#Ausland | Abschied auf Portugiesisch - Teil 2

09.03.2019
Lukas

Die historischen Elétricos bringen heute vor allem Touristen über die steilen Hügel Lissabons.

Vielleicht ein Geheimtipp: Der Cemitério dos Prazeres und der tolle Ausblick.

Die Ponte 25 de Abril sieht der Golden Gate Bridge bei San Francisco verdächtig ähnlich.

Die Faculdade de Ciências Socias e Humanas (FCSH) war in meinem Auslandssemester ein zentraler Ort.

Leuchtende Dekoration: Der Weihnachtsbaum auf der Praça do Comércio.

Ein letzter Blick auf die Stadt der sieben Hügel: Até à proxima, Lisboa!

Aufwachen! Mein Traum in Lissabon ist zu Ende. Die Vorlesungszeit ist vorbei. Die letzten Prüfungen sind geschrieben und nun geht’s zurück ins eiskalte Deutschland. Deswegen ist das auch mein letzter #Ausland-Blogeintrag.

Man trifft Leute auf dem Flur und hält ein kurzes Pläuschchen. Der Weg von der Haustür bis zum Seminarraum findet man fast mit geschlossenen Augen. Man kann die Dozenten und ihre Eigenarten besser einschätzen. Von der Mensa erwartet man mittlerweile nicht mehr viel, aber dafür hat man im Café im Innenhof der Fakultät inzwischen seine Lieblingsspeisen auserkoren. Vertrautheit mit dem einst fremden Ort hat sich breit gemacht.

Was es mir leicht gemacht hat, mich in Portugal einzuleben, war auch, dass sich die Kursgestaltung kaum von der in Deutschland unterschieden hat: Die Dozenten liefern die Einführung zu einem Thema, die Kursteilnehmer lesen im Vorfeld ausgewählte Texte, die von einer ausgewählten Gruppe präsentiert und im Anschluss im Plenum diskutiert werden.

Ohne tiefgreifende Portugiesischkenntnisse war das manchmal ganz schön schwierig, frustrierend und zäh. Es fehlte häufig schlichtweg das ethnologische Fachvokabular, wenn es beispielsweise um Historizität und Repräsentativität im museologischen Kontext ging. Hätte ich nochmal die Chance, würde ich deshalb definitiv mehr Zeit in das Aufbessern meines Wortschatzes stecken. Aber mit meinem Englisch und den hilfsbereiten Dozenten, bin ich trotzdem zurechtgekommen und habe (überraschend?) viel gelernt. 

Gegen Ende der Vorlesungszeit trieb es viele Erasmus-Studis, wie auch mich, nochmal in die Bib. Motivation zum Lernen bot manchen bestimmt die Angst, die finalen Klausuren nicht zu bestehen und deswegen keinen Kurs mit nach Hause bringen zu können. Immerhin müsste man zurück in Deutschland alle Kurse nochmal belegen und auch die Prüfungen noch einmal schreiben. Das wäre für mich ein ziemlich unschöner Abschluss für das Auslandssemester gewesen, aber letztendlich lief alles glatt und die Schreckensvision blieb aus.

Nach anfänglicher Erleichterung stellte sich bei mir aber rasch Ernüchterung ein. Gerade erst in der Routine angekommen und schon bahnte sich das Ende des Auslandssemesters an. Besonders sprachlich hatte ich im Dezember den Dreh so langsam raus, aber der Rückflug einige Wochen später war schon längst gebucht. So hieß es bald wieder Abschied nehmen.

Studieren nur mit Zaster

In den letzten Seminarstunden hatte ich schließlich auch Gelegenheit mich mit portugiesischen Kommilitonen über das Studieren in Portugal zu unterhalten. Im Gegensatz zu Deutschland scheinen hier Studiengebühren Gang und Gebe zu sein. Ich war ganz schön platt, als mir ein Kommilitone erzählte, dass jeder Studi an der FCSH mehrere hundert Euro pro Semester zahlt, nur um dort studieren zu dürfen. Er selbst stamme aus einer eher armen Gegend und sei aus seinem Freundeskreis der Einzige, der studieren ginge, weil es sich die anderen schlicht nicht leisten könnten.

An der Stelle musste ich schlucken, weil ich wahrscheinlich genau zu dieser Gruppe gehören würde, wenn es in Deutschland noch Studiengebühren geben würde. Anscheinend existiert auch in Portugal eine Form der staatlichen Unterstützung für Studis aus einkommensschwächeren Familien, ähnlich wie das BAföG hierzulande. Die Antragstellung sei aber so kompliziert, dass es manche Portugiesen noch nicht mal versuchen würden, meinte der Kommilitone.

Wie schwierig es wirklich ist, in Portugal als Studierender eine staatliche Förderung zu bekommen, weiß ich nicht. Aber dieses Gespräch hat mir deutlich gemacht, was für ein Privileg es eigentlich ist, dass der Zugang zu meinem Studium so leicht war. Weder die Bewerbung bei der JGU noch die Antragstellung beim BAföG-Amt haben mir größere Probleme bereitet. Auch wenn in Sachen Bildungsgerechtigkeit hierzulande nicht alles optimal läuft, kann zumindest ich mich glücklich schätzen und verspüre mehr Dankbarkeit.

Die Erasmus Erfahrung

Wenn ich heute das Wort Erasmus höre, kommen mir viele Dinge in den Sinn. Zunächst mal den enormen Organisationaufwand, der mich schon Monate vor dem Abflug stresste. Die Erwartungen und Befürchtungen, die ich im Vorfeld meines ersten großen Auslandsaufenthalts hatte. Dieser riesen Schritt ins Ungewisse, der einen raus aus der persönlichen Komfortzone drängt. Wie sehr in dieser Zeit dann tatsächlich Improvisationstalent und Anpassungsfähigkeit gefragt waren. Die vielen Orte und Menschen, die ich ohne Erasmus nie kennengelernt hätte. Die Bilder und Erinnerungen aus Lissabon, meiner Traumstadt. Das mag jetzt wie lahme PR für das Stipendienprogramm klingen, aber ich glaube, dass Erasmus mir mehr als nur Geld gegeben hat. In dem Auslandssemester steckt ein immenser immaterieller Wert. Die Erfahrungen, die man dort macht, prägen den Charakter und können Ansichten nachhaltig verändern.

Die andere Seite der Medaille ist vermutlich die Erasmus Bubble. Ich schätze, in der habe ich mich größtenteils bewegt, wie so viele vor mir und wahrscheinlich auch nach mir. Ich hatte deutlich weniger Kontakt mit Portugiesen, als mit anderen Erasmus-Studis (darunter auch genügend Deutsche). Und vielleicht habe ich dadurch Einiges verpasst, vielleicht hätte ich anders mehr von der portugiesischen Kultur erfahren und könnte jetzt besser die Sprache sprechen. Aber das macht die Erfahrungen, die ich in der Erasmus Bubble gemacht habe, nicht schlechter. Letztlich steht es ja jedem frei, ob und wann er die Blase platzen lässt. 

Genauso wie jeder Studi entscheiden kann, wie er es mit der Kurswahl handhabt. Manche lassen es locker angehen und wollen so wenig Zeit wie möglich in der Uni verbringen, andere sind super motiviert und belegen vielleicht sogar Veranstaltungen, die keine Chance auf eine Anrechnung an ihrer deutschen Uni haben. Ich habe die Kurswahl persönlich mit meiner Erasmus-Koordinatorin abgesprochen und in einem Learning Agreement festgehalten. Dementsprechend verlief im Nachhinein auch die Anrechnung der Kurse problemlos.

Alles in allem, so sehr das jetzt nach Einheitsbrei klingt, war das Auslandssemester eine einmalige Erfahrung. Der Perspektivwechsel ist unbezahlbar, weil er mir einfach enorm viele Dinge ins Bewusstsein gerufen hat, die ich vorher vielleicht als selbstverständlich angesehen habe. Zum Beispiel die Tatsache, dass in Deutschland super Trinkwasser aus dem Hahn kommt und keine chlorierte Schwimmbadsuppe. Es lohnt sich sicherlich ein Jahr im Ausland zu bleiben, um wirklich im Land anzukommen, seine Sprachkenntnisse zu vertiefen und eine Verbindung zu den Menschen aufzubauen. Für mich war ein Semester trotzdem ausreichend. 

Denn mein Traum hat sich erfüllt: Ich habe ein Semester in der facettenreichen Hauptstadt Portugals verbracht, studiert, gefeiert, gelacht. Jetzt geht es zurück in die Wirklichkeit. Aber die Zeit bleibt unvergessen. Adeus Lisboa! Wir sehen uns wieder! Beijinhos!

>> Seite 1

Campus Mainz e.V. unterstützen!

Campus Mainz e.V. ist ein gemeinnütziger Verein und die meiste Arbeit ist ehrenamtlich. Hilf uns dabei auch in Zukunft tolle Dienste für alle kostenlos anzubieten. Unterstütze uns jetzt!