Wie die Corona-Pandemie das Studium verändert

22.06.2020
Studium
rf & chh

Leere Seminarräume sind seit der Corona-Pandemie und der Umstellung auf digitale Angebote keine Besonderheit mehr. Die Auswirkungen für die Studierenden gehen jedoch weit über die Umstellung auf digitale Plattformen hinaus.

Durch die Corona-Pandemie mussten viele Prüfungen verschoben werden, die Lehre im Sommersemester 2020 erfolgt digital. Damit einhergehende Auswirkungen betreffen jedoch nicht nur den Studienalltag.

Seit dem 24. März 2020 befindet sich die JGU Mainz im Notbetrieb (campus-mainz.net berichtete). Aufgrund von COVID-19 wurde bereits zehn Tage zuvor beschlossen, den Semesterstart, der regulär auf den 15. April datiert war, auf den 20. April 2020 zu verschieben. Prüfungen wurden bis auf Weiteres abgesagt, die Abgabefristen für Hausarbeiten auf besagtes Datum verlängert. Das Sommersemester 2020, welches seit dem 20. April offiziell digital stattfindet, stellt viele Studierende vor große Herausforderungen.

Digitale Plattformen statt Präsenzlehre, Homeoffice statt Bibliotheksatmosphäre, soziale Isolation statt sozialer Kontakte: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie verändern den studentischen Alltag spürbar. Im Rahmen einer campusweiten Recherche haben sich nun sechs anonyme Studierende dazu bereiterklärt, individuelle Einblicke in ihre Studiensituation während des präsenzlosen, digital stattfindenden Semesters zu geben.

Eine Universität, viele Plattformen

Zurzeit finden alle Veranstaltungen digital über verschiedene Plattformen statt. Per Videokonferenz, Live-Chat oder Dateiaustausch werden Vorlesungen, Seminare und Übungen abgehalten. Moodle, Skype for Business, Panopto und Co. funktionieren prinzipiell für fünf der sechs anonymen Studierenden und sie können an allen gewählten Veranstaltungen teilnehmen: "Die Online-Angebote funktionieren soweit gut. Allerdings dauert es seine Zeit, bis man sicher damit umgehen kann (z.B. Skype for Business)."

Kritisiert wird von den Studierenden jedoch, dass mit den genutzten, unterschiedlichen Plattformen eine gewisse Unübersichtlichkeit und mehr Aufwand einhergehen, zum Beispiel wenn Referate im Voraus als Videos aufgezeichnet werden müssen: "Das führt dazu, dass jeder Dozent eine andere Plattform nutzt und das Studium noch unübersichtlicher wird, als es so schon der Fall ist."

Es sei "teilweise viel Aufwand, sich alle Infos zu besorgen und ständig auf drei verschiedenen Plattformen nach Neuigkeiten zu schauen", wie eine andere Person schreibt. Der Wunsch von drei der sechs Personen, lieber nur eine Plattform für die verschiedenen Veranstaltungen zu nutzen, wird hier deutlich. Zudem sind bei zwei Studierenden die Netzwerke der JGU Mainz "oft überlastet und Inhalte nicht aufrufbar" oder nur "sehr schwer nutzbar."

Insgesamt werden die Online-Angebote, durch die das Semester digital ermöglicht wird, zumindest für ausreichend, das Arbeiten mit den Plattformen von einer der sechs Personen sogar für positiv befunden: "Positiv an der Home-University finde ich, dass das kollaborative Arbeiten durch die neuen Tools viel besser funktioniert. Auch dass man über den Chat sehr leicht Dokumente, Bilder usw. austauschen kann, hat sich in vielen Fällen als sehr praktisch erwiesen."

Dieselbe Person berichtet jedoch auch von Problemen: "Kommiliton*innen, die Office jedoch nicht über die Uni nutzen, hatten zum Teil große Schwierigkeiten v.a. bei der Nutzung von Teams und Skype for Business."

Produktivität in Zeiten sozialer Isolation

In Zeiten sozialer Isolation stellt das präsenzlose Semester vor allem für Studienanfänger:innen, die erst seit Kurzem an der Universität sind und noch keine Gelegenheit hatten, Kommiliton:innen oder Mitstudierende kennenzulernen, eine große Herausforderung dar, "besonders wenn man in einem Seminar mit Leuten ist, die man noch nicht kennt. In einem digitalen Semester kann man nicht so leicht neue Leute kennenlernen oder z.B. vor den Seminaren miteinander ins Gespräch kommen."

Der fehlende persönliche Kontakt, insbesondere aber auch die fehlende physische Anwesenheit in den verschiedenen Veranstaltungen erschwert das Lernen und Arbeiten für die Studierenden, die im Rahmen der Recherche von ihrem Alltag berichten. Viele können sich die ruhige, disziplinierte Atmosphäre, die in den Bibliotheken an der Uni herrscht, nicht künstlich zu Hause erschaffen. Auch Ablenkungen in Form der Wäsche, die dringend gebügelt werden sollte, oder der geliebten Netflixserie, bei der gerade neue Folgen erschienen sind, kann man im eigenen Heim nur bedingt ausblenden.

Die Psychotherapeutische Beratungsstelle (PBS) der JGU bietet hierzu derzeit ein angepasstes, digitales Angebot an. Sowohl Tipps für die Corona-Zeit in Form einer PDF-Datei als auch Beratungen per Telefon oder Videochat sind möglich. Kurse zu Themen wie Stressbewältigung, Zeitmanagement, Prüfungsangst oder -vorbereitung werden außerdem digital angeboten. Alle Informationen zu einzelnen Kursen, der Anmeldung oder Beratung sind auf der Seite der PBS einzusehen.

Prüfungen von Zuhause aus

Wegen der Pandemie und vieler aus diesem Grund abgesagter Prüfungen herrschte lange Zeit Unsicherheit darüber, ob diese in naher Zukunft wiederholt werden würden: "Es ist schon komisch, wenn man nicht weiß, wie und ob man sich vorbereiten und lernen muss". Auch ist bislang nicht gänzlich geklärt, ob die jeweiligen Prüfungen in ihrer ursprünglichen Form wiederholt oder in anderer Art absolviert werden müssen.

Zwei der sechs Studierenden können ihre Prüfungen zumindest teilweise durchführen, bei anderen wurden Prüfungen durch Hausarbeiten ersetzt oder es wird noch bekannt gegeben, ob die Prüfungen abgelegt werden können.

Mittlerweile hat die Universitätsleitung bekannt gegeben, dass es dieses Semester die Möglichkeit von sogenannten "Take-Home-Prüfungen" geben wird (campus-mainz.net berichtete). Aufgrund der verschärften Hygiene- und Abstandsvorschriften können nicht alle Prüfungen auf dem Campus der JGU stattfinden. 

Hürden bei Praktika und Auslandsaufenthalten

Nicht nur für Prüfungen, auch für Praktika hat die Pandemie weitreichende Folgen: Zwei Befragte hatten zum Zeitpunkt des Ausbruchs von COVID-19 die Hälfte ihres Praktikums schon absolviert. Während eine der beiden Personen die zweite Hälfte im Home-Office zu Ende führen konnte, musste es bei der anderen abgebrochen werden.

Auch hinsichtlich zukünftiger Praktika besteht Ungewissheit: "Wie mein anstehendes verpflichtendes Praktikum in der Schule stattfinden wird, ist auch noch nicht klar, da nicht sicher ist, wie sich die Krise noch entwickelt". Lediglich ein:e Befragte:r kann das Praktikum ohne große Hindernisse durchführen.

In einem Fall war sogar ein Auslandsaufenthalt geplant, der nun nicht stattfinden kann: "Ich hatte vor, im Sommer ein sechswöchiges soziales Projekt in Brasilien zu machen, welches leider abgesagt wurde. Ich hoffe, dass ich es nachholen kann."

Einhaltung der Regelstudienzeit

Trotz Alternativen zur Präsenzlehre ist es nun nicht mehr für alle Studierenden möglich, ihr Studium in Regelstudienzeit zu beenden. In einer anonymen Antwort heißt es, man "wäre in sechs Semestern trotz Nebenjob und drei Kindern fertig geworden und kann dies aufgrund der abgesagten Prüfungen und der Kinderbetreuung nicht mehr."

Die restlichen Befragten, die geplant hatten, ihr Studium in Regelstudienzeit zu absolvieren, haben zwar einige Zweifel, sind insgesamt aber recht optimistisch: "Soweit ich das bis jetzt abschätzen kann, sollte das funktionieren." Anstehende Hausarbeiten und Praktika machen den Studierenden dabei am meisten Sorgen.

Masterstudium gefährdet

Dass die Auswirkungen der Corona-Krise auch über die Einhaltung der Regelstudienzeit hinausgehen können, zeigt nicht zuletzt das Beispiel einer weiteren befragten Person, denn die Nutzung des digitalen Angebots der Uni ist trotz technischer Ausstattung zuhause nicht selbstverständlich. Zur Teilnahme an Veranstaltungen schreibt er bzw. sie, dass die Teilnahme fast unmöglich sei, "da ich drei Kinder habe und diese zurzeit von mir betreut und unterrichtet werden."

Auch das Absolvieren von Prüfungen ist bei besagter Person coronabedingt nur zum Teil möglich: "Leider konnte ich von fünf Klausuren nur zwei schreiben". Sowohl für die finanzielle Unterstützung durch BaföG als auch für das geplante Masterstudium könnte dies nun weitreichende Konsequenzen haben. Durch den Ausfall von drei Klausuren "fehlen mir ECTS-Punkte für meine Masterbewerbung".

Wer auf BAföG angewiesen ist, muss mit spätestens 35 Jahren mit dem Master und mit spätestens 30 Jahren mit dem Bachelor beginnen. Das kann in diesem Fall zum Problem werden, wenn die Leistungen nicht rechtzeitig erbracht und das Masterstudium deshalb nicht rechtzeitig angetreten werden kann: "Denn das Bachelorstudium in meinem Bereich ist nicht wirklich viel wert ohne Master."

Für die befragte Person, die nach eigenen Angaben bereits mit dem Studienbüro und dem Beratungsservice gesprochen hat, ist diese Situation insgesamt sehr überfordernd. Insbesondere fehlende Sonderregelungen, die beispielsweise den Master betreffen, kritisiert diese: "Wenn die Prüfungen aufgrund so einer Situation (und dafür habe ich Verständnis) abgesagt werden, muss es auch eine Sonderregelung für die Folgeprobleme geben". Um bei der Masterbewerbung keine Nachteile erfahren zu müssen, gibt es in diesem Fall den Wunsch, die Module ohne Note zu bestehen, da die dazugehörigen Seminare und Vorlesungen bereits besucht wurden.

Studienfinanzierung in der Krisenzeit

Doch nicht nur das Studium selbst bereitet vielen Sorgen – auch die Finanzierung dessen ist angesichts von gekündigten Nebenjobs oder deutlich weniger Aufträgen schwieriger geworden. Ein:e Befragte:r hat etwa den Mini-Job verloren und macht sich deshalb Sorgen um zukünftige finanzielle Hilfe: "Ich komm, wenn alles klappt, nur knapp auf die Leistungspunkte, die ich benötige, um im nächsten Semester weiter BAföG zu bekommen."

Die BAföG-Regelungen wurden angesichts der aktuellen Ausnahmesituation bereits stellenweise angepasst: So wurden etwa die Bewilligungskriterien von BAföG für Studierende, die bisher kein BAföG beanspruchen konnten, während der Corona-Krise gelockert (campus-mainz.net berichtete). Außerdem haben die Einschränkungen im Hochschulbetrieb durch die Pandemie keinen negativen Einfluss auf die finanziellen Hilfen für BAföG-Bezieher:innen (campus-mainz.net berichtete). Wer keinen BAföG-Anspruch hat, kann einen monatlichen Zuschuss beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) oder auch einen Hartz-IV-Kredit beantragen (campus-mainz.net berichtete). Außerdem bietet die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ihre Studienkredite bis zum 1. April 2021 zinsfrei an. Als lokale Anlaufstelle für finanzielle Unterstützung fungieren das Studierendenwerk und der Arbeitsbereich für Soziales des AStA (campus-mainz.net berichtete).

Weitreichende Folgen für Forschung, Lehre und Nebenjobs

Im Rahmen der Recherche berichten noch weitere Studierende davon, wie die Corona-Pandemie ihre Arbeitsverhältnisse verändert. Darüber hinaus erzählen Dozierende und Forschende als Teil des Rechercheprojekts von ihren Erfahrungen mit dem digitalen Semester.

Campus Mainz e.V. unterstützen!

Campus Mainz e.V. ist ein gemeinnütziger Verein und die meiste Arbeit ist ehrenamtlich. Hilf uns dabei auch in Zukunft tolle Dienste für alle kostenlos anzubieten. Unterstütze uns jetzt!