Theaterkritik | Die Schlaraffen

22.05.2016
Freizeit
mgw

Der Kampf ums Brathähnchen.

Kleine Auflockerung zum Mitmachen: Der Zuschauer wird zum Akteur, der Schauspieler zur Marionette.

Wer gibt jetzt die Richtung an - Zuschauer oder Spieler?

Die Schlaraffen: der Moderator und seine Spieler.

Spiel, Satz und Sieg.

Am 18. Mai 2016 haben die Mitglieder der Mainzer Impro-Theatergruppe Die Schlaraffen im Philosophicum ihre Zuschauer amüsiert. Drei Darsteller kämpften sich durch Leichenkammern, Bratwurststuben und die südafrikanische Savanne, um ein Brathähnchen-Stofftier zu gewinnen.

Die Macht der Improvisation

Ist Improvisationstheater anspruchslos? Für den Zuschauer, ja. Er lehnt sich zurück, er darf lachen ohne nachzudenken. Für den Schauspieler, nein. Er nimmt Vorgaben entgegen, die der Zuschauer stellt. Er muss agieren, er muss reagieren.

Improvisation ist der Schlüssel zur Schauspielerei. Wer das nicht kann, sollte sich lieber nicht auf die Bühne stellen. Jede hochartifizielle Inszenierung fällt in sich zusammen, wenn der Schauspieler oder die Schauspielerin einfach nicht spielen kann.

Und Schauspiel ist Aktion – Reaktion, Bühnenbelebung, Handeln, Verkörpern, nicht psychologisierend, sondern präsentierend. Gibt es kein dramatisches Grundgerüst, wiegt die Last auf des Schauspielers Schultern doppelt. Keine technischen oder ästhetischen Hilfsmittel könnten ihn retten, falls es zum Leerlauf kommt. Reine Vorstellungskraft ist die Grundlage seines Spiels.

Wettkampf ums Brathähnchen

Die Schlaraffen gestalten ihre Show als Wettkampf um einen bedeutenden Preis, das Brathähnchen. Eine gängige Anleihe an das Prinzip professioneller, deutschlandweit aktiver Gruppen wie Theatersport Berlin. Der Performer ist dadurch mit seiner Spielerrolle identisch: Das Spiel funktioniert durch Spiel.

Drei Spieler treten nun also gegeneinander an und müssen ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen, zwei Männer, eine Frau, die alle anmoderiert und von einem Pianisten unterstützt werden. Bitten sie das Publikum um räumliche oder zeitliche Vorgaben für ihre Szenenausgestaltung, haben sie sich dann und wann nach den Gegebenheiten eines Angelausflugs oder einer Leichenkammer zu richten. Das ist schließlich der Witz und zugleich die Kunst des Improtheaters: Absurde Situationen glaubhaft darzustellen.

Ente gut, alles gut

Um es wahrhaft mitreißend zu machen, wäre eine professionelle Schauspielausbildung natürlich von Vorteil, doch zwingend notwendig sind eigentlich nur ein gesundes Reaktionsvermögen und darstellerisches Talent. Alle drei Spieler sind dem gewachsen und unterhalten das Publikum beispielsweise mit einem Trailer zu einem Arthouse-Kinderfilm, in dem ein fröhliches, außerirdisches U-Boot an einem Bratwurststand Halt macht, dem mangels Würsten offenbar vorbeifliegende Enten zum Opfer fallen.

Ob nun mörderische südafrikanische Wildhasen, verliebte Putzfrauen, Spaghetti-kochende Geißbock-Schächter oder vom Schicksal gebeutelte Camper ohne Camping-Talent: Die Schlaraffen zaubern scheinbar aus dem Nichts Figuren und Szenen auf die Bühne, die unterschiedlicher und unwahrscheinlicher nicht sein könnten und gerade deshalb für Lacher sorgen. Am Ende sind alle glücklich: Ein Spieler hat das Brathähnchen gewonnen, die Zuschauer konnten sich köstlich amüsieren.

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