Die Corona-Odyssee: Bangen um den Studienabschluss

24.01.2021
Studium, Arbeit
sho

Zu Zeiten von Corona herrscht für die meisten Stillstand auf der Karriereleiter, denn Zukunftspläne sind nur bedingt umsetzbar. Auch die Suche nach einem Praktikumsplatz wird für Studierende erschwert.

Statt im Hörsaal sitzen Studierende nun seit knapp einem Jahr im Homeoffice. Nahezu Stillstand. Aber was wird nun aus denen, deren Regelstudienzeit sich aufgrund der Corona-Pandemie verlängert?

"Die momentane Situation ist für uns alle eine große Herausforderung", erzählt die 21-jährige Anna, die sich gerade im letzten Semester ihres Bachelorstudiums im Fach Psychologie befindet. Um ihr Bachelorstudium abschließen zu können, muss sie jedoch ein Pflichtpraktikum von neun Wochen mit 360 Gesamtstunden vorweisen. Damit sie dafür in der Regelstudienzeit bleiben kann, will sie das Praktikum eigentlich in der vorlesungsfreien Zeit absolvieren.

Bis Anfang 2020 ist ihr Plan auch noch problemlos umsetzbar – doch dann kommt die Corona-Pandemie. Bereits seit März 2020 bestimmen Lockdown, AHAL-Regeln, Mund-Nasen-Schutz und Abstand den Alltag eines Studierenden. Und seit dem Sommersemester 2020 finden auch alle Veranstaltungen, Module, Vorlesungen und Praktika online statt.

Wie viele andere Studierende bekommt auch Anna die negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie zu spüren. Denn die Studentin verliert ihren Praktikumsplatz. Einen Praktikumsplatz, der teils schon Monate im Voraus geplant war. Nicht nur für Anna stellt sich nun die Frage, wie es weitergehen soll. Kann ich die Regelstudienzeit überhaupt noch einhalten? Und was mache ich, wenn ich für mein Studium noch ein Pflichtpraktikum absolvieren muss, dieses aber momentan nicht stattfinden kann?

Der Begriff "Regelstudienzeit" ist bei vielen Studierenden schon in nicht-Corona Zeiten nicht besonders beliebt. Will man in einer Gesellschaft, die stets nach Perfektionismus strebt, Karriere machen, sollte man sein Studium in Regelstudienzeit absolvieren – das weiß auch Anna. Doch eine Generation, die stets nach Schnelligkeit strebt, eine Generation, die doch eigentlich ihr ganzes Leben bereits durchgeplant hatte, wird von jetzt auf gleich ausgebremst. Statt Zukunftsplanung bestimmt nun die Ungewissheit den Alltag. Und plötzlich ist es da, das Loch im Lebenslauf.

Ein Aufbruch von heute auf morgen

Um die geforderten Praktikumsstunden zu absolvieren, ist Annas eigentlicher Plan, die Gesamtstundenzahl aufzuteilen und zwei je sechswöchige Praktika zu machen. Für die beiden Praktikumsplätze hat sich Anna schon ein Jahr im Voraus beworben, da sie schon von vorneherein weiß, dass Praktika generell sehr begehrt sind. Ihre Bewerbungen sind erfolgreich, das erste Praktikum soll von Mitte Februar bis Ende März 2020 stattfinden, das zweite dann im August 2020. Da die Studentin zum Wintersemester 2020/21 in ihr letztes Semester startet und mit ihrer Bachelorarbeit beginnt, möchte sie die beiden Pflichtpraktika bis dahin erfolgreich beendet haben.

Das Erste Praktikum kann Anna Mitte Februar 2020 auch noch normal beginnen. Doch dann kommt die Corona-Pandemie und mit dieser dann auch Anfang März 2020 der erste große Lockdown. Und Anna verliert ihren ersten Praktikumsplatz.

"Zu Beginn des Praktikums gab es nur vereinzelt Corona-Fälle in Deutschland, sodass ich mir niemals hätte vorstellen können, dass mein Praktikum nach circa vier Wochen aufgrund steigender Fallzahlen abgebrochen werden muss", so Anna. Die Enttäuschung ist groß, doch als kleiner Lichtblick ist da zu diesem Zeitpunkt ja immer noch das zweite Praktikum, welches im August 2020 stattfinden sollte.

Aber dann kommt, drei Wochen vor Beginn des zweiten Praktikums, erneut eine unerfreuliche Nachricht: Anna darf auch dieses Praktikum nicht absolvieren. Als Begründung gibt das Unternehmen an, dass sie aufgrund der aktuellen Lage keine Praktikanten annehmen können, um das Infektionsrisiko der eigenen Mitarbeiter:innen sowie anderer möglichst gering zu halten.

Für Anna ist dies ein bitterer Rückschlag. Zwar bietet ihr das Unternehmen an, das Praktikum zu verschieben – dies wäre aber frühestens ab Frühjahr 2021 möglich.

Da Anna in der Regelstudienzeit bleiben möchte und daher bereits Ende Januar 2021 mit ihrem Bachelorstudium fertig sein will, ist eine Verschiebung auf das Frühjahr 2021 nicht möglich. Ohne die beiden Praktika besteht Anna das Praktikumsmodul jedoch nicht. Und ohne bestandenes Modul wird auch der Bachelor-Abschluss nicht anerkannt.

"Ich war einfach nur noch verzweifelt."

Danach folgen unzählige erfolglose Anrufe bei verschiedenen Unternehmen, um für den Zeitraum von August bis Oktober 2020 doch noch kurzfristig einen Praktikumsplatz zu bekommen. Anna fehlen zu dem Zeitpunkt noch fünf Wochen ihres Pflichtpraktikums. Außerdem beginnt ab Mitte Oktober das Wintersemester – Vollzeitpraktikum und Studium parallel zu absolvieren ist für sie zeitlich nicht möglich.

Nachdem sie auf ihre unzähligen Bewerbungen nur Absagen erhalten hat, wendet sich Anna dann schlussendlich an ihre Studiengangsleitung. Die Hoffnung ist, dass Ersatzleistungen anstelle des Praktikums erbracht werden können, etwa eine Hausarbeit. Doch auch wenn die Situation eine Ausnahmesituation ist, beharrt die Universität auf dem vollständigen Absolvieren der neun Wochen Praktikum. Die allgemeine Regulation des Studienganges legt nämlich fest, dass spätestens mit Abgabe der Bachelorarbeit alle Modulleistungen erbracht sein müssen. Die Abgabe erfolgt im konkreten Fall für alle Studierenden zwischen Mitte und Ende Januar.

Aufgrund der Corona-Pandemie verlängert die Universität die Frist für den Abschluss des Praktikums bis Ende Februar. Sollte Anna jedoch bis Ende Februar 2021 die noch fehlenden Praktikumsstunden nicht absolviert haben, wird ihr der Bachelorabschluss auch nicht anerkannt.

Die Verlängerung der Frist lässt Anna aber erst einmal aufatmen. "Dies war mein Glück", so die Studentin. Mitte September erhält Anna nämlich endlich, nach zahlreichen Bewerbungen und langem Hin und Her, einen neuen Praktikumsplatz. Daraufhin beginnt sie voller Erleichterung im Oktober 2020 mit ihrem letzten Semester und im Zuge dessen mit der Bachelorarbeit.

Erneutes Bangen um die Regelstudienzeit

Aber dann steigen die Fallzahlen wieder, und der zunächst im November 2020 angesetzte Lockdown-Light wird ab Dezember 2020 zu einem kompletten Lockdown verschärft. Das wirtschaftliche sowie soziale Leben wird nun wieder weitestgehend heruntergefahren – und Anna, die bereits mit ihrer Bachelorarbeit begonnen hat, muss nun erneut um ihren Praktikumsplatz und damit auch um ihren Bachelorabschluss bangen.

Bis Anfang Januar weiß Anna nicht, ob sie das geplante Praktikum nun absolvieren kann. Sollte dies nicht der Fall sein, so wird ihr der Bachelorabschluss erst ein Semester später anerkannt. Somit würde die Studentin die Regelstudienzeit überschreiten. Dass dies mit zusätzlichen Kosten in Form von zusätzlichen Semestergebühren, Miete etc. und Planänderungen verbunden ist, macht die Situation noch schwieriger. „Es ist total frustrierend, da ich wirklich nichts für die aktuelle Situation kann“, so Anna, die nun trotz aller Bemühungen der letzten Monate wieder um ihren Abschluss bangen muss.

Ende gut, alles gut?

Nach langer Ungewissheit und Bangen um ihren Abschluss bekommt Anna dann vor ein paar Tagen doch noch die Zusage: ihr Praktikum kann wie geplant stattfinden. Erleichterung breitet sich aus. All die Bemühungen der letzten Monate haben sich nun doch als positiv erwiesen. Nach all den Höhen und Tiefen, nach langem hin und her kann Anna endlich aufatmen – und sich dann hoffentlich bald schon von ihrem Studium trennen. „Ich bin erleichtert und froh, dass sich alles nun doch noch zum Guten gewendet hat und ich mein Studium nun endlich abschließen kann“, so Anna.

So wie Anna geht es derzeit vielen Studierenden. Die Ungewissheit, wann geplante Praktika oder Auslandsaufenthalte wieder stattfinden können ist groß – schließlich kann momentan keiner genau sagen, wann der Lockdown vorüber und die Lage wieder entspannter sein wird. Und eben auch nicht, wann ein regulärer Studienbetrieb wieder aufgenommen werden kann, wann Pflichtpraktika wieder absolviert und gegebenenfalls nachgeholt werden können.

Um den aktuellen Studierenden dennoch entgegen zu kommen, haben die meisten Wissenschaftsministerien in Deutschland bereits 2020 beschlossen, die Regelstudienzeit um ein Semester zu verlängern (campus-mainz.net berichtete). Und auch Prüfungen, die im Sommersemester 2020 nicht bestanden wurden, werden nicht als Fehlversuche gewertet (campus-mainz.net berichtete). Dabei bleibt den Studierenden nun also ein Semester länger, um ausgefallene Modulleistungen wie Praktika nachzuholen.

Fraglich bleibt nur, wo man als Studierender in den nächsten Monaten einen Praktikumsplatz bekommt – vor allem auch angesichts der zahlreichen Studierenden, die dieses Anliegen teilen. Der Career Service der JGU hat Studierende bereits vor der Pandemie dabei unterstützt, Praktika oder einen geeigneten Job für den Berufseinstieg zu finden. Doch auch diese Hilfsangebote können nicht vollständig kompensieren, dass gerade weniger Praktikums- und Arbeitsplätze angeboten werden.

Eine Generation, die in ein paar Jahren in das Berufsleben starten soll, eine Generation, die voller Tatendrang und Optimismus ist, steht nun erst einmal vor einer ungewissen Zukunft. Neben dem Bangen um das Einhalten der Regelstudienzeit steht für viele weit mehr auf dem Spiel. Was mache ich, wenn ich aufgrund von Corona nicht arbeiten gehen kann - wie finanziere ich nun mein Studium? Kann ich mein Studium trotzdem noch in Regelstudienzeit schaffen? Und welche Auswirkungen hat die momentane Situation auf meine berufliche Zukunft?

Für Anna wurde aus dieser Ungewissheit nun doch noch Zuversicht. Die Studentin kann nun aufatmen und blickt positiv in die Zukunft: "Zurzeit bin ich einfach nur froh, dass es bei mir nun doch noch ein 'Happy End' gab und ich bald schon meinen Bachelorabschluss in der Tasche haben werde."

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