"Verpiss dich!" - Buhrufe gegen Politikprofessor Patzelt

24.01.2017
Campus-News
hr

Unter den 400 Zuhörern provozierte eine Gruppe von rund 20 Personen mit Zwischenbemerkungen und persönlichen Beleidigungen.

Heimat und Heimatliebe waren die Schlagworte in Prof. Patzelts Vortrag, der immer wieder von Zwischenrufen gestört wurde.

Der Gastvortrag des Dresdner Poltikwissenschaftlers Prof. Werner Patzelt wurde von Buhrufen und Beleidigungen begleitet. Die Veranstaltung "Heimat heute" am 23. Januar aus der Reihe des Studium generale musste daraufhin mehrfach unterbrochen werden.

Bevor der geladene Referent zum ersten Satz seines Vortrags "Heimatliebe, deutscher Patriotismus und neue rechte Bewegungen" ansetzten konnte, erreichten ihn schon Zwischenrufe aus dem Publikum. Es sollte nicht die letzte Unterbrechung bleiben, die die angekündigte Protestbewegung provozierte. 

Vorwurf: Gastredner mit Pegida-Nähe

Immer wieder fiel eine Gruppe von schätzungsweise zwanzig Zuhörern dem Gastredner ins Wort. Der Professor für Politische Systeme und Systemvergleiche sah sich dabei neben kritischen Nachfragen auch persönlichen Beleidigungen ausgesetzt.

Ganz überraschend war der Widerstand nicht. In sozialen Netzwerken hatte unter anderem die Hochschulgruppe Linke Liste und das FICKO-Magazin vorab dazu aufgerufen, zahlreich zum Vortrag zu erscheinen und gegen den Redner zu protestieren. Im Hörsaal selbst legte die politische Hochschulgruppe ein Flugblatt mit dem Titel "Pegida zu Gast in Mainz?" aus. Der Anstoß des Protests: Nach seinen Statements zur Pegida-Bewegung eilt Patzelt der Ruf voraus, nicht unvoreingenommen über die Bewegung zu forschen, sondern persönliches Verständnis für die islamfeindliche Demonstranten aufzubringen. 

Zwischen inhaltlichem Widerspruch und persönlichen Beleidigungen

Im Vortrag selbst referierte der Wissenschaftler mit eigenem Lehrstuhl dann weniger über Pegida als vielmehr über das Verhältnis von Heimat, Heimatliebe und Vorstellungen eines "aufgeklärten Deutschen Patriotismus" als eine Form des Verfassungspatriotismus. Dabei distanzierte er sich von der Patriotismus-Definition rechtsextremer Gruppen: "Mir missfällt, wenn Begriffe wie Heimat auf Plakaten der NPD auftauchen und von rechten Dummdödeln missbraucht werden." Patzelt sprach sich dafür aus, Patriotismus und Heimatliebe wieder von den Rechten zurückzuerobern. 

Kritische Zuhörer stellten dagegen die Frage, ob Patriotismus denn heute überhaupt etwas Notwendiges und Erstrebenswertes sei. Neben solcher inhaltlicher Kritik kam es jedoch auch immer wieder zu Zwischenrufen, die sich weniger auf den aktuellen Vortrag bezogen, sondern sich vor allem gegen die Person des Wissenschaftlers und seine Äußerungen in der Vergangenheit richteten. Dabei wurde Patzelt unter anderem als "Rassist" und "Arschloch" beschimpft und ausgebuht.

Studium generale - Organisatoren schreiten ein

"Verpiss dich doch!" und "Geh nach Hause" waren Zwischenbemerkungen, die die Organisatoren der Reihe des Studium generale dazu zwangen, einzuschreiten. Die Provokateure wurden vor die Wahl gestellt, zu gehen oder respektvoll dem Dozierenden zuzuhören und Fragen im Anschluss zu stellen. Der Vortrag mit rund 400 Zuhörern blieb hitzig und auch im weiteren Verlauf nicht frei von Störungen. Der Sicherheitsdienst der Uni, der am Treppenaufgang präsent war, musste jedoch nicht einschreiten. Und auch die Polizei zeigte lediglich vor dem Hörsaal Präsenz. 

Gemischtes Resümee bei den Initiatoren

Das Resümee der Initiatoren der Veranstaltung fällt gemischt aus. "Auf der einen Seite wollen wir kritische Diskussionen eines aktiven Publikums, aber auf der anderen Seite hat mich der Kritikstil und die unangebrachten Zwischenrufe gestört", erklärt Dr. Andreas Hütig. Den Vorwurf, einen unangebrachten Gastredner eingeladen zu haben, lässt der wissenschaftliche Mitarbeiter des Studium generale hingegen nicht gelten. Mit Prof. Patzelt auch einen umstrittenen Redner einzuladen, entspräche der Idee, ein Thema von verschiedenen Disziplinen und Positionen aus analysieren zu lassen. "Wir haben Herrn Patzelt nicht primär als Vertreter einer Meinung, sondern als Politikwissenschaftler mit entsprechendem Forschungsfeld eingeladen.", so Hütig.

Für den letzten Vortrag der Studium generale-Reihe wünscht sich Organisator Hütig ein weiteres Mal so gut gefüllte  Vorlesungsreihen, nur dieses Mal mit respektvollen Umgangsformen. Zum Abschluss des Semesters referiert am 30. Januar Prof. Dr. Karen Ellwanger zum Thema "Neue Heimatmuseen und Wissensproduktion". 

Hintergrund: Der umstrittene Wissenschaftler Patzelt

Ob gewollt oder nicht, größere mediale Aufmerksamkeit hatte Patzelt in der Vergangenheit durch seine Auftritte in zahlreichen Talkshows erhalten. Als gefragter Gesprächspartner und Experte hatte er dafür geworben, die Sorgen von Pegida-Demonstranten ernst zu nehmen. Zum Thema sprach der Politik-Professor auch mit der umstrittenen rechts-konservativen Wochenzeitung "Junge Freiheit". Sein Verhalten im Zusammenhang mit Pegida führte bereits an Patzelts Lehrstuhl in Dresden zu Protest von Studierenden. Der Vorwurf: Patzelt analysiere nicht nur Pegida, sondern sympathisiere auch mit der Bewegung. In studentischen Flugblättern an der TU Dresden heißt es Anfang 2015 dazu. "Herr Patzelt ist in der gesamten Pegida-Debatte mehr politischer Akteur denn Wissenschaftler." Mit seinen Meinungsäußerungen habe er Ziele und Vorgehen der islamfeindlichen Protestler verharmlost. 

Und auch Mitarbeiter des Dresdner Politik-Instituts distanzierten sich in einem offenen Brief von ihrem Forscherkollegen. Patzelt selbst zeigt sich in der Debatte um seine Person bislang unbeeindruckt. "Ich bleibe gelassen, weil nämlich der Angelpunkt der Kritik ist, dass ich mich nicht in die sozusagen Akademiker-Einheitsfront eingereiht habe", erklärte Patzelt im Februar 2015 gegenüber dem Deutschlandfunk.