Barrierefrei Studieren | Ismar stellt sich vor

13.02.2019
Studium
Ismar

© Imrana Kapetanović

Ismar studiert Germanistik und Französisch an der Uni Mainz und ist seit seiner Geburt gehbehindert. Auf seinem Campus Mainz-Blog "Barrierefrei Studieren" berichtet er darüber, was das Studium mit Behinderung so mit sich bringt.

Ich heiße Ismar und studiere im zweiten Semester Germanistik und Französisch an der Uni Mainz. In meinen Blogbeiträgen werdet ihr herausfinden, wie es als Rollstuhlfahrer trotzdem möglich ist, ein Doppelstudium zu absolvieren und inwiefern sich die JGU für Studierende wie mich eignet. Ich bin zwar anders, aber ich möchte euch nicht fremd bleiben. Hier fängt meine Geschichte an - also los geht's!

Wieso ich anders bin

Frühkindliche Hirnschädigung mit spastisch-dystoner Tetraparese – so beschreiben mich die Ärzte. Laut Amt für Soziales, Jugend und Versorgung ist das als erhebliche Gehbehinderung zu verstehen. Ich wurde am 7. Mai 1992 in Doboj (Bosnien und Herzegowina) während des Bosnienkriegs frühzeitig, im siebten Schwangerschaftsmonat, geboren. Seit meiner Geburt bin ich motorisch behindert, aber meine verbleibende Gehfähigkeit erlaubt es mir trotzdem, mich zurzeit entweder mit Hilfe einer Person oder eines Rollators zu bewegen. Längere Strecken muss ich jedoch im Rollstuhl bewältigen. Aber ich bin viel mehr als nur das, was mir passiert ist!

Das einzige Gute, was ich aus der damaligen Kriegszeit mitgenommen und immer dabei habe, ist mein Kampfgeist. Seit 26 Jahren tue ich alles, um lebendig zu bleiben. Für mich heißt das konkret, sich selbst kennenzulernen und das, was man an sich besonders findet, weiterzuentwickeln. So kam es auch, dass ich inzwischen vier Fremdsprache spreche, darunter Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch.

Das Schwierigste daran, die Welt verändern zu wollen, ist dass man oft der Einzige ist, der diese Veränderung tatsächlich sieht. Ich möchte in einer anderen Welt leben, wo ich derselbe bleiben kann. In dieser Welt würde auch keine Angst herrschen. Meine eigentliche Behinderung war schon immer die Angst. Eine Angst, die uns dazu zwingt, sich mehrmals am Tag die gleichen Fragen zu stellen – akzeptiert mich jemand, so wie ich bin, kann ich es schaffen, bin ich überhaupt gut genug dafür? 

Ich bin mir nicht sicher, ob die anderen Menschen die Welt inzwischen durch meine Augen sehen, aber es ist schon sechs Jahre her, dass mein autobiografischer Roman "Poseban od prvog udisaja" ("Besonders seit dem ersten Atemzug") veröffentlicht wurde. Im Juli letztes Jahres ist meine Kurzgeschichtensammlung "Gram prijateljstva" ("Ein Gramm Freundschaft") erschienen. Bisher ist keines der beiden Werke ins Deutsche übersetzt worden. Dieser Blog ist jedoch ein weiterer Schritt dazu, anderen Menschen wie euch meine Welt zu zeigen.

Ein 1203 km entferntes Ziel

Laut Google Maps beträgt die Entfernung zwischen Tešanj, meiner Heimatstadt, und Mainz etwa 1203 km. Wenn der Verkehr nicht so dicht ist, dauert eine Fahrt mit dem Auto ungefähr 12 Stunden. Wenn ich aber daran zurückdenke, was meine Mutter und ich durchgemacht haben, um hierher zu kommen, fühle ich mich, als hätten wir den ganzen Weg zu Fuß zurückgelegt. Ich beschränke mich hier nur auf die letzten anderthalb Jahre: ein erfolgreicher, aber sehr anstrengender Abschluss des ersten Studienjahres in Germanistik. Die Schwierigkeit bestand darin, dass in meinem Heimatland die Unterrichtsbedingungen für Studierende mit Behinderung ungünstig waren, weil fast gar nichts barrierefrei ist. Es folgte ein ziemlich langes Warten auf eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Jetzt absolviere ich hier ein Vollzeitstudium und wohne zusammen mit meiner Mutter in einem rollstuhlgerechten Apartment auf dem Campus.

In meinem nächsten Beitrag soll es darum gehen, wie die Situation an der JGU für Studierende mit Behinderung ist, und welche Vorteile unsere Uni zu bieten hat.

Bleibt gesund und motiviert!

Bis bald

Ismar 

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