Nach dem Studium | Arbeiten in England

22.07.2017
Arbeit, Studium
os

Nach seinem Studium in Mainz hat es Oli nach Cambridge verschlagen.

Der erste Job, eine neue Stadt, ein anderes Land. Oli bereut diesen Schritt nicht. Auch wenn seine Zukunft jetzt in den Händen der britischen Regierung und der EU liegt.

Viele Studierende freuen sich darauf, nach dem Studium endlich ins Berufsleben zu starten. Doch wo kann man arbeiten, wenn man "irgendwas mit Medien" studiert hat? Oli, JGU-Alumnus und ehemaliger Lektor, arbeitet als Übersetzer in England und erzählt, wie es dazu kam.

Die Ausgangslage

"Du bist in drei Monaten fertig mit deinem Studium, du solltest dir langsam mal darüber Gedanken machen, was du später machen willst", sagte meine Mutter. Das war im Dezember 2016 und auch Freunde hatten mich schon gefragt, welche Pläne ich habe. Aber ich konnte keine Antwort geben. Ich hatte mich nirgendwo beworben und wusste auch nicht, wo ich leben sollte.

Mein Mietvertrag im Studierendenwohnheim Hechtsheim lief Ende März aus. Ich hatte einen 450 Euro-Job, aber nur damit hätte ich unmöglich eine eigene kleine Wohnung oder WG in Mainz finanzieren können. Neben der Bachelorarbeit, an der ich im Dezember noch saß, hatte ich jedoch kaum Zeit, mich um einen "richtigen" Job zu kümmern. 

Die Jobsuche, die keine war

Nach der Abgabe der Arbeit im Januar ging ich dann sofort auf die Suche nach möglichen Arbeitsangeboten. "Aber wo möchte ich denn überhaupt arbeiten?", fragte ich mich. Mit einem Studium der Filmwissenschaft und Publizistik hätte ich gefühlt überall im Bereich Medien arbeiten könnte.

Ich suchte nach Volontariaten, unter anderem beim ZDF, aber ich wusste: häufig braucht man ein Masterstudium und die Auswahlverfahren sind sehr hart. Praktika? Vielleicht kurzfristig eine Übergangslösung, mehr aber auch nicht. Dann vielleicht doch eine Direktanstellung? Über die Homepage der Bundesagentur für Arbeit suchte ich nach Stellenangeboten, im Bereich Presse und PR. Bei vielen Angeboten wurden Voraussetzungen angegeben, die ich nicht erfüllen konnte, bei manch anderen wollte ich auch gar nicht arbeiten. 

Hier und da fand ich was Interessantes. So bewarb ich mich auf auf eine Traineestelle bei einer Krankenkasse, obwohl ich noch nie mit dem Gesundheitswesen zu tun gehabt hatte, und auf ein Volontariat bei einer großen Verlagskette. Bei beiden erhielt ich binnen weniger Wochen Absagen.

Umzug ins Altbekannte

Währenddessen musste ich mir Gedanken darüber machen, wo ich ab April 2017 leben möchte. Eine bessere Alternative als das Elternhaus blieb mir leider nicht. So musste ich mich von lieb gewonnenen Freunden verabschieden und erst mal zu Mama ziehen – das war alles andere als schmeichelhaft. Gefühlt ging gar nichts voran und ich machte mir ernsthafte Sorgen über meine Zukunft. Zum Glück hatte ich noch eine interessante Möglichkeit in Aussicht – eine Festanstellung bei einer britischen Spielefirma als deutscher Übersetzer. Aber wie kam es dazu?

Die Spielefirma

Ich spiele seit etwa zehn Jahren ein großes MMORPG (Massively Multiplayer Online Role-Playing Game – ein Online-Rollenspiel, in dem man einen Charakter in einer offenen Spielewelt steuern und mit anderen Spielern weltweit interagieren kann). Seit Sommer 2016 habe ich auch einen kleinen Youtube-Kanal mit Videos über das Spiel. Ich kenne mich mit diesem Spiel also gut aus und konnte ein paar Spieler auch außerhalb des Spiels kennenlernen.

Die Firma hat als Arbeitgeber durchaus einen guten Ruf. Einziger Nachteil: Sie hat ihren Sitz in Cambridge, England. Im Dezember 2016 fragte ich eine Mitarbeiterin aus dem deutschen Übersetzerteam dort, ob vielleicht zufällig eine Stelle im Bereich Videoproduktion oder ähnlichem frei wäre. Leider gab es zu diesem Zeitpunkt keine offene Stelle.

Eine neue Hoffnung 

Im Februar 2017 kam dann die unerwartete Nachricht: Die Mitarbeiterin, mit der ich bereits Kontakt hatte, erzählte mir, dass man momentan nach einem deutschen Übersetzer suche und ich es doch probieren solle, wenn ich Lust hätte. Ich war mir ziemlich unsicher, denn meine Englischkenntnisse waren alles andere als gut.

Im Frühjahr 2016 hatte ich einen freiwilligen Englischkurs auf dem Level B2 an der Uni Mainz besucht. Und ich bin damals nicht mit überdurchschnittlich gutem Englisch aufgefallen. Ich sollte mich also allen Ernstes bei einer englischen Firma bewerben? Zum ersten Mal eine englische Bewerbung schreiben? Und vielleicht sogar nach England auswandern? Ich hatte große Selbstzweifel. Der einzige Hoffnungsschimmer für mich: Für die Stelle suchten sie scheinbar nach jemandem, der nicht nur übersetzt, sondern auch mit der Community zusammenarbeitet und beispielsweise Events im Spiel oder Wettbewerbe veranstaltet. 

Zum Assessment-Day nach Cambridge

Nach einem Online-Vorab-Test, um meine Fähigkeiten genauer einzuschätzen, wurde ich zu einem Assessment-Day in Cambridge eingeladen. Dort musste unterschiedliche Aufgaben bewältigen und am Ende gab es noch ein Bewerbungsgespräch. Zum Glück hatte ich ein paar Wochen vorher zwei Test-Assessment-Days bei der Bundesagentur für Arbeit in Mainz. Dabei lernte ich zum Beispiel, dass es bei einem Assessment-Day nicht zwangsweise um die Leistung geht, sondern auch um die Persönlichkeit.

Zurück in Mainz: Umzug und die Suche nach alternativen Jobmöglichkeiten

Nach dem Assessment-Day in Cambridge ging es am nächsten Morgen direkt wieder nach Hause - das war etwa Mitte März. Spätestens in Deutschland kreisten meine Gedanken um den Tag. Habe ich was falsch gemacht, was hätte ich besser machen sollen? Wie haben andere Bewerber abgeschnitten? Ich wollte den Job haben, aber ich konnte mich nicht darauf verlassen, ihn auch zu bekommen. Ende März kontaktierte ich also einen Redakteur einer Lokalzeitung und bekam zumindest die Zusage für ein Gespräch im April mit der Aussicht auf eine Stelle als freier Mitarbeiter. 

Ende März musste ich dann aber erst mal aus meiner Wohnung im  Studierendenwohnheim raus und nachhause nach Rodgau ziehen. Auch neben dem Umzug stand einiges an: GEZ abmelden, Zweitwohnsitz abmelden, Renten- und Krankenkasse anschreiben und sich bei der Arbeitsagentur melden. Davon abgesehen widmete ich mich natürlich weiterhin meinen Videos.

Der Telefonanruf aus Cambridge

Etwa Mitte April saß ich dann gerade zuhause an einem Video, als mein Handy klingelte. Ein Anruf aus Cambridge. Eine nette Dame teilte mir mit, dass man mir den Job geben wolle. Ich war sprachlos. Und nicht mal zwei Wochen später kam ich in England an und trat meine erste Vollzeitstelle an. Aber wie ist das mit dem Brexit? Und wie zieht man um, findet dort eine Wohnung, wenn man noch in Deutschland ist? 

Umzugsstress und Wohnungsglück

Zunächst muss man sagen, dass England nicht so bürokratisch ist wie Deutschland - vielleicht etwas langsamer, aber eine kleinere Zettelwirtschaft. Dank der Tatsache, dass England noch EU-Mitglied ist, konnte ich ohne weitere Probleme einreisen und anfangen zu arbeiten. Ich bin zunächst bei einer Arbeitskollegin und später in einem Hostel untergekommen.

Währenddessen hatte ich meine erste WG-Besichtigung, das sogenannte Viewing. Eine 6er-WG in einem dreistöckigen Haus, pro Stockwerk zwei Leute. Die Leute wirkten nett, das Zimmer war okay und der Preis ist auch "reasonable", wie man im Englischen sagt. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass die Mietpreise hier in Cambridge sehr hoch sind. Die günstigen Zimmer kosten etwa 450 Pfund bis 650 Pfund (umgerechnet etwa 520 Euro bis 700 Euro). 

Nervenaufreibend war dann die Lieferung meiner Sachen. Ich hatte zwei Koffer mit dem Nötigsten (und meinem Computer!) mitgenommen. Die restlichen Dinge wie Winterkleidung, Schuhe, Bücher, DVDs hatte ich in ganze sieben Umzugskartons gepackt und mir nach England schicken lassen. Die Kisten wurden beim Transport teilweise leicht beschädigt, aber zumindest ist nichts abhanden gekommen. 

Die ersten Arbeitswochen

Meine ersten Arbeitswochen waren sehr aufregend. Ich musste mich mit allen Systemen vertraut machen, was manchmal recht verwirrend sein kann. Meine Arbeit besteht meist aus dem Übersetzen von Nachrichten und Forumsbeiträgen. Auch die Spielinhalte durfte ich schon mitübersetzen. Das kann manchmal ziemlich "tricky" sein, weil die englischen Entwickler gerne mal Wortwitze reinbauen. Insgesamt macht mir die Arbeit dort Spaß und die Kollegen sind alle ziemlich jung und offen – ich bereue es also nicht, mich für die Stelle beworben zu haben. 

Der Brexit ist ein allgegenwärtiges Thema

Einzig und allein der Brexit trübt hier die Stimmung. In Cambridge haben etwa 75 Prozent der Einwohner für den Verbleib in der EU gestimmt. Leider kann niemand sagen, ob EU-Bürger nach dem Ausstieg im Land bleiben und weiterhin arbeiten dürfen. Wie die Wohn- und Arbeitsrechte geregelt werden – und damit auch meine Zukunft in England – liegt jetzt in der Hand der britischen Regierung und der EU. 

Aber bis diese sich geeinigt haben, werde ich weiterhin übersetzen und Spaß an der Arbeit haben, oder mit anderen Worten: I shouldn‘t bury my head in the sand.

Campus Mainz e.V. unterstützen!

Campus Mainz e.V. ist ein gemeinnütziger Verein und die meiste Arbeit ist ehrenamtlich. Hilf uns dabei auch in Zukunft tolle Dienste für alle kostenlos anzubieten. Unterstütze uns jetzt!