Masterkolumne | Schreiben ist nicht lesen ist nicht schreiben

09.07.2017
Studium, Masterkolumne
Leonie

Der kleine vorlaute Schwamm hat gut lachen. Manchmal lachen wir zusammen über mich, während ich spüle statt zu schreiben.

Wie man das schlechte Gewissen wegen liegengelassener Tagesaufgaben erfolgreich überlistet und andere Tricks aus der Schreibstube der falschen Prioritäten.

Zeit ist relativ, das ist bekannt. Man sagt diesen Satz meist gedankenlos. Man nutzt ihn, um die Stunde Vorlesung mit der Stunde Netflix zu vergleichen – übrigens ein masochistisches Unterfangen, wenn man in ersterer sitzt und sehnsüchtig an letzteres denkt. Die Härtesten unter uns wissen sogar, dass man auch beides in der selben Stunde unterbringen kann. Was dann mit der relativen Zeit passiert, ist mir leider unbekannt. 

Ich lerne die volle Tragweite dieses naturwissenschaftlichen Gemeinplatzes erst jetzt kennen. Fast der ganze erste Monat meiner Arbeitszeit ist schon vergangen – wie das?! Sobald ich mir einen Text aus meiner Kopien-Mappe vornehme, verliert die Zeit jede Kontrolle, gerät völlig aus den Fugen und rauscht nur noch so dahin, sodass ich kaum vier Seiten lesen kann und schon sind drei Stunden vergangen. Erschreckend. 

Ich suche Montagnachmittag ein neu recherchiertes Buch in der Bibliothek und als ich es endlich kopiert habe, ist Freitag. Die Angst, einzuschlafen und beim Aufwachen nur noch zwei Wochen vom Abgabetermin entfernt zu sein, wächst ungefähr abendlich. 

Meine To-Do-Liste ist länger als anderer Leute Hausarbeiten

Um es kurz zu machen: Ich bin mit meinem Lesepensum noch nicht so absolut hundertprozentig fertig. Seit mindestens drei Wochen befinde ich mich in einem so-gut-wie-Zustand und sage mir, jetzt wird es aber wirklich Zeit, mit Schreiben anzufangen. Jetzt. Aber jetzt wirklich. "You should be writing", ein Satz wie die zehn Gebote und zu jeder Zeit wahr. Aber ich schreibe nicht. 

Es liegt natürlich nicht an der berühmten "Angst vor dem leeren Blatt" und ist auch kein Vermeidungsverhalten – ich bin einfach noch nicht so weit. Da ist noch eine Sache in Erfahrung zu bringen. Etwas nachzuschlagen. Eine Mind-Map zu skizzieren. Die Randnotizen auf Kopien erneut zu kommentieren. Ein Ordner zu kaufen. Es ist nicht so, als würde ich nichts machen. Ich bin sogar sehr beschäftigt. Meine To-Do-Liste ist länger als anderer Leute Hausarbeiten. Ich bin so beschäftigt, dass zum Schreiben keine Zeit mehr bleibt. 

Dieses Verhalten ist eine heimtückische Form des klassischen Aufschiebeverhaltens, die unter dem Deckmantel der moralischen Überlegenheit mindestens gleich viele durchgemachte Nächte verschuldet hat wie gewöhnliches Trödeln. Wie über Geld oder das, was man nach dem Studium machen will, spricht man nicht darüber, aber es handelt sich um produktive Prokrastination. Falls es dein Gewissen tröstet, kannst du auch das Lesen dieses Textes darunter zählen. Immerhin geht’s hier um Uni. 

Aber zurück zu meinem Problem. Selbsterkenntnis ist nicht der erste Schritt zur Besserung, sondern bloß ein Weg, das eigene Gesicht zu wahren, wenn man auf seine Vertagungsmuster angesprochen wird. Ein unbeeindrucktes "Ich weiß." zur rechten Zeit kann einem ausgedehnte Fremdanalysegespräche ersparen, während derer man besser noch ein paar Aufsätze recherchiert. Trotzdem gilt es, die eigenen Rituale zu analysieren. Schon deswegen, weil man auch das dann für produktiv halten kann. 

Das bisschen Text schreibt sich von allein, sagt mein Wäschekorb

Die Formen produktiver Prokrastination sind vielfältig. Besonders gefährlich wird es, wenn die heuchlerische Betriebsamkeit in entlegene Bereiche wie den Haushalt eindringt. Leicht hat man sich eingeredet, irgendwie hätte auch die Küche putzen oder die Wäsche waschen einen Bezug zur Arbeit. Ich bin von Natur aus eher ein unordentlicher Mensch und es macht mir gar nichts aus, Dinge rumstehen und -liegen zu lassen. Eine unaufgeräumte Küche hat mich noch nie aus der Ruhe gebracht. 

Umso besser eignen sich Tätigkeiten im Haushalt für mich, um meine eigentliche Arbeit damit zu ersetzen. Etwas anzugehen, was ich normalerweise weder gerne, noch oft und meist nur halb freiwillig tue, erfüllt mich hinterher natürlich mit ungemeiner Selbstzufriedenheit. 

Nach stundenlanger Arbeit ist sogar das Innere der Besteckschublade geputzt, oder, wenn es ganz schlimm kommt, die Fenster. Unglaublich, was für ein erwachsenes, anständiges, vorzeigbares Mitglied der Gesellschaft ich bin. Dafür habe ich mir jetzt erstens ein Glas Wein in dieser klinischen Umgebung verdient und zweitens heute keine weiteren Verpflichtungen mehr. 

An dieser Stelle ein Warnhinweis: Saubere Oberflächen lassen sich tatsächlich in keinster Weise in irgendeine wissenschaftliche Arbeit integrieren, außer darauf sollen Experimente durchgeführt werden. Und ich meine nicht die Art von Experiment, bei dem man ausprobiert, wie lange man die Deadline-Panik rauszögern kann.  

Was du heute kannst besorgen, wirst du morgen gar nicht brauchen 

Perfide ist auch die als Zwang getarnte konsumorientierte Eskapismus-Strategie. Es kommt vor, dass man tatsächlich etwas braucht, was man gerade nicht hat, und dann ärgert man sich aufrichtig, bei der Arbeit behindert zu werden. Das ist meistens etwas wie fehlendes Guthaben auf der Kopierkarte, ein unauffindbares Buch, ein zu Hause vergessenes Laptop-Ladekabel. Weniger wichtig ist hingegen ein neuer Textmarker. 

Trotzdem bin ich jederzeit bereit, alles fallen und liegen zu lassen, um solche scheinbar fehlenden Werkzeuge zu besorgen. Liegen lassen ist hierbei rein sprichwörtlich, denn natürlich packe ich meine Sachen in weiser Voraussicht ein und verschwinde für den Tag, ein Textmarker kauft sich nicht nebenbei. 

Der Weg in die Stadt ist unumgänglich. Irgendwohin, wo ich die größtmögliche Auswahl an Textmarkern habe, denn falls einer leer geht, sollte ich eine Reserve haben. Die Farbe ist dabei ganz gewiss nicht bedeutungslos. Allein die Suche nach ein paar bunten Stiften kann so zu einer tagesfüllenden Aufgabe werden, die überflüssigerweise vom Gefühl der Pflichterfüllung begleitet wird. 

Sollte die Wahl schließlich getroffen sein, ist dennoch der Rückweg zum Schreibtisch abgeschnitten. Wo ich schon in der Stadt bin, sollte ich die Gelegenheit nutzen, um mal nach [hier beliebigen Gegenstand einsetzen, der mit der Masterarbeit überhaupt nichts zu tun hat und auch sonst entbehrlich ist] zu schauen. Durch die Hintertür habe ich mir einen Tag, wenigstens einen halben, frei genommen. Und es wird nicht lange dauern, bis mir auffällt, dass ich für alle meine Kopien auch dringend noch eine Sammelmappe brauche. 

Liest du das noch oder kann ich das haben?

Die naheliegendste und dadurch womöglich tückischste Art der produktiven Prokrastination setzt nicht einmal voraus, dass man sich vom Schreibtisch wegbewegt. Die Rede ist vom ewigen Lesen. Tückisch ist diese Methode deswegen, weil lesen natürlich absolut notwendige Grundlage jeder ordentlichen wissenschaftlichen Arbeit ist und fast immer die meiste Zeit in Anspruch nimmt. Allerdings eskaliert die Situation leicht. 

Schnell stelle ich fest, dass der Text vor mir maximal einen für mein Thema relevanten Satz enthält. Ich lese trotzdem vierzig Seiten Aufsatz. Ich trage stapelweise Kopien mit mir herum und kaufe Bücher, von denen ich überzeugt bin, dass es nicht reicht, sie ausschnittsweise zu lesen. Mein noch zu erledigendes Lesepensum für die Masterarbeit enthält unter anderem drei bis fünf ganze Bücher mit mehreren hundert Seiten Umfang. Hier zeigt sich der Wahnsinn. 

Glücklicherweise gibt es herrlich viele Ausreden für nie endende Leseperioden und ein Textpensum, dass für immer verhindern wird, dass ich auch nur ein Wort schreibe, wenn ich es zuvor durchgearbeitet haben will. Leute, die in ihrer akademischen Karriere schon viel weiter sind als ich und von denen ein viel größerer Output erwartet wird, haben einst gesagt "Reading is reversed writing". Und ist das nicht auch tatsächlich so?! 

Okay, nein, ist es nicht. Aber man sieht die aufwendige Dialektik auf die produktive Prokrastinierende im Ernstfall bereitwillig zurückgreifen. Jeder Text aus fremder Hand ist im Grunde bereits der eigene Text, nur die Buchstaben sind in einer anderen Reihenfolge. Wie schon Kafka sagte: Das Buch muss die Axt sein für die gefrorene Masterarbeit in uns. Oder so.  

Fool me twice, shame on meta

Nur die produktive Prokrastination gibt einem übrigens die Möglichkeit der Metaprokrastination. Endlich kann man die Tätigkeit, die man statt konzentrierten Tippens aufgenommen hat, ebenfalls verzögern oder vertagen und Netflix gucken. Mindestens zwei Aufgaben gleichzeitig zu verdrängen, kann zunächst zu einer gewissen Anspannung vor dem Fernseher führen. 

Aber andererseits spricht es ja von enormer Geschäftigkeit, überhaupt zwei Aufgaben gleichzeitig abblitzen lassen zu können und eine gewisse Befriedigung bleibt nicht aus, wenn man in der Selbstreflektion den Betrug auf zwei Ebenen entdeckt und benennt. Denn was meta ist, ist schön.