Theaterkritik | Schaubühne Mainz: Iphigenie im Neonlicht

22.01.2018
Freizeit
mgw

Tobias Kock in der Rolle des Orest. ©Henri Scheunemann

Glücklich vereint im kalten Neonlicht? Probeneindruck vom P1. ©Henri Scheunemann

Julia Keller spielt die Iphigenie. ©Henri Scheunemann

Mit der Schaubühne Mainz bringt eine junge Theatergruppe Goethes "Iphigenie auf Tauris" auf die Bühne des P1. Premiere ist am 2. Februar um 20 Uhr.

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Johann Wolfgang von Goethe verarbeitete den griechischen Mythos von Iphigenie nach der Vorlage des antiken Dramatikers Euripides. Zunächst eine Prosafassung, erschien sein Text schließlich im Jahre 1787 als Versdrama. Es handelt von Orest und dessen Freund Pylades, die auf der von dem Barbarenkönig Thoas regierten Insel Tauris stranden. Fremde Ankömmlinge sollen geopfert werden – und zwar durch Iphigenie, die Orests verschollen geglaubte Schwester ist. Die Geschwister begehren auf und reflektieren somit vor dem Hintergrund der Tragödie die Ideen des Humanismus und der Aufklärung.

Die Schaubühne Mainz: Eine Spielwiese

In diesem Sinne fragt sich die studentische Theatergruppe, ob sich der Mensch an sein gesellschaftlich-kulturelles Erbe fesseln will und ob er den Humanismus nur als Fassade aufrecht erhält, damit sie seinem Eigennutz nicht im Weg steht. 

Regisseur René Hanauer studiert Theaterwissenschaft und gründete die Schaubühne Mainz im Sommersemester 2017. Er scheint eine Vorliebe zu haben für die großen, schwierigen Stoffe: Im Sommer präsentierte er eine beklemmende Adaption von Juli Zehs Roman Spieltrieb. Als ein ähnliches Schauexperiment, das eine Collage deprimierender Bilder erzeugt, scheint sich auch seine Interpretation von Iphigenie auf Tauris zu verstehen.

Damit löst die Theatergruppe ein Versprechen ein, das sie auf ihrer Facebook-Seite gibt: Sie begreift sich als Spielwiese zum Austoben, die mit bescheidenen Mitteln anspruchsvoll und ausdrucksstark inszenieren will. Dabei möchte sie sich nicht an theaterpädagogischen Spielclubs orientieren, sondern an den professionellen Kollektiven der freien Theaterszene.

Gefangen im Neonlicht

Ein Probenbesuch vermittelt einen ersten Eindruck der Inszenierung. Die Gruppe nutzt den gesamten Raum der P1-Bühne, der mit einem schwarzen Vorhang und mit drei Neonröhren auf dem blanken Holzboden abschließt, die ein kaltes, weißes Licht aussenden. Der Guckkasten verwandelt sich somit in eine künstliche, teilnahmslose, tote Kulisse, die die Figuren mit erbarmungsloser Gleichgültigkeit in einer verpesteten Atmosphäre einschließt.

Die Leidenschaft der Tragödie droht in dieser Kälte zu ersticken. Die Mitwirkenden zeigen in vielen Momenten ein absichtliches Verweilen in bestimmten Posen, ihr Ziel ist nicht der Schlagabtausch – offenbar können sie sich nur so kalt und steril verhalten, weil ihre Umgebung nichts anderes erlaubt. An dieser Stelle sei jedoch unbedingt erwähnt, dass in der Probe leider eine Live-Musikgruppe fehlt, die Hanauer in die Inszenierung einbindet. Wahrscheinlich werden die Musiker neue Energien erzeugen, die die Darsteller aufnehmen können, um schließlich einen anderen Eindruck beim Publikum zu hinterlassen.

Unbedingt ansehen!

Einen Joker hat die Schaubühne Mainz auf jeden Fall in der Hand: Tobias Kock in der Rolle des Orest. Bisher konnte er seine offensichtlichen schauspielerischen Talente in den studentischen Gruppen auf dem Campus nur minimal trainieren – meistens hat er sie sogar völlig unter Wert verkauft. Oft fehlen ihm die Partner zur Interaktion, das könnte sich jedoch dank Iphigenie auf Tauris ändern.

Auch zwei andere Darsteller machen die Inszenierung sehenswert. Da ist zum einen der große, schlanke, aalglatte Nils van der Horst, der seine Physiognomie dank der Kostümierung – Jackett und schwarze Hose – noch akzentuiert, und zum anderen Timo Hartmann, der mit seiner Körpersprache Aufmerksamkeit erregt: Kopf und Hals nach vorn gereckt, die Augen aufgerissen, schwankt er mit schleichendem Gang zwischen Aggression und Ironie und wirkt deswegen umso gefährlicher. Aber kann das Ensemble Goethes teilweise schwerfälligen Text vollständig zum Leben erwecken? Diese Frage muss sich jeder Zuschauer selbst beantworten. Also: Schaut es euch an!

Nach der Premiere am 2. Februar folgen weitere Termine am 3., 4. und 5. Februar jeweils mit dramaturgischer Einführung um 19:15 Uhr und Vorstellungsbeginn um 20 Uhr in P1. Tickets kosten 7€, ermäßigt 5€. Der Kartenvorverkauf beginnt am 29. Januar im Philosophicum.

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