem nordöstlichen Teil des Campus aufhalten. Doch urplötzlich werden auch die verschiedensten Anzeichen eines Kalten Krieges sichtbar, bei dem es um Verdrängung, Versorgungslinien und Wehranlagen geht.

Verdrängungskampf

Klare Vorteile im Kampf um den Campus scheinen sich in den vergangenen Jahren die Naturwissenschaften erarbeitet zu haben. Nicht nur, dass die Sozialwissenschaften aus der hart umkämpften Zone in den neuen Georg‐Forster‐Bau (alias Forsthaus) umziehen mussten, sondern es wurden vereinzelte Teile des Gegenübers auch schon jenseits der Saarstraße verdrängt. In der Hegelstraße fanden das Polonicum, die Ägyptologie und versprengte Truppen des Historischen Seminars und der Politikwissenschaft Zuflucht. Auch Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler wurden hier weit entfernt der Front in Sicherheit gebracht. Seminare finden zudem in Gebäuden der Bausparkasse Mainz (BKM) statt, mit deren Kantine man sich auch eine neue Nahrungsquelle erschlossen hat. Neben den schon vor längerer Zeit ausgelagerten Teilen der Vor- und Frühgeschichte am Schillerplatz und der Journalistik im Domus universitatis am Höfchen hat es mittlerweile auch die Psychologie in die Stadt an den Binger Schlag verschlagen.

Wehranlagen

Ein besonders raffinierter Schachzug der Naturwissenschaften, besonders der Meteorologie und der Chemie, datiert auf das Jahr 1965 zurück. Man beschloss damals, den Forschungsreaktor Mainz genau dorthin zu setzen, wo im Falle eines „Unfalls“ die vorherrschenden Westwinde den radioaktiven Niederschlag nur in den geisteswissenschaftlichen Teil der Universität tragen würden. In zwei Versuchen eher jüngeren Datums wurden die Hochschule für Musik als kulturschaffender Brückenkopf direkt an die Grenze beider Teile gesetzt und die Planung eines wehrfähigen Wachturms im Inter1 Wohnheim aufgenommen. Das geplante Medienzentrum erfüllt wohl zwar seine Spähfunktion, doch die Wehrtechnik scheint bei der Planung schon länger nicht mehr im Vordergrund zu stehen.

Demilitarisierte Zone

An den zentralen Stellen der Frontlinie ist über die Jahre klammheimlich eine demilitarisierte Zone (DMZ) entstanden. Verschiedene Unfälle und Brände in der Alten Chemie zwangen die Chemikerinnen und Chemiker zur Flucht tief hinein in das naturwissenschaftliche Territorium fast bis zur Koblenzer Straße. Die Verkehrsknotenpunkte zum gegenüberliegenden Rechts‐ und Wirtschaftswissenschaften‐Gebäude wurden auf dem Rückzug mit Sperrpfosten versehen. Das jüngst verlassene SBII gehört nun ebenfalls zur DMZ. Wie es allerdings für die Anatomie, Zoologie und Botanik weitergeht, das ist in der derzeitig angespannten Lage nicht auszumachen. Signale eines Unterstützers aus Ingelheim gehen auch eher in die Richtung einer Verlagerung dieses zentralen Standortes hinter die Muschel oder sogar bis an den Ackermannweg.

Versorgung (un‐)gleich verteilt

Zu den Faktoren, bei denen eine Seite sich in diesem Prozess entscheidende Vorteile herausarbeiten kann, gehört natürlich auch die Frage der Versorgung. Der mögliche Verlust der hinter die Demarkationslinie gerutschten Mensa scheint für die Geistes‐ und Sozialwissenschaften mit der im Forsthaus voraussichtlich zum Wintersemester eröffnenden neuen Mensa wohl zu verkraften sein. Auch gibt es in beiden Teilen jeweils einen Geldautomaten und einen Kindergarten. Doch was passiert, wenn das Blockheizkraftwerk auf der naturwissenschaftlichen Seite keine Energie mehr liefert? Stellt dann die andere Seite direkt auf Ökostrom mit Solar‐ und Windkraftanlagen um? Besonders wichtig für den universitären Betrieb ist auch die Informationsversorgung. Auf beiden Seiten werden hier Cluster gebildet. Die Geistes‐ & Sozialwissenschaften verknüpfen ihre Bibliotheken vom Philosophicum über das Forsthaus bis zur Universitätsbibliothek, während die Naturwissenschaften die Bereichsbibliothek PMC ins Leben gerufen haben, um Physik, Mathematik und Chemie zu bündeln.

Sonderfälle

Das Studierendenwerk hat die nicht leichte Aufgabe, bei der unvermeidbaren Konfrontation beider Seiten in der Mensa zu vermitteln. Diese Sonderzone böte den Grund für eine Annäherung, doch betreten die Kontrahentinnen und Kontrahenten die Mensa über unterschiedliche Eingänge (Nord / Süd) und verlassen, meist ohne ein Wort miteinander gewechselt zu haben, den Ort der Nahrungsaufnahme über die gleichen unterschiedlichen Ausgänge. Trotz der Anbindung über den Fachbereich 02 zu den Sozialwissenschaften bilden die Sportlerinnen und Sportler einen weiteren Sonderfall, welcher schwierig zuzuordnen ist. Abgetrennt durch die Speerspitze der Naturwissenschaft in die Geisteswissenschaft, die neue Anthropologie, herrschen sie über ihren eigenen Teil des Campus und die vielzähligen Sportstätten. Ein letzter und extrem wichtiger Sonderfall sind die ins selbst gewählte Exil gegangenen Medizinerinnen und Mediziner. Deren Sezessionstendenzen spiegeln sich seit 2009 nicht nur geographisch, sondern auch strukturell wider, seitdem die Universitätsmedizin eine eigenständige Körperschaft öffentlichen Rechts ist. Vielleicht ist diese Unabhängigkeit aber auch gut. Denn sollte aus dem Kalten Krieg doch einmal ein offener Konflikt werden, dann sitzen jenseits des Zahlbachtals genug ausgebildete Sanitätskräfte.

p.s.: diese Glosse dient zum Lachen und Nachdenken. Angst sollte vor dem Forschungsreaktor oder kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Campus niemand haben. Von solchen Problemen sind wir ein Glück weit entfernt.

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