Das unterschätzte Potenzial des Pflichtpraktikums

24.01.2021
Studium, Arbeit
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Universitäten und Hochschulen bereiten immer besser auf das spätere Berufsleben vor. Ein Grund dafür ist dem Employability Ranking zufolge, dass das Studium neben theoretischen Grundlagen auch immer mehr praktische Einblicken ermöglicht.

Deutsche Universitäten und Hochschulen wappnen ihre Studierenden besser für das Arbeitsleben als je zuvor. Mit Praktika und Partnerschaften gewinnt Deutschland im globalen Vergleich Bronze.

Das Employability-Ranking der Emerging Group beschäftigt sich mit der Berufsvorbereitung an Universitäten und Hochschulen. Diese Studie weist auf, dass sich der Rang deutscher Universitäten und Hochschulen von Platz zwölf im Jahr 2012 nun auf Platz drei verbessert hat.

Das Ranking wurde am 2. September 2020 von der Times Higher Education veröffentlicht und erscheint seit 2010 jedes Jahr. Für diese Studie wurden weltweit Personaler:innen im Zeitraum von Mai bis Juli 2020 befragt. Die Verbesserung der deutschen Platzierung wird in der Studie selbst u. a. dadurch erklärt, dass studienrelevante Praktika stärker in den Fokus rücken und damit Theorie und Praxis zunehmend verzahnt werden.

Die deutschen Top Drei

In der weltweiten Befragung sollten rund 9.500 Personaler:innen angeben, von welchen Universitäten und Hochschulen die Absolvent:innen stammen, denen sie die besten Chancen zuschreiben, schnell einen Job zu finden. Außerdem wurden diverse Aspekte miteinbezogen, die sich auf die Arbeitsmarktfähigkeit der Absolventen:innen beziehen. Darunter fallen die nationale Zufriedenheit mit der Universität, die Kooperationen von Universitäten sowie Hochschulen mit Unternehmen und das Universitätsprofil.

In Deutschland zählen der Studie zufolge für die Berufsvorbereitung die Technische Universität München, die Humboldt Universität zu Berlin und die Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) München zu den Top Drei.

Die Technische Universität München befindet sich im weltweiten Vergleich auf dem zwölften Platz. Sie gilt als "Entrepreneurial University", da ihr Leitbild u. a. "unternehmerisches Denken und Handeln" umfasst. Die Universität bietet insgesamt 172 Studiengänge in vierzehn verschiedenen Fachgebieten an. Die LMU München ist die sechstälteste Universität in Deutschland. Zudem hat sie die zweitmeisten  Studierenden in Deutschland (Stand 2018: 51.606 Studierende).

Die Humboldt Universität zu Berlin brachte diverse berühmte Wissenschaftler:innen hervor, etwa Albert Einstein, Karl Marx oder auch Angela Davis.

Im Rhein-Main-Gebiet belegt die Frankfurt School of Finance and Management den 78. Platz im Ranking. Sie pflegt eine Vielzahl an Kooperationen mit Unternehmen wie der Commerzbank oder auch der Deutschen Telekom. Die ebenfalls in Frankfurt ansässige Goethe-Universität belegt den 120. Platz.

Die Goethe-Universität bildet zusammen mit der Johannes Gutenberg-Universität (JGU) Mainz und der Technischen Universität (TU) Darmstadt die Rhein-Main-Universitäten. Diese Allianz ermöglicht seit dem 1. Juli 2020 eine gleichzeitige Immatrikulation an diesen drei Standorten. Dadurch können Studierende viele Angebote der Universitäten nutzen, zahlen aber nur den Semesterbeitrag ihrer Heimathochschule (campus-mainz.net berichtete). Allerdings sind weder die JGU noch die TU im Employability Ranking vertreten.

USA und Frankreich als Spitzenreiter

Derzeit befindet sich Deutschland in der Rangliste auf dem dritten Platz im internationalen Vergleich. Seit 2019 konnte sich Deutschland damit um neun Ränge steigern.

Nur die Universitäten und Hochschulen in Frankreich und den USA schneiden im Vergleich besser ab. Derzeit belegt die California Institute of Technology (Caltech) den ersten Platz, gefolgt von dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Harvard University

In Frankreich bilden die CentraleSupélec, die HEC Paris und die Ecole Polytechnique die Top Drei. Die CentraleSupélec belegt im internationalen Ranking Platz 22, gefolgt von der HEC Paris auf dem 24. Platz und die Ecole Polytechnique auf dem 30. Platz. 

Enge Verflechtung von Theorie und Praxis als möglicher Faktor

Insgesamt zeichnet sich ab, dass die Hochschulen immer enger mit Unternehmen zusammenarbeiten. Dies wird vor allem im Bereich der studienrelevanten Praktika deutlich. Denn seit circa zehn Jahren stellen Pflichtpraktika in vielen Studiengängen einen festen Bestandteil des jeweiligen Modulplans dar. Die Emerging Group führt Deutschlands Aufstieg in ihrem Ranking auf diese engere Verbindung von Theorie und Praxis zurück.

Auch in den Studiengängen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz haben sich in den letzten Jahren mehr praxisrelevante Module etabliert. In dem Bachelorstudiengang der Publizistik sieht das Modulhandbuch von 2018 beispielsweise ein zwölfwöchiges Praktikum vor. Hierbei können Studierende frei wählen, in welchem Bereich sie dieses Praktikum absolvieren wollen. Zuvor sah das Modulhandbuch von 2011 ein sechswöchiges Praktikum in der Wirtschaft, PR oder Werbung und ein sechswöchiges Praktikum im Bereich des Journalismus vor.

Seit dem Wintersemester 2014/15 bietet auch die Politikwissenschaft im Bachelor ein Praxismodul für neu eingeschriebene Studierende an. Hierbei wird die bisher angebotene Übung der Berufsfeldqualifikationen durch ein sechswöchiges Praktikum ergänzt.

Corona-Pandemie schürt Angst vor erschwertem Berufseinstieg

Doch auch die Eigeninitiative der Studierenden ist für eine gute Berufsvorbereitung gefragt. Denn neben Pflichtpraktika können Studierende auch freiwilligen Praktika oder einer Tätigkeit als studentische Hilfskraft bei einem Unternehmen nachgehen, um sich auf das spätere Berufsleben vorzubereiten. Allerdings sind derzeit die Praktika- und Jobmöglichkeiten aufgrund der Corona-Pandemie eingeschränkt.

Durch die unsichere Lage am Arbeitsmarkt besteht derzeit eine große Unsicherheit unter den Studierenden, nach dem erfolgreichen Abschließen der Universität einen Arbeitsplatz zu finden. Das zeichnet sich in einer Umfrage des Trendence Corona HR Monitor ab, die u. a. auch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie behandelt. Im Oktober 2020 gibt fast jede:r zweite Befragte an (47,6 Prozent), sich unsicher bezüglich des Arbeitsmarktes zu fühlen. Im Mai 2020 belief sich der Anteil noch auf 45,3 Prozent. In dieser Umfrage wurden rund 3000 Menschen befragt, darunter befanden sich 600 Studierende.

Auch die verpflichtenden Praktika, die im Employability Ranking positiv aufgefallen sind, werden durch die Corona-Pandemie vielerorts nicht mehr oder nur noch eingeschränkt angeboten. Ob die Zahnräder von Theorie und Praxis trotzdem langfristig weiterhin ineinandergreifen können, dürfte von den Ressourcen der Praktikumsbetriebe und der Flexibilität der Hochschulen abhängen.

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