#Ausland: Andere Uni, andere Regeln (1)

22.11.2022
Studium, Internationales
Maren

Hier sieht man Lissabon von oben

Im vergangenen Sommersemester 2022 habe ich mir einen lang ersehnten Traum erfüllt: Ich habe ein Semester lang an der Universidade Nova de Lisboa in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon studiert. In diesem Blog teile ich meine Eindrücke und Erfahrungen mit euch.

Die Klausurenphase liegt mitten in der Vorlesungszeit, die Seminare finden in einer Art Schloss statt und die Professor:innen werden mit ihrem Vornamen angesprochen. Zu Beginn meines Auslandssemesters in Lissabon gab es einiges, was mir neu war, weil ich es so aus meinem Studium an der JGU noch nicht kannte. Aber genau dafür ist ja so ein Auslandssemester da – um über den gewohnten Tellerrand zu blicken und herauszufinden, wie in anderen Ländern studiert wird. 

So studiert man in Lissabon

Die Semesterzeiten in Deutschland unterscheiden sich ein wenig von denen im Ausland. Nicht selten habe ich von Erasmus-Studierenden aus allen möglichen europäischen Ländern gehört, dass ihr Sommersemester bereits Mitte Februar beginnt, also fast zwei Monate vor dem deutschen Sommersemester. Auch mein Studium in Portugal begann bereits in der letzten Februarwoche. Bei einem Welcome Meeting wurden wir Erasmus-Studierende herzlich begrüßt und bekamen direkt den Tipp an die Hand, uns nicht nur untereinander zu vernetzen, sondern auch Kontakt zu unseren portugiesischen Kommiliton:innen zu suchen. Das würde uns vor allem beim Erlernen der Sprache helfen und auch einen tieferen Einblick in die portugiesische Kultur gewähren. 

Studieren auf Portugiesisch

Da das englischsprachige Kursangebot an der Universidade Nova sehr begrenzt war, kamen wir nicht drum herum, auch portugiesischsprachige Kurse zu belegen. Bei mir waren sogar alle drei Lehrveranstaltungen auf Portugiesisch. Auf der einen Seite hat es mir bei meinen Sprachkenntnissen zwar sehr geholfen, den Professor:innen, die „Bilderbuch-Portugiesisch“ sprechen, zuzuhören, auf der anderen Seite war es aber gerade anfangs sehr hart, dem Unterrichtsstoff zu folgen. 

In den meisten Lehrveranstaltungen an der Universidade Nova gibt es klassischen Frontalunterricht: Einen Großteil der Zeit redet der oder die Professor:in, die Studierenden hören zu und machen sich Notizen. Jede Woche ist dann eine Kleingruppe von Studierenden mit einem eigenen kleinen Vortrag an der Reihe. Daneben bringen sich die Studierenden aber wenig selbst in den Unterricht ein. 

Was mir allerdings sehr positiv am portugiesischen Uni-System aufgefallen ist: Die Studierenden haben oft ein engeres Verhältnis zu ihren Professor:innen, als ich es aus Deutschland kenne. Professor:innen werden mit dem Vornamen angesprochen und man redet durchaus auch mal in der Umgangssprache mit ihnen. An meinem ersten Tag in einem meiner Kurse kam der Professor am Ende der Stunde sogar auf uns Erasmus-Studierende zu und hat gefragt, wie es uns in Lissabon bisher ergangen ist und ob wir uns wohl fühlen. Er hat uns angeboten, dass wir uns bei Fragen oder Problemen jederzeit an ihn wenden können, auch wenn sie nichts mit der Uni zu tun haben. Und er hat mir ein Café in dem Viertel meiner Unterkunft empfohlen – guter erster Eindruck! 

Eintauchen in Sprache & Kultur

Zusätzlich zu meinen drei Ethnologie- und Soziologie-Kursen habe ich auch einen Sprachkurs an meiner Auslandsuni belegt. Der hat am Anfang wirklich sehr geholfen, weil wir selbst ins Sprechen kamen. Da bis auf die Lehrerin niemand von uns Portugiesisch-Muttersprachler:in war, war die Hemmschwelle, einfach darauf loszulegen und Sprachfehler zu riskieren, deutlich geringer. Außerdem haben wir nicht nur etwas über die portugiesische Sprache gelernt, sondern auch über die Kultur. Portugies:innen aus dem Norden haben zum Beispiel eine andere Definition von dem Wort „Kaffee“ als die Portugies:innen aus der Hauptstadt. Je nachdem, wo man sich gerade befindet, muss man also auf verschiedene Art und Weise seinen gewünschten Kaffee bestellen. 

Das Interessanteste, was ich aus dem Sprachkurs aber mitgenommen habe: Es gibt für manche Buchstaben in der portugiesischen Sprache bis zu vier verschiedene Aussprache-Möglichkeiten. Je nachdem, wo der Buchstabe im Wort steht, gibt es eine Regel dafür, wie er ausgesprochen werden muss. Sich all diese Regeln zu merken, ist schier unmöglich. Auch die Portugiesisch-Lehrerin meinte, man muss dafür einfach ein Gefühl entwickeln. 

So liefen die Klausuren ab

Obwohl mein Portugiesisch mit der Zeit immer besser wurde, habe ich mich für die näher rückende Prüfungsphase in der Mitte des Semesters noch nicht bereit gefühlt, meine Klausuren auf Portugiesisch zu schreiben. Allerdings hatte ich großes Glück mit meinen Professor:innen und meinen Kommiliton:innen. Ich durfte alle Klausuren auf Englisch ablegen und wurde auch in der Vorbereitung schon unterstützt: Ein Professor hat einen Extra-Termin mit mir vereinbart, um den Stoff in der Kurzfassung nochmal auf Englisch durchzugehen und zu erklären. 

Ein anderer Professor hat mir schon vor der Klausur verraten, auf welche Themen ich mich besonders gut vorbereiten sollte. Und meine Professorin wiederum hat uns Erasmus-Studierenden einen Kontakt zu einer portugiesischen Kommilitonin hergestellt, die uns ihre Notizen zur Verfügung gestellt hat – die mussten wir dann nur noch auf Englisch übersetzen und konnten so gut vorbereitet in die Prüfungen gehen. 

Die meisten Klausuren waren eine reine Wissensabfrage d.h. wer fleißig gelernt hat, konnte definitiv bestehen. Transferleistungen mussten in den Klausuren weniger als in den Vorträgen erbracht werden. So kam es, dass ich ganz gut durch die erste Klausurenphase gekommen bin. 

Was an der Universidade Nova jedoch nicht so gut lief und wie das portugiesische Campusleben aussieht, erfahrt ihr in meinem nächsten Blog-Beitrag. 

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