Corona-Nothilfen für Studis im europäischen Vergleich

01.07.2021
Studium
tb

Die Corona-Nothilfen für Studierende unterscheiden sich in den europäischen Ländern teils ziemlich stark. Etwas mehr als die gezeigten 36,12 Euro dürften es aber wohl überall sein...

Unter den Auswirkungen der Pandemie leiden nicht nur Studierende in Deutschland. In ganz Europa gibt es allerdings unterschiedliche Instrumente, Studierenden in der Krise unter die Arme zu greifen.

Bei einem Blick über den eigenen Campusrand zeigt sich, dass die Regierungen, Hochschulen und Studierendenwerke in den europäischen Ländern teils recht unterschiedliche Antworten auf die Herausforderungen für Studierende in der Pandemie zu bieten haben. Außerdem ist zu beobachten, dass auch die betroffenen Studierenden je nach Staat verschieden auf die Krise reagieren. Während die einen Staaten altbewährte Methoden nur leicht modifizieren, gibt es in anderen durchaus kreative Ansätze, um das Studieren in diesen Zeiten erträglicher zu gestalten.

BAföG und KfW-Kredite: Kleine Änderungen an alten Instrumenten

In Deutschland setzt das CDU-geführte Bundesbildungsministerium auf einen Maßnahmen-Dreiklang aus dem bereits etablierten BAföG, vorübergehend zinsfreien KfW-Krediten und befristeten staatlichen Überbrückungshilfen. Die Änderung des Bundesausbildungsförderungsgesetzes in der Pandemie ermöglicht unter anderem auch nach Überschreiten der Regelstudienzeit weiterhin monatliche Bezüge.

Für die bereits existierenden Studi-Kredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die eine monatliche Förderung von bis zu 650 Euro gewähren, übernimmt bis Ende 2021 das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Zinsen. Danach werden wieder vier Prozent an Zinsen fällig. KfW-Angaben zufolge haben seit der Aussetzung der Zinsen im Mai 2020 mehr als doppelt so viele Studierende wie im Vorjahreszeitraum einen Studienkredit beantragt; 72 Prozent der Antragssteller:innen würden den Schritt mit den Auswirkungen der Pandemie begründen, so die KfW.

Ein neues Instrument sind die von den Studierendenwerken umgesetzten Überbrückungshilfen des BMBF, die bis zum Ende des Sommersemesters 2021 befristet sind (campus-mainz.net berichtete).Fällt der Kontostand unter 500 Euro und kann eine pandemiebedingte finanzielle Notlage nachgewiesen werden, sind Studierende berechtigt, monatliche Zuschüsse zu erhalten, damit das Konto wieder die 500 Euro-Marke überschreitet.

Bedeutet exemplarisch: Bei einem Kontostand von 400 Euro werden 100 Euro aufgestockt. Innerhalb der letzten zwölf Monate wurden dem Deutschen Studentenwerk (DSW) zufolge 166 Millionen Euro dieser Corona-Nothilfen an 370 000 Studierende ausgezahlt. Trotz der Zuschüsse an die Studierenden fühlen sich viele von ihnen weiter "in den Hintergrund geschoben", da kein Geld die Präsenzlehre ersetze.

AStA der JGU Mainz bemängelt Corona-Überbrückungshilfen

Die Verlängerung der Überbrückungshilfen bis zum Ende des Sommersemesters 2021 forderte unter anderem der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der JGU Mainz in einem offenen Brief an den rheinland-pfälzischen Wissenschaftsminister Wolf im Januar 2021 (campus-mainz.net berichtete). Auch die festgelegte Marke von 500 Euro auf dem Konto wird vom Mainzer AStA kritisiert, da dieses Budget für die Finanzierung des Lebensunterhalts oftmals nicht ausreichend sei.

Doch nicht nur in Deutschland, auch in europäischen Nachbarländern sind Studierende unzufrieden mit ihrer finanziellen Lage. Auch dort versuchen Regierungen und Hochschulen mit unterschiedlichen Methoden die Studierenden während der Pandemie zu entlasten. Wo läuft es besser und wo läuft es schlechter als in Deutschland?

Französische Studi-Proteste führen zu kreativen Maßnahmen 

Im traditionell-protestfreudigeren Frankreich gehen Studierende organisiert von starken Studierendengewerkschaften seit Monaten gemeinschaftlich auf die Straße, um auf die Vereinsamung im Homeoffice und ihre finanziellen Nöte aufmerksam zu machen. Mit dem an die französische Revolution angelehnten Spruch "Précarité. Inégalité. Fraternité." – "Ungewissheit. Ungleichheit. Brüderlichkeit." – demonstrieren Studierende auf Bannern und in den sozialen Medien für eine angemessenere Behandlung in der Pandemie.

Auch der Hashtag #etudiantsfantomes – "Phantomstudierende" – war in den letzten Wochen beliebt und sollte die Politik zu mehr Unterstützungshilfen bewegen. Die Proteste hatten Erfolg: Präsident Macron gesteht allen Studierenden zwei Mensaessen täglich für je einen Euro zu. Die Maßnahme wird über einen millionenschweren Notfonds finanziert.

Darüber hinaus ergriff die französische Politik weitere Maßnahmen, wie die Erhöhung des Bourses (französisches Pendant zum deutschen BAföG) um 1,2 Prozent, die Schaffung neuer Tutor:innen-Stellen an den Hochschulen und einen Erlass der Miete im März 2020, wenn Studierende den Wunsch äußern, wieder zu ihren Eltern zurückkehren zu wollen.

Ähnlich wie beispielsweise in Polen werden kostenlose Sprechstunden mit Psycholog:innen angeboten, damit Studierende die Corona-Zeit professionell verarbeiten können. Aber auch in Mainz können Studierende kostenlose Angebote zur Pandemiebewältigung der Psychotherapeutischen Beratungsstelle (PBS) der JGU in Anspruch nehmen (campus-mainz.net berichtete).

Angesichts dieser Maßnahmen spricht die Journalistin Jeanette Goddar Frankreich im Vergleich zu Deutschland "mehr Kreativität und Vielfalt" im Umgang mit seinen Studierenden während der Covid-19-Pandemie zu.

Andere EU-Staaten mit höheren Hürden als Deutschland

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich hat einen Corona-Härtefonds für die österreichische Hochschüler:innenschaft etabliert. Um daraus Hilfen beziehen zu können, müssen die Studierenden Informationen zum Einkommen der Eltern und/oder Partner:innen offenlegen. Eine finanzielle Notlage könne z.B. dadurch entstehen, dass die Studierenden selbst oder ein Elternteil den Job verloren haben.

Auch in Deutschland sind der pandemiebedingte Jobverlust und die fehlende Unterstützung der Eltern mögliche Kriterien, um Überbrückungshilfe beziehen zu können. In Österreich ist außerdem ein Leistungsnachweis des Studiums vorzulegen, für die deutsche Überbrückungshilfe genügt hier eine Immatrikulationsbescheinigung.

Dänemark und die Niederlande hingegen setzen auf ein Modell, das nahezu ausschließlich Darlehen und keine Zuschüsse gewährt. Diese Kredite müssen in den nächsten Jahren abbezahlt werden. In Belgien wiederum sorgt ein stark ausgeprägter Föderalismus für einen Flickenteppich an Maßnahmen innerhalb des Staates selbst.

Bei den Corona-Hilfen für Studierende werden in Flandern beispielsweise die Studienleistungen der vorherigen Jahre mit berücksichtigt – in Wallonien geschieht das nicht. Dass die beiden Regionen nach der europaweiten Bologna-Reform unterschiedliche Regelstudienzeiten für ihre Universitäten eingeführt haben, zeigt allerdings, dass der belgische Föderalismus nicht erst seit Corona für unterschiedliche Regelungen an den Universitäten sorgt.

In Großbritannien sind auch die Universitäten in Existenznot

Im ehemaligen EU-Staat Großbritannien formiert sich unter Studierenden Widerstand gegen die als zu hoch empfundenen Studiengebühren. Britische Studierenden zahlen jährlich durchschnittlich 6.000 Pfund (knapp 7.000 Euro) für einen Studiengang im Bachelor. Verglichen mit dem Semesterbeitrag der JGU ist dies etwa das Zehnfache. Im Master liegt der durchschnittliche Wert gar bei 12.000 Pfund (knapp 14.000 Euro) pro Jahr. Zudem sind die Gebühren für ausländische Studierende meist um einige tausend Euro höher.

Eine Petition mit 500 000 Unterzeichner:innen fordert eine Senkung der Abgabe auf ein Drittel der ursprünglichen Gebühr. Allerdings ist der Spielraum der Hochschulen im Königreich begrenzt, da viele seit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 enorm hohe finanzielle Einbußen hinnehmen müssen. Denn: An einigen Universitäten entspringen allein 45 Prozent der Finanzmittel aus den Gebühren ausländischer Studierender. Die Beiträge inländischer Studierender machen lediglich 30 Prozent des Gesamtbudgets der Universitäten aus.

Da durch die Reisebeschränkungen viele Auslandssemester verschoben oder gar ganz abgesagt wurden, fällt der hohe Anteil der ausländischen Abgaben weg, sodass besonders die Universitäten mit vielen internationalen Studierenden ernsthaft in ihrer Existenz bedroht sind. Neben einigen kleinen Universitäten sind vor allem Universitäten aus dem Hochschulverband “Russel Group“ betroffen, zu dem u.a. die elitären Universitäten aus Edinburgh oder Durham gehören. Denn diese weisen zum Teil einen besonders hohen Anteil an internationalen Studierenden aus dem EU-Ausland auf.

Kürzungen im Personalwesen, die die Qualität der Universitäten beeinträchtigen werden, könnten die Folge sein. Während in Europa vor allem die Studierenden von der Pandemie betroffen sind, befinden sich im Vereinigten Königreich – mit Ausnahme der "Big Player" Oxford und Cambridge – also viele Hochschulen selbst in existenzieller Not.

Neben den nationalen Unterschieden im Umgang mit Studierenden während der Pandemie tut sich ebenso eine soziale Kluft zwischen Studierenden innerhalb der Staaten auf. Martina Darmanin, Präsidentin der European Students Union (ESU), stellt dazu fest, dass "soziale wie nationale Herkunft aktuell noch mehr über Bildungschancen entscheiden als zuvor".

Ganz unabhängig von Landesgrenzen können sich die Unterschiede der Herkunft also auf die Chancengleichheit auswirken. Eher privilegierte Online-Lernende leiden nicht ganz so stark unter den Maßnahmen, da sie gerade durch ihre technischen Möglichkeiten begünstigt sind. Deshalb bietet auch die JGU seit Sommer 2020 Hilfe für Studierende ohne ausreichende IT-Ausstattung an. In Abstimmung mit der Stabsstelle Gleichstellung und Diversität (diversitaet@uni-mainz.de) kann dabei eine individuelle Lösung gefunden werden.

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