Weibliche Straßennamen als Protest zum Weltfrauentag

09.03.2018
Campus-News
db

Anlässlich des Weltfrauentags überklebten Unbekannte männliche Straßennamen mit Namen berühmter Frauen aus der Geschichte der Stadt Mainz und der JGU.

Die Auswahl der IfP-Gründerin Elisabeth Noelle-Neumann sorgte auf Facebook für Diskussionen.

In einem Flugblatt kritisierte die Aktionsgruppe auch, dass keine Straßen nach Personen benannt sind, die sich nicht als Mann oder Frau identifizieren.

Zum Weltfrauentag wurden männliche Straßennamen auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität (JGU) von einer Protestgruppe mit weiblichen Namen überklebt.

Die Gruppe schreibt in einem Brief, den sie an den Masten unterhalb der überklebten Straßenschilder angebracht haben: "Wir haben die Straßen-Namen auf dem Campus anlässlich des heutigen Weltfrauentages ein wenig gesellschaftswiderspiegelnder gestaltet!"

Fünf Mainzer Frauen

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, den 8. März, hatte die Gruppe Schilder des Friedrich-von-Pfeiffer-Wegs, des Jakob-Welder-Wegs, des Johann-Joachim-Becher-Wegs, des Johannes-von-Müller-Wegs und des Colonel-Kleinmann-Wegs mit weiblichen Namen überklebt. Die neuen Straßennamen stammen alle von berühmten Frauen aus der Geschichte der Stadt Mainz und der JGU: Schriftstellerin Anna Seghers, die Gründerin des Instituts für Publizistik (IfP) der JGU Elisabeth Noelle-Neumann, Musikwissenschaftlerin Helga de la Motte-Haber, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer und die Archäologin Sabine Hornung.

Autonomes AlleFrauenreferat begrüßt die Aktion

Nicht alle Straßen auf dem Gelände des Universitätscampus tragen Namen von Männern, wenige Ausnahmen wie zum Beispiel der Dalheimer-Weg oder die Koblenzer-Straße sind nach Ortschaften benannt. Keine einzige Straße trägt jedoch den Namen einer Frau. [Anm. der Redaktion: Am Ende des Campus gibt es den Hahn-Meitner-Weg, benannt nach den beiden Kernforschern Otto Hahn und Lise Meitner, in dem sich das Max-Planck-Institut befindet. Auf dem angrenzenden Gelände der Hochschule gibt es mit der Lucy-Hillebrand-Straße einen Straßennamen, der alleinig nach einer Frau benannt ist, nämlich der Mainzer Architektin Lucy Hillebrand.] Auch Gebäude, die nach Personen benannt sind, tragen ausschließlich die Namen von Männern.

In einem Facebookpost begrüßte das autonome AlleFrauenreferat am Morgen die Aktion: "Erstmal ein großes YEAH! an alle Frauen*, die für sich und andere Kämpfen, ob auf der Straße, am Abendbrottisch, oder mit dem Stift /der Tastatur!" Das autonome Referat des Allgemeinen Studierendenausschusses der Universität Mainz (AStA) veröffentlichte auch das Flugblatt, schreibt aber gleichzeitig, dass es nicht für die Aktion verantwortlich sei. Die JGU äußerte sich bisher nicht öffentlich zu dem Protest. 

Fragwürdige Vergangenheit von Noelle-Neumann

Mit der Auswahl eines Namens tat sich die Aktionsgruppe jedoch keinen Gefallen: Elisabeth Noelle-Neumann. Die Vergangenheit der IfP-Gründerin und Meinungsforscherin Noelle-Neumann während der Zeit des Nationalsozialismus ist zweifelhaft. Unter anderem schrieb sie für die Wochenzeitung Das Reich, deren regelmäßige Leitartikel von Propagandaminister Joseph Goebbels verfasst wurden. Zudem enthält ihre Dissertation, die sie 1940 fertigstellte, antisemitische Passagen.

Auf Facebook darauf angesprochen distanzierte sich das AlleFrauenreferat von dem Namen und ergänzte seinen Beitrag um eine Erklärung. Die Einordnung sei schwierig, "wir vermuten, dass sich die nächtlich aktive Aktivistinnengruppe von solchen Meldungen hat irritieren lassen," und verlinkt dazu Artikel, die die Leistungen der Professorin bejubeln, ohne die Schattenseite zu erwähnen. "Wäre dies unsere Aktion gewesen und hätten wir von dem zweifelhaften Ruf gewusst, hätten wir natürlich einen anderen fünften weiblichen Namen gewählt", so das Referat weiter. 

Ob die Gruppe, die für die Aktion verantwortlich ist, dies ebenfalls übersehen oder Noelle-Neumann bewusst ausgewählt hat, bleibt also offen. Für die Unterrepräsentanz weiblicher Namen in der Straßenbenennung auf dem Universitätscampus setzt die Protestgruppe dennoch ein sichtbares Zeichen.

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